Im Sarg durch Mitteleuropa: Jaroslav Rudiš hat ein neues - grandioses - Buch geschrieben

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Dresden - Es ist eine ungewöhnliche Reisegesellschaft, die Jaroslav Rudiš (44) in seinem neuen Roman "Wo die Toten sprechen" durch Mitteleuropa schickt: Lorenzo, Caspar und Miss Detroit. Sie fahren in einem alten Saab, zärtlich "Der Sarg" genannt, von Friedhof zu Friedhof, besuchen die Gräber berühmter Dichter und geraten dabei immer tiefer in die Geschichte ihrer eigenen Familien.

Jaroslav Rudiš pendelt als Autor zwischen Tschechien und Deutschland.
Jaroslav Rudiš pendelt als Autor zwischen Tschechien und Deutschland.  © picture alliance / SZ Photo

Lorenzo, ein ehemaliger Gefängnisinsasse, der von der Knastbibliothek als Universität spricht und der Bücher buchstäblich "frisst", forscht über verstorbene europäische Dichter, weil er darüber eine Doktorarbeit schreiben will; seltsame Angewohnheiten hat er, schläft auf Gräbern und manchmal heult er wie ein Wolf: "Hui ... Huii … Huiii."

Miss Detroit ist Friedhofsgärtnerin und meint, durch die Blumen mit den Toten sprechen zu können; ihren Namen hat sie von einer Verstorbenen, Fräulein Detroit, übernommen.

Caspar ist fast blind, lebt in Trennung und denkt oft an seinen Vater, der im Böhmischen Paradies lebt; die Vergangenheit der deutsch-tschechischen Nachbarschaft verbindet seine Familiengeschichte mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

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Ihre Reise nimmt eine absurde Wendung, als sie auf einem Berliner Friedhof einer Gruppe von Reichsbürgern zuvorkommen, die Gräber plündern wollen. Sie nehmen die Knochen eines NS-Verbrechers an sich und haben damit plötzlich eine höchst makabre Fracht im Kofferraum.

Unterwegs suchen die drei die Gräber von Adalbert Stifter, Franz Kafka, Bohumil Hrabal und vielen anderen Autoren auf. Für Lorenzo sind sie Gegenstand seiner literarischen Forschung, für sie alle drei sind die Friedhöfe Orte, an denen Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen. Sogar eine Band gründen sie, die Dead Poets. Überhaupt hören sie viel Musik auf ihrem ungewöhnlichen Roadtrip, von The Cure bis The Doors.

Autor stellt Buch in Dresden vor

Das Buch erschienen bei Luchterhand für 24 Euro.
Das Buch erschienen bei Luchterhand für 24 Euro.  © PR

Rudiš erzählt von Tod, Erinnerung, Krieg, Vertreibung und Schuld. Sein schwarzer Humor, ein Stilmittel, das seine Bücher prägt, hält die Schwere immer wieder auf Abstand. Hašeks "Schwejk" lässt grüßen.

Der 1972 im nordböhmischen Turnov geborene Rudiš kennt die Grenzen zwischen Deutschland und Tschechien aus eigener Erfahrung. Er studierte unter anderem Germanistik und Geschichte, arbeitete als Journalist und schreibt auf Tschechisch und Deutsch.

Bekannt wurde er mit Romanen wie "Der Himmel unter Berlin", "Grandhotel" und "Nationalstraße" sowie mit der Graphic Novel "Alois Nebel". In "Winterbergs letzte Reise" ließ er einen alten Mann mit der Eisenbahn durch Mitteleuropa fahren und dabei die Geschichte des Kontinents Revue passieren. Auch Rudiš selbst ist ein leidenschaftlicher Eisenbahnreisender, so hat er auch eine "Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen" geschrieben. Und wie seine Protagonisten im neuen Buch ist auch er Teil einer Musikgruppe, der Kafka Band.

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Das Unterwegssein ist in Rudiš Büchern mehr Lebensform als bloße Kulisse. Seine Figuren bewegen sich durch Landschaften, in denen die Vergangenheit jederzeit gegenwärtig ist. In "Wo die Toten sprechen" beschreibt er eine so makabere wie melancholische Reise: Drei Menschen suchen die Toten auf und stoßen dabei immer wieder auf ihre eigenen Geschichten, aus denen die Geschichten Europas sprechen.

Ein herrliches Buch, das lustvolles Lesen verspricht. Am Montag (28. September, 19.30 Uhr) stellt der Autor sein Buch im Dresdener Schauspielhaus vor, es moderiert Marion Brasch. Eine Veranstaltung von Literatur Live in Kooperation mit dem Staatsschauspiel. Im Anschluss ist Buchverkauf und Signierstunde im Parkettfoyer.

Titelfoto: Bildmontage: PR, picture alliance / SZ Photo

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