Dresden - Inklusion - also das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung - ist ein schwieriges Thema. Speziell die Umsetzung an Schulen etwa ist umstritten. Wie kann es auf der Theaterbühne funktionieren? Eine Antwort bietet das inklusive Stück "Neuer Versuch" der belgischen Regie-Brüder Clément und Guillaume Papachristou - erhellend, launig und frei von Mitleids-Kitsch. Die Uraufführung war am Samstag im Kleinen Haus.
Clément und Guillaume Papachristou sind Zwillingsbrüder, die nur eines voneinander trennt: Guillaume lebt seit Geburt mit den Folgen einer Zerebralparese, einer frühkindlichen Verletzung des Gehirns, die zu Bewegungs- und Sprachproblemen führt.
Ihren Umgang miteinander haben sie in der Theater-Performance "Ein Versuch, fast wie jeder andere auch" verarbeitet. 2024 bekamen sie dafür den Preis der Jury bei "Fast Forward", dem Festival für junge Regie, der eine neue Inszenierung am Staatsschauspiel garantiert. Mit "Neuer Versuch" haben die Brüder sie nun vorgelegt. Diesmal als Regie-Duo. Die Bühne überlassen sie anderen.
Das sind die Ensemblemitglieder Victor Tremmel und Karina Plachetka als sie selbst, die auf Lisa Zocher und Pierre Zinke treffen - beide sitzen im Rollstuhl. Sie müssen einander erst kennenlernen.
Karina tippt Lisas Erzählungen in einen Laptop, Victor jene von Pierre. Die Dialoge sind auf einem Bildschirm in einfacher Sprache zu lesen, zwei Gebärdendolmetscherinnen gibt es auch.
Leitfrage: "Magst du deinen Körper?" Mal heißt es: "Ja, auch wenn er manchmal ein einziger spastischer Schmerz ist." Oder: "Hier auf der Bühne finde ich mich am Allerschönsten."
Thema bleibt schwierig
Lisa möchte gerne Kassandra spielen, teilt mit Karina die Liebe zum Tanz. Pierre wäre gerne der Kult-Alien ALF ("Ich komme mir vor, als käme ich von einem anderen Stern") und fragt, was ein Schauspieler sei. "Ein professioneller Lügner", gesteht Victor, der dann in einem amüsanten Solo um einen scheinbar vergessenen Text ringt.
Sanft eingekleidet in die entspannten House-Beats des Dresdner Choreografen und Komponisten Charles A. Washington sparen Lisa und Pierre nicht mit entwaffnender Selbstironie: "Ich weiß, dass der eigentliche Star mein Rollstuhl ist." Berührend, wenn sie dann alle zu Tschaikowskys "Schwanensee" tanzen - gleichberechtigt, auf Rollstühlen und Stühlen auf Rollen.
Das Thema bleibt, wie eingangs erwähnt, schwierig. Als Zuschauer muss man tun, wovor man im Alltag womöglich zu leicht die Augen verschließt: teils schwer behinderten Menschen zusehen.
Dann aber findet man in den beeinträchtigten Körpern kluge und witzige Individuen, die mit Verve ihr Miteinander mit nicht behinderten Menschen finden. Beide Seiten müssen nur dafür offen sein, das ist die lebensbejahende Botschaft dieser warmherzig-ehrlichen Versuchsanordnung.