In den Nischen der Gesellschaft: Hans-Peter Lühr zu seinem neuen Buch über das Bürgerliche in der DDR
Dresden - Das Bürgertum war gemäß der sozialistischen Idee ideologischer Gegner des sozialistischen Staates, das Bürgerliche ein Relikt, das es im Sinne einer klassenlosen Gesellschaft zu überwinden galt. In der Wirklichkeit der DDR war das Bürgertum indes auf gleiche Weise nicht auszuschalten wie nicht gewollt. Oftmals verkapselt, um dem staatlichen Druck aus offener Kampfansage und stiller Duldung auszuweichen, sicherte es in Kunst, Religion, Medizin oder Wissenschaft seinen Fortbestand.
Ein neues Buch, "Refugiumsbürgertum in Dresden" (Thelem, 22 Euro), herausgegeben von Hans-Peter Lühr und Johannes Schütz, nimmt das in den Blick.
Es gründet auf einer Reihe Interviews, die Lühr (75), langjähriger Redakteur der Dresdner Hefte, ab 2012 mit Persönlichkeiten wie dem Wissenschaftler und Unternehmer Alexander von Ardenne, dem Kunsthistoriker Hans Joachim Neidhardt, dem Soloflötisten der Sächsischen Staatskapelle Eckart Haupt, der Denkmalpflegerin Elisabeth Hütter, dem Pfarrer und späteren Oberlandeskirchenrat Christoph Münchow und anderen führte.
Ergänzt werden die Interviews von Aufsätzen des wissenschaftlichen Mitarbeiters am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Mitherausgebers Johannes Schütz ("Bürgerlichkeit in der Defensive") und des Soziologen Karl-Siegbert Rehberg ("Die verleugnete Klasse").
Das Phänomen wird somit lebensweltlich wie wissenschaftlich erfasst. Heute Abend, 19 Uhr, wird das Buch im Stadtmuseum vorgestellt.
Hans-Peter Lühr: "Wirkliche Opposition trat erst 1989 aus dem Schatten"
TAG24: Herr Lühr, Ihr Buch betrachtet ein bisher wenig beachtetes Kapitel der Dresdner wie die DDR-Geschichte. Was müssen wir uns unter dem Begriff "Refugiumsbürgertum" vorstellen?
Hans-Peter Lühr: "Den Begriff hat der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg geprägt. Er bezeichnet eine bürgerliche Schicht in der DDR, die das Land bis zum Mauerbau nicht verlassen hatte, aber ihre Lebensvorstellungen und Denkweisen auch im Sozialismus beibehalten und gegen die Zumutungen des Staates verteidigt hat: ein Leben in privaten Rückzugsräumen – eine Art Refugium eben. Dazu gehörten Akademiker aller Couleur, Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer."
TAG24: Die DDR war ein erklärtermaßen antibürgerlicher Staat. Wie konnte sich das Bürgertum im sozialistischen Staat behaupten?
Hans-Peter Lühr: "Bis 1961 wurde das Kulturbürgertum teilweise noch sehr umworben; seine Fähigkeiten wurden für den neuen Staat gebraucht. In Dresden betraf das vor allem den Dresdner Klub des Manfred von Ardenne, der 1955 aus der Sowjetunion zurückgekehrt war. Damals hatte immerhin Walter Ulbricht den renommierten Wissenschaftler in Dresden willkommen geheißen. Nach dem Mauerbau änderte sich die Gangart erheblich; Privilegien wurden abgeschafft, 1972 kam die Verstaatlichung der Privatwirtschaft, und eine neue, sozialistisch erzogene Intelligenzia übernahm das Ruder. Das alte Kulturbürgertum verschwand gleichsam in den Nischen der Gesellschaft und übte sich in Mimikry. Ein Wohlfühlort besonderer Art wurde damals zum Beispiel die Kunstausstellung Kühl, die couragiert die unangepasste Dresdner Künstlerschaft gezeigt hat."
TAG24: Resultierte aus dem Refugiumsbürgertum oder Kulturbürgertum eine Opposition im sozialistischen Staat? Oder dominierten mehr Anpassung und Opportunismus?
Hans-Peter Lühr: "Wirkliche Opposition trat erst 1989 aus dem Schatten. Bis dahin bedeutete Gegenbewegung vor allem Verweigerung und Taubheit gegen das offizielle Ideologiegetöse. Das Bürgertum lebte seine traditionellen Kultur- und Bildungsideale – was unser Buch ausgiebig beschreibt. Ohne Anpassung funktioniert das nicht, aber klassische Bildung bedeutete immer auch eine Art 'stille' Opposition. Opportunismus? - Das war ein Grundzug der ganzen DDR-Gesellschaft."
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Hans-Peter Lühr: "Wie beeinflusst diese neue Mittelschicht heute die Gesellschaft?"
TAG24: Im Untertitel des Buches ist die Rede vom Refugiumsbürgertum als einer "verschwundenen Lebensform". Wo ist sie hin, diese Lebensform?
Hans-Peter Lühr: "In die Geschichtsbücher gewandert. Refugiumsbürgertum ist insofern eine 'verschwundene Lebensform', als sie eine besondere Situation in DDR-Zeiten beschreibt."
TAG24: Das Bürgertum, überhaupt das Bürgerliche hat die DDR überlebt, wie es vorher Kaiserreich, Weimarer Republik und Nazizeit hinter sich gelassen hat, die es gleichzeitig mit getragen hatte. Welche Bedeutung hatte das Bürgerliche für Dresden in den Jahren nach 1989/90?
Hans-Peter Lühr: "Das ist eine sehr komplexe Frage. Trotz aller Negativerfahrungen waren die 1990er-Jahre wirtschaftlich ja auch energische Gründerzeiten mit massenhaft neuen Unternehmen – oft hervorgegangen aus den Resten der alten VEB, einschließlich ihres Personals. Wie beeinflusst diese neue Mittelschicht heute die Gesellschaft? Die gleiche Frage können Sie an das – noch immer extrem westdeutsch geprägte – Personal der Hochschulen und Museen stellen. Ich denke, das ganze akademische Feld müsste im Sinne Ihrer Frage aktuell neu vermessen werden. Bislang gibt es zum Thema neue Bürgerlichkeit in unserem gemeinsamen Land kaum Untersuchungen. Bildungsbürgerlichkeit in einem weiten Sinne verstanden, ist aber – glaube ich – noch immer die Basis der Gesellschaft."
TAG24: Wagen Sie einen Ausblick: Hat das Bürgerliche eine Zukunft in der digitalen Welt?
Hans-Peter Lühr: "Salomonisch gesprochen hat menschliche Intelligenz immer Zukunft. Auch eine neue bürgerliche Schicht der Gegenwart hat vermutlich genügend Potenzen, um die gravierenden Probleme, die uns heute so zusetzen, halbwegs lösen zu können. Wie viel Verantwortung eine solche neue bürgerliche Generation zu übernehmen real bereit ist – das kann ich nicht beurteilen. Ich denke bei solchen Fragen gern an die imponierende Reformbewegung um 1900, die von einem jungen, der Aufklärung verpflichtetem Bürgertum getragen wurde. Dresden hatte hierbei damals mit Hellerau ein Zentrum."
Titelfoto: Fotomontage/Ove Landgraf

