Dresden - Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist elementarer Bestandteil des griechischen Mythenschatzes. Dabei steht immer der Sänger Orpheus im Mittelpunkt. An der Staatsoperette wird der Spieß nun umgedreht: Im Tanzabend "Ich, Eurydike" löst sich die Nymphe aus Orpheus' Schatten und tanzt sich frei. Zu erleben ist modernes, mitreißendes Tanztheater par excellence. Die begeistert gefeierte Uraufführung war am Sonntag.
Die Nymphe Eurydike gilt als große Liebe und Muse des Sängers Orpheus. Als sie nach einer Vergewaltigung stirbt, erhält er die Erlaubnis der Götter, sie aus dem Totenreich zurückzuholen. Weil er sich aber verbotenerweise nach ihr umsieht, muss sie in der Unterwelt bleiben.
So kennt man die Geschichte, die der deutsch-italienische Choreograf Gabriel Pitoni in die Moderne überträgt. Er wollte sie aber laut Programmheft keinesfalls nacherzählen, sondern "der Frage nach Verlust und Selbstfindung nachspüren."
Pitoni interpretiert den Mythos als Paarbeziehung, bei der Orpheus' Blick für Eurydike kein Menetekel ist, sondern ihr, von der man kaum etwas weiß, die Möglichkeit gibt, zu ihren eigenen Zweifeln und Emotionen zu stehen. Eurydike steht im Fokus, Orpheus rückt in den Hintergrund. Es geht also um die (mühsame) Emanzipation einer sonst so marginalisierten Frau.
Die Musik hat Michael Ellis Ingram, Chefdirigent der Staatsoperette, komponiert, gestützt auf den Gedichtzyklus "Sonette an Orpheus" von Rainer Maria Rilke.
"Ich, Eurydike": Jubel und stehende Ovationen zur Premiere in Dresden
Ingrams Partitur fasst die Bandbreite des musikalischen Repertoires der Staatsoperette zusammen: Es gibt hämmernde Pianoklänge in Minimal-Music-Tradition, opulenten Orchester-Schmelz, Musical-Rhythmen. Hinzu kommen elektronische Tracks des Berliner Komponisten Paul Keilhau - pluckernd, düster-treibend, Club-Sounds auftürmend. Das beißt sich nicht, alles geht eine harmonische Symbiose ein.
Überragend die Solistin Elizabeth Iwasko in der Titelpartie, zauberhaft und ausdrucksstark über die gesamten 70 Minuten hinweg. Erst im Duett mit Orpheus (Eliton Da Silva de Barros), dann in voller emotionaler Palette als Teil des hervorragenden Ballettensembles auf schlichter schwarzer Bühne (Sebastian Pitoni), zwischen Plastikvorhängen, Silberreliefs und unter einem seltsamen Sack-Ballon, wie ein atmendes Organ über der Szenerie.
Das Orchester spielt hinter der Bühne, der Graben ist geschlossen, die Tänzer und Tänzerinnen gelangen dadurch bis an die Rampe. Ein starker Effekt, ebenso, wenn der Chor der Staatsoperette sich zwischen sie mischt. Zum Ende bekommt Eurydike selbst einen Schatten (Melania Mazzaferro) und eine Stimme (Sybille Lambrich). Warum erschließt sich nicht wirklich, was den Gesamteindruck jedoch nicht trübt.
Unterm Strich finden in diesem Tanzabend Ballett und zeitgenössischer Tanz, klassische Musik und elektronische Beats zu einer wunderbaren Einheit. Langer Jubel und stehende Ovationen vom Premierenpublikum.