Schüler zu Lehrermangel: KI dient teils als Ersatzlehrkraft
Von Jens Albes
Wiesbaden - KI ersetzt laut Hessens Landesschülervertretung (LSV) längst teils fehlende individuelle Erklärungen im Unterricht an Schulen wegen voller Klassen, ausgefallener Stunden und schlichtweg Lehrermangels. Künstliche Intelligenz dürfe allerdings keinesfalls als "Ersatzlehrkraft" fungieren, mahnte die LSV in Wiesbaden.
Rund 64 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Land nutzen laut einem aktuellen Stimmungsbild KI für Erläuterungen zu Unterrichtsthemen, 54 Prozent für Unterstützung bei den Hausaufgaben und 49 Prozent für das Zusammenfassen von Texten.
Insgesamt 22 Prozent haben sich außerdem schon Hausaufgaben komplett von KI erledigen lassen.
Das geht aus einer Onlinebefragung der hessischen Schüler von März bis Juni dieses Jahres im Auftrag der LSV klar hervor.
Das Institut für Marketing und Controlling (IMC) in Aachen befragte dazu nach eigenen Angaben die landesweit 571.962 Schüler ab der fünften Klasse. 15.978 und damit 2,79 Prozent antworteten. Laut IMC ist das Stimmungsbild damit repräsentativ.
Rund fünf Prozent der befragten Mädchen und Jungen waren nach eigenen Angaben in den vorangegangenen zwölf Monaten von Cybermobbing betroffen, 15 Prozent kennen Opfer dieser Art. Weitaus mehr Schüler aber haben laut der LSV längst entsprechende Erfahrungen mit verstörenden Inhalten aller Art in den sozialen Medien gemacht.
Zu wenig Aufklärung beim Thema Cybermobbing
Nur 16 Prozent fühlen sich von Lehrern ausreichend aufgeklärt über Cybermobbing etwa mit Beleidigungen, Ausgrenzungen und Deepfakes, also KI-manipulierten Bildern und Videos. 23 Prozent berichten, nie von Lehrern darüber informiert worden zu sein. Die LSV forderte hier mehr dauerhaft in Schulen verankerte Prävention.
Fester Bestandteil im Leben der meisten Schüler sind längst soziale Medien: 87 Prozent nutzen YouTube täglich, Instagram 64 Prozent, Snapchat 60 Prozent und TikTok 59 Prozent. 36 Prozent sind mehr als vier Stunden am Tag in diesen unterwegs.
Dabei zeigen sich Unterschiede bei den jeweiligen Schulformen: An Hauptschulen verbringen 27 Prozent sogar mehr als sechs Stunden täglich bei Social Media, an Gymnasien sind es nur acht Prozent.
Die Zahlen beim schulischen Leistungsdruck nannte die LSV alarmierend: 64 Prozent machen sich der Befragung zufolge oft oder manchmal Sorgen wegen schlechter Noten, bei 53 Prozent führt das Lernen bis spät in die Nacht häufig zu weniger und schlechterem Schlaf. Die LSV kritisierte, es gebe in Hessen viel zu wenige Schulpsychologen, die zudem nicht niedrigschwellig zu erreichen seien, sondern fernab in Schulämtern arbeiteten.
LSV fordert Verbesserungen
Von den 15.978 Schülern, die an der Online-Befragung teilgenommen haben, gehen gut die Hälfte aufs Gymnasium und nur drei Prozent auf die Hauptschule, die Beteiligung der anderen Schulformen liegt dazwischen. Laut der LSV wurden diese Unterschiede mathematisch gemäß der amtlichen Schülerstatistik gewichtet, um repräsentative Ergebnisse zu bekommen.
Die Online-Befragung wurde nach Angaben der Schülervertretung vom Kultusministerium organisatorisch und finanziell unterstützt - sie habe den Angaben zufolge 4000 Euro gekostet. Die LSV forderte das zuständige Ministerium in Wiesbaden auf, konkrete Verbesserungen aus den sehr detaillierten Ergebnissen der Befragung abzuleiten.
Titelfoto: Jens Albes/dpa

