Kommentar: Dieses Schulbuch ist beschämend, obwohl ich es selbst mitgeschrieben habe

Hamburg - Das Internet vergisst wirklich nicht, muss TAG24-Redakteur Oliver Wunder (37) feststellen. Er verrät, wie eine Deutschstunde, in der er vor 20 Jahren saß, mit einer aktuellen Rassismusdebatte zusammenhängt. 

Fotos aus dem Schulbuch, in dem ein Kapitel über "Kanakisch" neben dem umgeschriebenen Märchen steht.
Fotos aus dem Schulbuch, in dem ein Kapitel über "Kanakisch" neben dem umgeschriebenen Märchen steht.  © Bildmontage: Screenshot/Twitter/angryMigra

Ein in Niedersachsen eingesetztes Schulbuch wird gerade scharf kritisiert. Der Vorwurf: Rassismus. Grund dafür sind zwei Seiten über die angebliche Sprache "Kanakisch". Das Buch heißt "Deutsch in der Einführungsphase" und dient zur Abiturvorbereitung. 

Der Text über "Kanakisch" unterstellt Migranten pauschal Sexismus und Dummheit, heißt es in einem RTL-Bericht. Als Beispiel dafür wird in dem Schulbuch das umgeschriebene Grimmsche Märchen "Hänsel und Gretel" gebracht. 

Ab diesem Punkt bin ich Teil der Debatte. Denn das Märchen habe ich mitverfasst. Das Schulbuch stellt einen Zusammenhang zum rassistischen "Kanakisch" her, der falsch ist und von dem ich mich klar distanziere.

Leider hat mich der Verlag vorm Abdruck nicht um Erlaubnis gefragt. Wie der Text entstand, steht nicht im Buch. Dabei ist das wichtig. 

Der Text ist das Ergebnis einer Deutschstunde in der 11. Klasse im Jahr 2000.

Unsere Lehrerin am Kreisgymnasium Bargteheide wollte damals, dass wir während einer Gruppenarbeit bekannte Märchen umschreiben. Wir sollten sie in der Sprache verändern, beispielsweise auf Sächsisch umschreiben. 

Zusammen mit zwei Schulfreunden entschied ich mich für eine Jugendsprache-Version à la "Erkan & Stefan". So wurden aus "Hänsel und Gretel" "Aische und Murat" (Ihr findet den Text ganz unten). 

Drastische Kritik am Schulbuch auf Twitter

Text verbreitete sich rasant und wurde selbst in der Bild abgedruckt

TAG24-Redakteur Oliver Wunder muss die Sache mit seinem alten Schultext mal wieder klarstellen.
TAG24-Redakteur Oliver Wunder muss die Sache mit seinem alten Schultext mal wieder klarstellen.  © TAG24/Oliver Wunder

Vermutlich würden wir heute beim Schreiben darüber nachdenken, ob Wörter und Sätze als diskriminierend empfunden werden können. Die Gesellschaft hat sich seitdem weiterentwickelt. 

Dennoch ist mein Text nicht rassistisch, sondern Ausdruck überspitzter Jugendsprache, die ich damals selber teilweise benutzt habe. Daher landeten wir mit unserem Ergebnis viele Lacher in der Deutschstunde. 

Wie kam "Aische und Murat" nun ins Schulbuch? Bereits im Jahr 2000 habe ich den Text auf meine private Internetseite gestellt. Er ging für die damalige Zeit viral - so nannte man es aber erst deutlich später -, verbreitete sich rasend schnell per E-Mail und stand wenig später ohne Autorenangabe auf Hunderten Internetseiten.

Bereits im Jahr 2001 fand der Text seinen Weg in die Bild-Zeitung. Dort wurde er schon als "lustige Kanak-Geschichte" vorgestellt. Von Autoren und Kontext keine Spur.

Das Märchen in Verbindung erstmals mit dem abwertenden Wort "Kanakisch" zu lesen, war sehr irritierend. So hatten wir es nicht gemeint. Daher distanzierte ich mich davon.

Nach der kurzen Aufregung geriet die Geschichte wieder in Vergessenheit. Bis sich 2008 die Bestseller-Autorin Hatice Akyün (51) bei mir meldete. Sie fand "Aische und Murat" lustig und unsere Distanzierung gut. Außerdem wollte sie den Text in ihrem Buch "Ali zum Dessert" abdrucken. Ging klar.

Darin liest ihn "Mustafa" seiner Nichte "Merve" als Gute-Nacht-Geschichte vor. Das machte meine zwei alten Schulfreunde und mich doch etwas stolz. Akyün schrieb seiner Zeit über die Story: "Ich finde, dass sie ein wunderbares Beispiel für gelungene Völkerverständigung ist."

Lehrer ließ gezielt Schüler mit Migrationshintergrund Text vorlesen

Das kritisierte Schulbuch wurde vom Verlag bis zur Überarbeitung vom Markt genommen.
Das kritisierte Schulbuch wurde vom Verlag bis zur Überarbeitung vom Markt genommen.  © Bildmontage: Screenshot/Twitter/angryMigra

Jetzt taucht "Aische und Murat" in einem neuen Deutschbuch auf und wird wieder in einen rassistischen Kontext gebracht. 

Besonders krass ist dabei ein Vorfall, über den der 17-jährige Elias bei RTL berichtet. Eigentlich nebensächlich, doch hier wichtiges Detail: Der Schüler hat einen Migrationshintergrund. 

Elias zu RTL: "Eine Mitschülerin mit türkischen Wurzeln und ich wurden ohne Meldung dran genommen und mussten einen Text auf 'Kanakisch' vortragen." Der 17-Jährige spricht dabei von "Aische und Murat". Die anderen Schüler hätten das Vorlesen mit herablassendem Gelächter begleitet. 

"Dabei sprechen wir beide fließend Deutsch. Weil wir so tun mussten, als ob wir die deutsche Sprache nicht beherrschen, hat sich mal wieder ein unwahres Klischee bestätigt." 

Das ist unfassbar und beschämend! Elias fordert nun in einer Petition, das Bildungssystem unter die Lupe genommen wird, damit so etwas nicht noch mal passiert. Zu Recht. Ich unterstütze sein Anliegen. 

Wenige Tage nach Bekanntwerden des Rassismus-Vorwurfs hat der Schulbuchverlag übrigens reagiert und sich entschuldigt. Er distanzierte sich von jeder Form von Rassismus und Diskriminierung. 

Das Buch werde vom Markt genommen und das Kapitel überarbeitet. Gut so! 

Mit so viel Wirbel um die paar Sätze hätte im Jahr 2000 keiner von uns gerechnet. Unglaublich! Aber das Internet vergisst - bis auf die Autorennamen - wohl wirklich nichts. 

Das ist die Geschichte von "Aische und Murat"

Murat und Aische gehen dursch Wald, auf der Suche nach korrekte Feuerholz. Aische fragt Murat: "Hast Du Kettensäge, Murat?" 

Murat: "Normal! Hab isch in meine Tasche, oder was!?" 

Auf der Suche nach korrekte Baum, verirrten sie sisch krass in den Wald. Murat: "Ey scheisse, oder was!? Hast du konkrete Plan, wo wir sind, oder was!?" 

Aische: "Ne scheisse, aber isch riesche Dönerbude!" 

Murat: "Ja fäääätt!" 

Aische: "Normal, da vorn an den Ecke!" 

So fanden schließlich dursch Aisches korrekte siebte Döner-Such-Sinn den Dönerbude. Sie probierten von jede Döner. Plötzlich kam voll den krasse Frau und fragt: "Was geht, warum beisst ihr in meine Haus?" 

Als Strafe sperrte den Hexe Murat in krass stabilen Käfig. Zu Aische sagte sie: "Du Frau, du kochen für misch! Und verkaufen die Döner an den Theke." 

Murat wurde gemästet bis korrekt fett für Essen. 

Doch eine Tag hatte Aische einen fixe Idee. Sie fragte: "Wie geht den mit den Dönerbrotofen?"

Hexe: "Was geht, bist du scheisse im Kopf, oder was?" Aische: "Normal, isch hab kein Plan, zeigen mal, wie geht!" 

Hexe: "Machen das! Komm her und mach den Augen auf!" Aische: "Gut!" 

Den Hexe bückte sisch, um den Dönerofen anzuschmeissen. In den Augenblick kickte Aische mit korrekten Kick-Box-Kick in die fette Arsch. Den Hexe sagte: "Aaaahhh, scheisse, was geht, isch fall direkt in die scheisendreck Ofen! Oder was!? Aaaahhh isch hab krasse Schmerzen!" 

Aische freute sisch und sagte: "Korrekt, den Alte is Tod!" Murat: "Ey Aische, krasse Idee!" Aische: "Normal! Oder was!?" Murat: "Lass misch aus die scheiss Käfig. Alder!" Aische: "Gut, warte!" 

Titelfoto: Bildmontage: Screenshot/Twitter/angryMigra, TAG24/Oliver Wunder

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