Ruckel-Fahrt für die Ewigkeit: Einmal mit Dresdens ältestem Linienbus durch den Stadtverkehr

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Dresden - Knapp 30 Sekunden lässt Fahrer Paul Herrlich (25) den Motor des "Büssing-NAG 900N" vorglühen, dann setzt sich Dresdens ältester Linienbus in Bewegung. Das Getriebe jault laut auf, als im Zuge der Rundfahrt um den DVB-Betriebshof Waltherstraße mit Zwischengas der nächste Gang eingelegt wird. Eine wahrlich besondere Ruckel-Fahrt!

Das Interesse an einer Fahrt mit dem Büssing-Bus war so groß, dass mehrfach auch außerplanmäßig gefahren wurde.
Das Interesse an einer Fahrt mit dem Büssing-Bus war so groß, dass mehrfach auch außerplanmäßig gefahren wurde.  © Holm Helis

Zum 100. Jubiläum des Betriebshofs haben die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) am Samstag für allerlei Unterhaltung in ihrer riesigen Halle an der Waltherstraße gesorgt.

Mehrere Essbuden, eine Hüpfburg für die Kinder, eine Bühne mit Live-Musik und einen Stand, an dem sich die Besucher durch Kisten voller Tram-Schilder aus alten Zeiten wühlen können. Doch das wahre Highlight steht draußen.

Es ist kurz vor 14 Uhr, als ich am ehrwürdigen Betriebsgelände eintreffe. Da steht er, der Bus aus dem Baujahr 1938. Vor ihm wartet bereits eine große Ansammlung an Menschen im Nieselregen auf die nächste Fahrt. Auch ich will mitfahren.

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Seit circa 10 Uhr ist Herrlich bereits zu sieben Fahrten um den Block aufgebrochen, wie er erzählt. Pro Tour versetzt der geschulte Fahrer des 130-PS-Oldtimers gut 28 Fahrgäste zurück ins Jahr 1938 und damit in eine Zeit, in welcher der Büssing als modernster Bus in ganz Dresden gilt.

Gemeinsam mit Fahrtbegleiter Harry Schulz (70, l.) steht Paul Herrlich (25, r.) vor dem Oldtimer. Er ist derzeit einer von zwei geschulten Fahrern, die den Oldtimer steuern dürfen.
Gemeinsam mit Fahrtbegleiter Harry Schulz (70, l.) steht Paul Herrlich (25, r.) vor dem Oldtimer. Er ist derzeit einer von zwei geschulten Fahrern, die den Oldtimer steuern dürfen.  © Holm Helis
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Die DVB haben am Samstag das 100-jährige Jubiläum des Betriebshofs Waltherstraße gefeiert. Der Betriebshof wurde am 5. Oktober 1926 erbaut und galt einst als Dresdens modernster Straßenbahnhof.
Die DVB haben am Samstag das 100-jährige Jubiläum des Betriebshofs Waltherstraße gefeiert. Der Betriebshof wurde am 5. Oktober 1926 erbaut und galt einst als Dresdens modernster Straßenbahnhof.  © Holm Helis

ZU DDR-Zeiten in Coswig versteckt: bewegende Geschichte des "Büssing-NAG 900N"

Einmaliges Gefühl: Busfahrer Herrlich steuerte den alten Büssing gekonnt durch den Verkehr der Neuzeit.
Einmaliges Gefühl: Busfahrer Herrlich steuerte den alten Büssing gekonnt durch den Verkehr der Neuzeit.  © Holm Helis

Von allen neun Modellen überlebt keines den Zweiten Weltkrieg. Vier werden nach Kriegsende wieder instand gesetzt. Nummer vier dient bis ins Jahr 1966 als Fahrschulwagen.

Dass Besucher im Rahmen des Betriebshofs-Jubiläums am Samstag in den letzten Büssing einsteigen können, ist einem guten Versteck im ehemaligen Betriebshof Coswig zu verdanken, in dem der für damalige Verhältnisse viel zu noble Bus bis 1985 den Großteil der DDR-Zeit ausharrt und damit einer Verschrottung entkommt.

"Fertig für die Abfahrt", ruft Schaffner und Fahrtbegleiter Harry Schulz (70).

Dresden: Nach 25 Jahren wieder in Deutschland: Riesige Pride-Parade kommt nach Dresden!
Dresden Lokal Nach 25 Jahren wieder in Deutschland: Riesige Pride-Parade kommt nach Dresden!

Der 88 Jahre alte Bus rollt an, die wohl schönste Ruckel-Fahrt meines Lebens beginnt.

Busfahren wie im Jahr 1938. Nur die Stehplätze wurden inzwischen abgeschafft.
Busfahren wie im Jahr 1938. Nur die Stehplätze wurden inzwischen abgeschafft.  © Holm Helis
Zum Blinken wird ein sogenannter Winker ausgefahren.
Zum Blinken wird ein sogenannter Winker ausgefahren.  © Holm Helis

Zum DVB-Jubiläum im alten "Büssing"-Bus um den Block: "Ich konnte nicht lesen da drin"

Aus Sicht von TAG24-Redakteur Malte Kurtz (31) könnten die gemütlichen Ledersitze auch heutzutage in jedem Bus verbaut werden.
Aus Sicht von TAG24-Redakteur Malte Kurtz (31) könnten die gemütlichen Ledersitze auch heutzutage in jedem Bus verbaut werden.  © Holm Helis

Ich sitze ganz hinten auf einer vertikalen Sitzbank mit gemütlichen Ledersitzen. Vor mir mehrere Zweisitzer-Reihen, alle besetzt.

Wir fahren über die Friedrichstraße, biegen auf die Weißeritzstraße ab, dann auf die Fröbelstraße und kehren abschließend auf die Waltherstraße zurück. Knapp 15 Minuten lang ruckelt es auf und ab, doch ich sehne mich keineswegs nach einer ebenen Fahrt in einem modernen DVB-Bus.

Das liegt nicht nur an den äußerst komfortablen Sitzen, sondern auch an dem ganz besonderen Gefühl, mit einer so alten Maschine durch den Stadtverkehr des 21. Jahrhunderts zu manövrieren.

Während Autos mit Automatikgetriebe und voll-elektrische Straßenbahnen an uns vorbeifahren, wird mir klar, dass diese Busfahrt harte und ehrliche Arbeit bedeutet. Herrlich, einer von aktuell zwei befugten Lenkern des Büssing, sitzt in seiner Fahrerkabine, hantiert gekonnt mit dem Schalthebel und fährt zum Blinken einen mechanischen Arm - einen sogenannten Winker - aus.

Nach der Tour mit dem Büssing zieht Jutta (78) das perfekte Fazit: "Ich konnte nicht lesen da drin", sagt sie schmunzelnd mit Blick auf die holprige Fahrt. Für sie und ihren Ehemann Peter (auch 78) war es die erste Rundfahrt im Bus. Beide freuen sich anschließend sehr darüber, eine Busfahrt aus der Vergangenheit erlebt zu haben.

Jutta (l.) und Peter (r., beide 78) hat die Fahrt gefallen.
Jutta (l.) und Peter (r., beide 78) hat die Fahrt gefallen.  © Holm Helis
Stefan (45) und sein Sohn Max (6) freuten sich besonders darüber, die alte Technik einmal hautnah zu erleben.
Stefan (45) und sein Sohn Max (6) freuten sich besonders darüber, die alte Technik einmal hautnah zu erleben.  © Holm Helis

So auch Stefan (45), der gemeinsam mit seinem Sohn Max (6) im Büssing Platz genommen hatte: "Es war ein besonderes Erlebnis, die alte Technik zu sehen", sagt er nach Ausstieg. Insbesondere die knapp fünf Sekunden dauernden Gangwechsel bleiben ihm in Erinnerung.

Titelfoto: Bildmontage: Holm Helis

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