Ex-Messdiener fordert 750.000 Euro Schmerzensgeld vom Kölner Erzbistum: Klage berechtigt

Köln - Zahlreiche Kameras im Landgericht: Der Prozess eines in seiner Jugend von einem Priester missbrauchten Mannes wird viel beachtet. Das Gericht macht schnell klar, wie es den Fall einschätzt. Eine gütliche Einigung gibt es am Dienstag nicht.

Ein 62-Jähriger fordert vom Kölner Erzbistum mehr als 750.000 Euro Schmerzensgeld.
Ein 62-Jähriger fordert vom Kölner Erzbistum mehr als 750.000 Euro Schmerzensgeld.  © Oliver Berg/dpa

Das Kölner Landgericht hält die Schmerzensgeld-Klage eines von Missbrauch betroffenen früheren Messdieners dem Grunde nach für berechtigt. Das machte der Vorsitzende Richter der 5. Zivilkammer am Dienstag in einem ersten mündlichen Termin in dem Zivilstreit deutlich.

"Für uns steht außer Frage, dass Amtshaftungsrecht anwendbar ist. Da sehen wir keine Diskussion", sagte der Richter. Der heute 62 Jahre alte Kläger fordert vom Erzbistum Köln Schmerzensgeld für sein erlittenes Leid. Der Anwalt des Mannes sieht das Erzbistum in der Amtshaftung.

Ob es jedoch in einem Urteil auf die vom Kläger geforderte Summe von 750.000 Euro hinauslaufe, ist dem Gericht zufolge völlig offen.

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Nach Vorberatungen zu dem Fall, tendiere die Kammer zu einem "sechsstelligen Betrag im niedrigen Bereich", sagte der Vorsitzende Richter weiter.


Noch keine Einigung im Prozess

Kläger Georg Menne (62) im Gerichtssaal des Kölner Landgerichts. Vor Jahrzehnten soll er missbraucht worden sein.
Kläger Georg Menne (62) im Gerichtssaal des Kölner Landgerichts. Vor Jahrzehnten soll er missbraucht worden sein.  © Thomas Banneyer/dpa

Der Kläger fordert vom Erzbistum Köln Schmerzensgeld für in den 1970er Jahren erlittenes Leid. Laut Klageschrift war er damals in über 300 Fällen Opfer sexualisierter Gewalt durch einen katholischen Priester geworden. Bereits in den 1960er Jahren habe es aber Gerüchte über Missbrauchshandlungen des mittlerweile verstorbenen Priesters gegeben, sagte der Anwalt des Klägers.

Dennoch habe das Erzbistum ihn weiter in der Seelsorge eingesetzt, weshalb das Bistum für die begangenen Taten in der Haftung stehe, so die Klägerseite.

Zu einer gütlichen Einigung kam es in der Verhandlung nicht. Beide Parteien zeigten sich für Gespräche jedoch offen. Den Vorschlag eines Klageanwalts, das Bistum möge die geforderte Summe plus Anwalts- und Gerichtskosten zahlen, lehnte der Vertreter des Erzbistums ab.

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Dies sei ein Weg, "den wir nicht gehen können", sagte der Anwalt.

Prozess hat Signal-Charakter

Kardinal Rainer Maria Woelki (66) hatte sich in der Verhandlung zitieren lassen. Er wolle auf Verjährung verzichten.
Kardinal Rainer Maria Woelki (66) hatte sich in der Verhandlung zitieren lassen. Er wolle auf Verjährung verzichten.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Der Prozess gilt als Verfahren mit Signal-Charakter. "Also ich kämpfe sicherlich auch für viele andere Betroffene", sagte der 62-Jährige im Anschluss an die Verhandlung vor Journalisten. Dieser Gedanke mache ihm "die Sache auch nicht mehr so schwer". Der Kläger hat vom Erzbistum bereits eine Anerkenntniszahlung für sein erlittenes Leid in Höhe von 25.000 Euro erhalten.

Die Taten des Priesters zu Lasten des Klägers werden vom Erzbistum nicht bestritten. Sie sind im sogenannten Kölner Missbrauchsgutachten von Strafrechtler Björn Gercke aufgeführt. Das Gutachten wurde im März 2021 veröffentlicht.

Wegen der rund 40 Jahre zurückliegenden Taten war lange unklar, ob das Erzbistum Verjährung geltend machen würde. Einen Tag vor der Verhandlung hatte das Erzbistum erklärt, dies nicht zu tun. Ein staatliches Gericht solle über die Höhe der Schmerzensgeldforderung für die Taten des Priesters befinden, hieß es in einer Erklärung.

"In diesem besonderen Fall hatte ich den Wunsch, auf die Einrede der Verjährung zu verzichten", wurde der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki (66) in der Mitteilung zitiert.

Originalmeldung vom 6. Dezember 2022, 5.55 Uhr; zuletzt aktualisiert: 6. Dezember 2022, 17.12 Uhr

Titelfoto: Montage: Thomas Banneyer/dpa, Thomas Banneyer/dpa

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