Gebürtiger Dresdner für Buchpreis nominiert: Neuer Roman von Ingo Schulze

Dresden/Berlin - Ingo Schulze (63) gehört zu den wichtigen deutschen Schriftstellern seiner Generation. Geboren wurde er 1962 in Dresden, wo er Kindheit und Jugend verbrachte. Die Erfahrungen aus der DDR, der Umbruch von 1989/90 und die Folgen der deutschen Einheit ziehen sich durch sein Werk. Auch wenn Schulze seit 1993 in Berlin lebt, bleibt der Osten Deutschlands wichtiger Bezugspunkt seiner Bücher.

Ingo Schulze (63), Autor und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, bei einer Veranstaltung.  © IMAGO/Funke Foto Services

Bekannt wurde Schulze mit den Romanen "33 Augenblicke des Glücks" sowie "Simple Storys" über das Leben in der ostdeutschen Provinz. Es folgten unter anderem "Neue Leben" und "Adam und Evelyn". In "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" erzählt er wunderbar ironisch die Geschichte eines überzeugten DDR-Sozialisten, der nach der Wende zum Kapitalisten wird.

In "Die rechtschaffenen Mörder" wendet sich Schulze einer dunklen Seite der Nachwendezeit zu. Im Mittelpunkt steht der Dresdner Antiquar Norbert Paulini, der über Jahrzehnte Bücher sammelt und verkauft und dabei zu einer angesehenen Figur wird. Doch nach der Wende verändert sich sein Leben – und schließlich wandelt sich der kultivierte Büchermensch zum verbitterten Rechtsaußen. Schulze spielt dabei auch mit der Frage, wem man als Erzähler trauen kann.

Sein neuer Roman "Das Wasser im August" spielt in Gegenwart und Vergangenheit. Ausgangspunkt ist eine Lesung im Jahr 2025 in Mecklenburg. Der Erzähler soll aus einem unfertigen Manuskript lesen, in dem es um einen Sommer des Jahres 1979 geht. Damals war er als junger Mann mit dem Berufsziel Schriftsteller in der Mecklenburgischen Seenlandschaft unterwegs, in einer Art Künstlerkommune, einer Nische im Sozialismus.

Dresden Neuer Anlauf! Chöre singen in Hofewiese

Prägende Begegnungen ergeben sich für ihn, auch die Liebe erlebt er dort. Anscheinend verarbeitet Schulze hier auch persönliche Erlebnisse, etwa mit den Dresdner Malerpersönlichkeiten Gerda Lepke und Max Uhlig.

Anzeige
Das Buchcover von "Das Wasser im August".  © S. Fischer

"Das Wasser im August": Buchpremiere im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels

Es ist die eigene Vergangenheit, von der auch der Erzähler im Roman, Schulzes Alter Ego, in seiner Novelle berichtet. Als bekannter Autor und Vorleser reist er an den Ort des Geschehens zurück. Die Perspektiven sind unterschiedlich. Der Sommer 1979 gehört zu einer entschwundenen Welt; der junge Mann in der Erzählung weiß nichts von den politischen Veränderungen, die vor ihm liegen. Der Erzähler hingegen weiß, was danach kam: das Ende der DDR, die Wiedervereinigung und die Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte.

Damit knüpft "Das Wasser im August" an ein Thema an, das Schulze seit seinen frühen Büchern beschäftigt: Wie verändert Geschichte das persönliche Leben – und wie verändert sich umgekehrt unser Blick auf die Geschichte, wenn wir auf das eigene Leben zurückschauen? Er schreibt aus der Erfahrung einer Generation, die ihre Jugend in der DDR verbrachte und deren Lebensentwürfe durch die Wende grundlegend verändert wurden.

Der Autor wundert sich über die zunehmende Ostalgie. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand wünschte, noch mal im Jahr 1988 zu leben", sagte er dem "Stern" angesichts des Erscheinens des Buches. Die Sehnsucht nach früher erklärt er sich so: "Vielleicht liegt dieser Wunsch in der Tatsache begründet, dass es das Gefühl gab, Dinge für sich selbst ändern zu können. Der Aufbruch von 1989 setzte eine ungeheure Aktivität in Gang. Die Menschen strömten nicht nur zu Demonstrationen, sondern gründeten bis in die Dörfer hinein runde Tische." Es sei um eine Reform der DDR gegangen: "Als das leider vom Tisch war, folgte der Schock verzögert."

Schulze, seit 2023 auch Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ist als Autor erfolgreich. Der neue Roman war noch nicht erschienen, da wurde ihm schon der Uwe-Johnson-Preis 2026 zuerkannt, auch die Longlist zum Deutschen Buchpreis weist den Titel aus. Am 6. September ist Buchpremiere im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels, veranstaltet von Literatur LIVE, moderiert von Josefine Gottwald.

Mehr zum Thema Dresden: