"Der Terror der einsamen Wölfe": Halle-Attentäter ist einer von vielen!

Halle/Magdeburg - Seit dem 21. Juli findet in Magdeburg der Prozess gegen den rechtsextremen Attentäter Stephan Balliet (28) statt, der im vergangenen Oktober in Halle einen Terroranschlag mit zwei Toten und mehreren Verletzten verübt hatte. In der Dokumentation "Der Terror der einsamen Wölfe" arbeitet "Das Erste" die Hintergründe um diesen und ähnliche Anschläge auf.

Vor zwei Wochen begann in Magdeburg der Prozess gegen Stephan Balliet.
Vor zwei Wochen begann in Magdeburg der Prozess gegen Stephan Balliet.  © Ronny Hartmann/AFP pool/dpa

Im Jahr 2019 hat weltweit eine Reihe von rechtsextremistischen Anschlägen für großes Aufsehen und Bestürzung gesorgt, darunter das Massaker von Christchurch im März und der Angriff auf eine Synagoge in Halle im vergangenen Oktober.

Es sei diese neue, im Internet geborene Art von Terrorismus, vor der sich inzwischen die Menschen auf der ganzen Welt fürchten, weil eben diese "einsamen Wölfe" in der ganzen Welt zu finden seien, heißt es in der Doku.

Sie verstecken sich hinter einer der Grundfesten der westlichen Demokratie - der Meinungsfreiheit.

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Täter und deren Unterstützer radikalisieren sich zu Tausenden im Netz, was bis vor kurzer Zeit von den Ermittlungsbehörden vollkommen unterschätzt worden sei.

Als Vorbild für diese Taten wird in der ARD-Sendung Anders Behring Breivik genannt, der sich, genauso wie Stephan Balliet, online radikalisierte und im Juli 2011 auf der norwegischen Ferieninsel Utøya 77 Menschen ermordete.

Der damalige US-Präsident Barack Obama sagte in einem Interview, dass nicht mehr der islamistische Terror die größte Gefahr sei, sondern dass einzelne Personen große Schäden anrichten können und noch dazu schwer aufzuspüren seien.

"Heute, neun Jahre später, töten 'einsame Wölfe' mehr Menschen als jede andere Art des Terrors in der westlichen Welt", heißt es in der Sendung.

Gefährliche Mischung aus Frustration und politischer Radikalisierung

Der Halle-Attentäter genießt die Aufmerksamkeit durch die Medien.
Der Halle-Attentäter genießt die Aufmerksamkeit durch die Medien.  © Christian Grube

Auch in Deutschland ist die Gefahr groß, was Stephan Balliet im vergangenen Herbst bewiesen hat. Dessen soziales Profil ähnelt dem anderer Täter: männlich, einsam, ohne Freunde, mit Ideologien, die auf Antisemitismus, Fremdenhass und Frauenhass basieren. Es ist eine hochexplosive Mischung aus Frustration und politischer Radikalisierung.

Zwei unschuldige Menschen mussten sterben, als sein Versuch, ein Massaker in einer Synagoge während des jüdischen Feiertags Jom Kippur anzurichten, scheiterte.

Auffällig und typisch für diesen Tätertyp sei laut Experten gewesen, dass er wie in einem PC-Spiel versuchte, das Auto, das er bei seiner Flucht fuhr, als Waffe einzusetzen. So habe er plötzlich beschleunigt und sei direkt auf zwei Somalier, die aus der Tram ausstiegen, zu gerast. Beide hat er erfasst und schwer verletzt.

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Stephan Balliet kommt aus einem der ärmsten Landkreise Deutschlands, aus dem Mansfelder Land. Laut einem in der Doku auftretenden Bekannten habe er immer mal wieder fremdenfeindliche Äußerungen von sich gegeben. Er habe das aber nicht ernst genommen, ihn für einen Mitläufer gehalten.

Der Kontakt sei irgendwann abgebrochen, bei ihrer letzten Begegnung hätte Balliet Paranoia gehabt, dass sein Telefon abgehört werden könnte.

"Es gab ein Leben vor dem Anschlag und es gibt nun ein anderes Leben"

Ismet Tekin leidet bis heute unter den Folgen des Anschlags.
Ismet Tekin leidet bis heute unter den Folgen des Anschlags.  © Screenshot/Das Erste

Der Prozess, der vor zwei Wochen in Magdeburg begonnen hat (TAG24 berichtete), soll die Hintergründe der Tat aufklären.

Nachdem Balliet die Tat per Helmkamera live für seine Community im Netz übertragen hatte, verbreitete sich das Video in rasendem Tempo. Und das ist das Ziel der Attentäter!

Sogar Opfer und Angehörige wurden noch am selben Tag mit den schrecklichen Bildern konfrontiert. Während der Film im Gericht erneut gezeigt wurde, soll Balliet gelächelt haben.

Die Übertragung des Videos im Internet ist für Täter oft wichtiger als die Tat selbst. Gleichgesinnte sollen animiert werden. Kontakte innerhalb der Community wollte er nicht preisgeben.

Ein Opfer des Anschlags ist Ismet Tekin, Inhaber des Kiez-Döners in Halle. Sein Laden scheint bis heute nicht wieder richtig zu laufen, er selbst leide unter Albträumen.

Während einer Rede vor dem Gerichtsgebäude in Magdeburg sagt er: "Es gab ein Leben vor dem Anschlag und es gibt nun ein anderes Leben".

Die ersten Verhandlungstage zeigten, wie sehr der Täter diese Bühne genießt. Von Reue kaum eine Spur. Er habe schließlich für das Überleben der weißen Bevölkerung gekämpft.

In diesem Jahr werden vier weitere, fast deckungsgleiche Taten weltweit vor Gericht verhandelt. Alle Täter sind Überzeugungstäter, ihr Vorgehen ähnelte einander, sie verfassten aufeinander basierende Manifeste. Sie sind eine immer größer werdende Gefahr für die Gesellschaft, die gestoppt werden muss.

Titelfoto: Christian Grube

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