Uralter Kriminalfall lässt Hobbyforscher nicht los

Kreischa (Sachsen) - Matthias Schildbach (43) ist Hobbyforscher. Sein Steckenpferd sind verschollene Kampfflugzeuge der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg. Sein jüngster Fall wirft den Kreischaer allerdings 270 Jahre in die Vergangenheit: Schildbach taucht ein in das (Ab)Leben der Dienstmagd Rosina Heschel. In der Hoffnung, die Unschuld einer zum Tode verurteilten Kindsmörderin zu beweisen.

Autor und Heimatforscher Matthias Schildbach (43) am Gedenkkreuz der "Decollata".
Autor und Heimatforscher Matthias Schildbach (43) am Gedenkkreuz der "Decollata".  © Norbert Neumann

"Ich bin schon immer durch Büsche und Ecken gekraucht, auf Spuren, die noch keiner entdeckt hat", sagt Matthias Schildbach. 

Der 43-Jährige streifte jahrelang durch das Unterholz der Dippser Heide, auf der Suche nach Überresten von Kriegsbombern. Er verfasste zwei Bücher, eines wurde 2019 sogar mit dem Sächsischen Landespreis für Heimatforschung ausgezeichnet. Vergangenes Jahr kniete sich Schildbach dann in die Recherche zu einem Kriminalfall, von dem er schon als Kind gefesselt war. Nämlich den der Dienstmagd Rosina Heschel.

Am 18. Dezember 1750 ereignete sich in Bärenklau (heute Bärenklause) bei Kreischa ein ganz besonders grausiges Stück Heimatgeschichte. 

Ein Schäferstündchen mit dem Knecht Gottlieb Wagner im Sommer 1749 wurde der Magd zum Verhängnis - Rosina erwartete ein Kind. 

Am Tag X gebar sie den Säugling heimlich auf dem Scheunenboden. Das Neugeborene wurde noch am seinen Tag blutverschmiert und blau angelaufen gefunden - tot. Sogleich wurde Rosina dem Richter vorgeführt. Zuerst beteuerte sie ihre Unschuld, unter Folter gesteht die Magd schließlich, das Kind mit starkem Druck auf den Hirnschädel getötet zu haben.

Der Ort des Geschehens: Das Rittergut von Bärenklause heute.
Der Ort des Geschehens: Das Rittergut von Bärenklause heute.  © Matthias Schildbach

Steinkreuz auf dem Gohlich bei Bärenklause erinnert an die "Decollata"

Dass der Junge tatsächlich so zu Tode gekommen ist, das bezweifelt Matthias Schildbach. "Im Sächsischen Hauptstaatsarchiv waren noch die Akten des Falls vorhanden", so Schildbach. "Ich sah mich dann erst einmal mit 500 Seiten dieser Folianten konfrontiert." Ein halbes Jahr lang übersetzte der Hobbyforscher die Gänsekielschrift ins reine Deutsche. "Ich war total drin. Ich habe richtig mit Rosina mitgelitten."

Rosina Heschel wurde für ihre Tat zum Tode durch Enthaupten verurteilt. Schildbach konsultierte mehrere Ärzte aus Dresden und Pirna, legte ihnen das Sektionsprotokoll von 1750 vor. 

"Auch sie waren nicht sicher, ob das Kind bereits im Mutterleib oder nach der Geburt starb", sagt der Hobbyforscher. Das einzige, das heute noch an die "Decollata" ("Enthauptete") erinnert, ist ein Steinkreuz auf dem Gohlich bei Bärenklause. Der aufgerollte Fall der "Decollata" kann im gleichnamigen Buch von Matthias Schildbach nachgelesen werden (16,90 Euro).

Titelfoto: Norbert Neumann

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