"Leipzig braucht einen neuen Anfang": OB-Bewerber Weickert will Machtstrukturen verändern
Von Andreas Tappert
Leipzig - An Michael Weickert (36) hängen große Hoffnungen: Er soll für die stärkste Partei im Stadtrat - die Leipziger CDU - den Oberbürgermeistersessel erobern. Obwohl er als Außenseiter antrat, gaben ihm die Christdemokraten am Ende mit 92 Prozent der Stimmen ein stattliches Mandat. Aber wer ist der Mann, den vor wenigen Wochen noch niemand auf dem Zettel hatte?
Weickert hat früh gelernt, wie das Leben funktioniert. Er war knapp ein Jahr alt, als seine Eltern 1990 mit ihm in eine Kleinstadt zwischen Hannover und Bremen zogen. Und er war erst zehn Jahre alt, als sie sich dort scheiden ließen. "Ich stamme aus bescheidenen Verhältnissen", erzählt er. "Mit 17 stand ich an der Tanke, um Geld zu verdienen."
Da fing die Frühschicht um 6 Uhr an. "Ich musste allerspätestens um 5.15 Uhr aufstehen und mit dem Fahrrad zur Tanke fahren. Ich habe Benzin abgerechnet, Zigaretten verkauft und morgens Brötchen aufgebacken."
Seine Schulkameraden jobbten damals in den Ferien. "Ich habe das ganze Jahr gearbeitet. Arbeiten macht mir Spaß. Und ich war unabhängiger dadurch."
Den Tankstellen-Job behielt er, bis er 19 war und das Abitur machte. Anschließend ging Weickert zur Bundesmarine und leistete 23 Monate Grundwehrdienst. "Wer führen will, muss dienen lernen", meint er.
2011 ging er nach Leipzig, um Lehramt für Deutsch und Geschichte zu studieren. "Ich wollte viel zu lange nicht wahrhaben, dass das Lehramt nicht mehr zu mir passt", gesteht er heute. "Aber ich habe nie dem Staat auf der Tasche gelegen. Und gelernt, wie es ist, wenn am Ende des Geldes noch Monat übrig ist."
Michael Weickert als Haushälter "der ganz normalen Leipziger"
Dafür stieg Weickert in der Leipziger CDU auf: Mit 25 wurde er Stadtrat, mit 30 Fraktionschef und jetzt OB-Kandidat. 2015 fiel er auf, weil er CDU-Kanzlerin Angela Merkel (72) in seiner Rede auf einer Regionalkonferenz in Schkeuditz wegen ihrer Migrationspolitik kritisierte.
"Ihre CDU ist nicht mehr meine", hat er der Übermächtigen ins Gesicht gesagt. Und 2018 auch gegen ihren Koalitionsvertrag mit der SPD gestimmt, "weil der Reformunwille damit zementiert wurde".
Heute ist Weickert Vater einer Tochter, lebt mit seiner Partnerin in einer Patchwork-Familie im Stadtteil Alt-West und arbeitet als Projektentwickler bei einem mittelständischen IT-Unternehmen. Und im Rathaus sieht er sich als Haushälter "der ganz normalen Leipziger". "Ich bin der Bürgermeister der Leipziger, die früh aufstehen, ihren Kindern die Brote machen und zur Arbeit gehen - wie ich auch", sagt er.
Als Oberbürgermeister will er die Stadtverwaltung verschlanken, um das 300-Millionen-Euro-Defizit im Stadthaushalt zu verringern. "Wir brauchen einen neuen Ansatz", glaubt er und will ganze Dezernate zusammenlegen. "Das spart pro Dezernat eine Million Euro im Jahr." Denkbar sei sogar, "wie in Potsdam" die Dezernate Wirtschaft, Bauen und Verkehr zusammenzulegen. Oder ein großes "Marketing-Dezernat" für Wirtschaft, Kultur und Tourismus zu schaffen.
Scharfe Kritik gegen Politikstil von Burkhard Jung
Auch den "überbordenden Geschäftsbereich des Oberbürgermeisters" will er schleifen. "Wir brauchen die Mitarbeiter dringender in den Bürgerämtern, im Ordnungsamt und in der Ausländerbehörde. Die Verwaltung muss zeigen, dass sie bereit ist, bei sich zu sparen. Mir ist schleierhaft, wie man dagegen sein kann."
Schwer im Magen liegt ihm der Neubau des Naturkundemuseums. "Der Stadtrat hat sich mehrheitlich dafür entschieden, obwohl es uns acht Millionen Euro im Betrieb kosten wird", sagt er kopfschüttelnd.
Auch die Sanierung des Varieté- und Showtheaters Scala mit einem zweistelligen Millionenbetrag sieht er kritisch. "Wir geben zu viel Geld für Dinge aus, die wir uns nicht leisten können. Grüne und Linke glauben immer noch, dass wir nur ein Einnahmeproblem haben."
Verantwortlich macht er für solche Projekte den Politikstil des aktuellen Oberbürgermeisters Burkhard Jung (68, SPD). "Wenn wir jetzt nicht aufpassen, fährt Leipzig finanziell an die Wand. Dann wirkt die Macht des Faktischen und es gibt nichts mehr umzuverteilen." Sein Wahlprogramm mit gravierenden Kurskorrekturen will er in Kürze vorstellen.
Michael Weickert will um den Wahlsieg kämpfen
Unter Beobachtern wird Weickert aktuell als einziger OB-Bewerber gehandelt, der nach der Wahl wirklich etwas an den Strukturen der Macht verändern könnte. Gerade deshalb werde er von allen anderen Fraktionen bekämpft und werde ein denkbar schlechtes Ergebnis einfahren, prophezeien sie.
"Mir hat keiner zugetraut, dass ich die größte Rathausfraktion leiten kann und OB-Kandidat werde", hält der 36-Jährige solchen Orakeln entgegen. "Komischerweise bin ich das geworden. Und ich kann gut damit leben, unterschätzt zu werden. Leipzig braucht einen neuen Anfang. Ich kämpfe um den Sieg."
Titelfoto: EHL Media/Erik-Holm Langhof

