Märchenwald - Next Level: Premiere von "Hänsel und Gretel"

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Dresden - Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald: Dieses Märchenmotiv der Gebrüder Grimm hat Engelbert Humperdinck in seiner spätromantischen Oper (1893) lyrisch verdichtet. Der Advents-Klassiker kommt nun in der Staatsoperette neu auf die Bühne - in der Anime-Ästhetik japanischer Videospiel-Welten und mit musikalischen Spritzern von K-Pop. Das ist ziemlich cool, besitzt aber auch das Potenzial, das Publikum zu spalten. Die Premiere war am Samstag.

Das Stück präsentiert sich knallbunt.
Das Stück präsentiert sich knallbunt.  © Lutz Michen

Im quietschpinken Heim langweilen sich Hänsel (Dimitra Kalaitzi) und Gretel (Christina Maria Fercher) unter Kopfhörern mit Tiefkühlpizzen in der Mikrowelle und Videospielen. Ihren kalt-mondänen Eltern (Steffi Lehmann und Andreas Mattersberger) ist das egal. Also tauchen die Geschwister ins Game ab und flüchten in den Anime-Märchenwald - durch bewusst-pixelige Videos von Lutz Michen visuell eingeführt.

Dort treffen sie eine "Hexe" (Silke Richter), die um ein verlorenes Kind trauert. Eine gutmütige Frau, umgeben von Waldgeistern, die Wärme geben will, im Ofen lieber Brot backt. Nur ihre aus Trauer geformte böse Seite - ein fliegender Hexendämon (Nina Kemptner) - ist bedrohlich.

Die Neuinszenierung durch Kathrin Kondaurow, Intendantin der Staatsoperette, ist famos. Das Barbiepuppen-Zuhause und die der als Blumenwiese gestaltete Märchenwald (Bühne: Volker Thiele) erstrahlen in buntem Licht, die Sandmännchen und Engel leuchten mit Glühbirnen-Flügeln (Kostüme: Anke Alteith), der betörend-artistischen Leistung von Nina Kemptner an der anspruchsvollen Flying-Pole-Stange ist Respekt zu zollen.

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Der Gesang ist wunderbar, das Orchester der Staatsoperette unter Leitung von Chefdirigent Michael Ellis Ingram spielt in sattem Schmelz die romantische Partitur Humperdincks voll aus, das Lied "Brüderchen, komm tanz mit mir" harmoniert prächtig mit den Beats des K-Pop-Arrangements von DJ Paul Keilhau und der mitreißenden Tanz-Choreografie durch Helene Kundaurow. Das sollte junge Zuschauer garantiert abholen.

Neukonzeption der Hexenfigur etwas überambitioniert

Der Videospiel-Look soll junge Zuschauer abholen.
Der Videospiel-Look soll junge Zuschauer abholen.  © Lutz Michen

Die Regisseurin mutet ihrem Publikum allerdings einiges zu. Ihre Inszenierung trifft die einen recht zielgenau und verfehlt möglicherweise die anderen. Der Premierenapplaus war entsprechend freundlich-verhalten, einige Buh-Rufe waren zu vernehmen.

Bedeutet: Das junge Publikum, bewusst adressiert, scheint man zu erreichen. Animes, Mangas und das immens erfolgreiche K-Pop-Segment um Bands wie BTS wird angemessen bedient, ohne dabei den romantischen Kern von Humperdincks Oper zu vernachlässigen. Die moderne Videospiel-Optik - die drei Akte sind hier drei Game-Level - dürfte das klassische, ältere Publikum trotzdem eher verstören.

Auch die Neukonzeption der Hexenfigur scheint - so schlüssig sie ist - etwas überambitioniert und wird sich ohne Erklärung wohl kaum erschließen. Die Lektüre des Interviews mit einem Märchen-Experten im Programm-Faltblatt empfiehlt sich also vor der Aufführung!

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Diese moderne Neuinterpretation von "Hänsel und Gretel" fasziniert und unterhält, platziert sich aber auch zwischen den Stühlen von Jung und Alt.

Titelfoto: Lutz Michen

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