Interview mit Geldwirtschafts-Experte: Ist das Finanzsystem noch sicher?

Dresden - US-Banken bankrott, Credit Suisse übernommen, Banken-Aktien abgestürzt: TAG24 sprach mit Geldwirtschafts-Experte Dr. Stefan Eichler (40) von der TU Dresden.

Prof. Dr. Stefan Eichler (40).
Prof. Dr. Stefan Eichler (40).  © PR/Fototeam Schlegel

Am Freitag sackten Bank-Aktien an der Börse in den Keller. In den USA sind die Silicon Valley Bank und die Signature Bank bankrott. Vergangenes Wochenende ließ die Schweiz die Credit Suisse mit der UBS verschmelzen. Die Ratingagentur Moody's hat die Kreditwürdigkeit von Banken herabgestuft. Droht jetzt wie 2008 eine neue Bankenkrise?

Wir fragten Prof. Dr. Stefan Eichler (40) von der TU Dresden, Experte für Internationale Monetäre Ökonomik.

  • Müssen wir uns Sorgen um unser gespartes Geld machen?
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Man kann eine globale Bankenkrise leider nicht ausschließen, denn die meisten Banken in den USA und Europa haben das gleiche Problem: Der Wert ihrer Anleihebestände ist im Zuge der Zinserhöhungen im letzten Jahr stark gefallen.

Wenn Kunden in großem Umfang ihre Sparguthaben abheben, muss die Bank diese Wertpapiere zu Geld machen. Diese Banken mussten ihre Anleihen dann weit unter den Einstandskursen verkaufen und damit hohe Verluste realisieren. Am Ende war nicht genug Geld da, um alle Kunden auszuzahlen.

Das Problem bleibt: Viele Banken sitzen auf unrealisierten Verlusten auf Anleihen in ihrer Bilanz. Sollte nun auch noch eine Rezession mit Kreditausfällen einsetzen, würde sich ihr Solvenzproblem weiter verschärfen.

Vergangenes Wochenende ließ die Schweiz die Credit Suisse mit der UBS verschmelzen.
Vergangenes Wochenende ließ die Schweiz die Credit Suisse mit der UBS verschmelzen.  © IMAGO/NurPhoto

Eurozone noch stabil

Sind die Banken noch flüssig? Wenn Kunden ihre Sparguthaben abziehen, muss eine Bank am Ende geschlossen werden.
Sind die Banken noch flüssig? Wenn Kunden ihre Sparguthaben abziehen, muss eine Bank am Ende geschlossen werden.  © IMAGO/Michael Gstettenbauer
  • Die Schuldenstände sind weltweit groß. Gibt es Ansteckungseffekte und kann das die Bankenkrise verschärfen?

Die Staatsverschuldung sehe ich nicht als das Hauptproblem. Das Risiko einer Bankenkrise hängt eher mit der Inflation und dem Dilemma der Geldpolitik zusammen. Solange die Inflation hoch bleibt, wird die EZB die Zinsen wahrscheinlich nicht senken können, schließlich ist das 2-Prozent-Ziel noch in weiter Ferne.

Bei hohen Zinsen bleiben allerdings die Anleihekurse niedrig und damit die Solvenzprobleme vieler Banken bestehen. Das Risiko einer Rezession nimmt außerdem zu, denn die hohen Kreditkosten machen Unternehmensinvestitionen und Immobilienkäufe teurer.

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  • Wenn jetzt weitere Banken gerettet werden müssen: Reichen dafür die Gelder der Sicherungsfonds von Staat und Banken?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Bisher ist in der Eurozone noch keine Bank in Schieflage geraten. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Banken hierzulande eine viel breitere Kundenbasis als die genannten amerikanischen Banken haben. In Deutschland gilt die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro. Die Glaubwürdigkeit dieser staatlichen Garantie hängt natürlich von der Schwere einer etwaigen Bankenkrise und der Kreditwürdigkeit des Staates ab. Insgesamt sind wir mit unserem kleinteiligen Banksystem und der hohen staatlichen Kreditwürdigkeit bis dato vergleichsweise gut aufgestellt.

Im Prinzip können aber auch Einleger Teile ihrer Guthaben verlieren. Das haben wir in der zyprischen Bankenkrise von 2012 gesehen.

Angst vor neuer Bankenkrise: Allein die Deutsche Bank musste am Freitag an der Börse zeitweise hohe Verluste verkraften.
Angst vor neuer Bankenkrise: Allein die Deutsche Bank musste am Freitag an der Börse zeitweise hohe Verluste verkraften.  © Imago/UPI Photo

Wie kann das Ruder noch umgerissen werden?

Wackeln schon wieder die Banken? Zeitungen verkünden am 16. September 2008 in New York den Zusammenbruch der Maklerfirma Lehman Brothers.
Wackeln schon wieder die Banken? Zeitungen verkünden am 16. September 2008 in New York den Zusammenbruch der Maklerfirma Lehman Brothers.  © imago/Levine-Roberts
  • Nach der letzten Krise wurden Reformen in der Finanzmarktregulierung angeregt. Sind die Regeln noch ausreichend?

Einen generellen Reformbedarf im Finanzsystem sehe ich nicht. Die Eigenkapitalquoten der Banken wurden stark erhöht, regelmäßige Stress-Tests sollen Transparenz über Risikofaktoren ermöglichen und die EZB kann bei Bank Runs schnell Liquidität ins Bankensystem pumpen, um das Schlimmste zu verhindern.

Die Instrumente zur Krisenbekämpfung sind also da. Auf der taktischen Ebene kann ich das Agieren der amerikanischen Behörden im Fall Silicon Valley Bank und Signature Bank nicht nachvollziehen. Die Illiquidität dieser Banken hätte man durch Rettungskredite verhindern können. Offensichtlich war der politische Wille für eine Rettung nicht da. Nun ist das Virus der Bank Runs wieder in der Welt. In den USA schichten Einleger ihr Geld von den kleinen zu den großen Banken um.

Viele kleinere Regionalbanken sind dort nun in ihrer Existenz bedroht. Dieses Exempel sollte man in der Eurozone besser nicht statuieren.

  • Was muss jetzt getan werden, damit das Banken- und Geldsystem krisenstabiler wird?

Zum einen sollte die EZB rasch durch neue Instrumente die kurzfristige Finanzierung von Banken absichern, damit Bank Runs nicht automatisch zur Insolvenz führen. Zum anderen sollte sich die EZB ihrem geldpolitischen Zielkonflikt stellen: Weitere Zinserhöhungen würden zwar die Inflation drücken, aber eben auch zu weiteren Buchverlusten in den Anleihebeständen der Banken führen.

Eine Pause bei den Zinserhöhungen scheint mir angezeigt.

Titelfoto: Bildmontage: IMAGO/NurPhoto, PR/Fototeam Schlegel

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