Gewalt, Mobbing, Missbrauch: Leipzig will die dunkle Seite des Thomanerchors aufarbeiten
Leipzig - Er ist eines der Aushängeschilder der Stadt Leipzig und ihr bedeutendster musikalischer Botschafter: der Thomanerchor. Doch hinter Glanz und lieblichen Gesängen gibt es auch eine Schattenseite – Gewalt, Mobbing und sexuelle Übergriffe. All das will die Stadt jetzt mit Hilfe einer unabhängigen Expertenkommission aufarbeiten.
Das Leben im "Kasten", wie die Sängerknaben ihr Internat nennen, ist hart und leistungsorientiert. Alles ordnet sich hier voll und ganz der Musik unter. Ein Erziehungs-Grundsatz, der seit Jahrzehnten das Leben der Chorknaben dominiert, ist das Tutoren-System. Heißt: die älteren Schüler betreuen die jüngeren.
Was den Zusammenhalt fördert und frühzeitig Verantwortung lehrt, birgt aber auch Gefahren. Immer wieder beklagten Thomaner und ihre Eltern in der Geschichte des Chores Machtmissbrauch bis hin zu Mobbing und körperlicher Züchtigung.
Auch Fälle von sexuellen Übergriffen wurden bekannt, der letzte erst 2025.
Für die Stadt als Trägerin des Chors Anlass genug, ein Forschungsprojekt zu "Unrechtserfahrungen im Thomanerchor seit 1945" zu initiieren.
Mit einem Expertenteam aus Psychologen der Universität Leipzig, Pädagogen und Musikwissenschaftlern will das Kulturdezernat "Grenzverletzungen in Bezug auf körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt" sichtbar machen.
Vertrauliches Zeitzeugenportal soll Erfahrungen einstiger Thomaner sammeln
"Der Thomanerchor und die Stadt Leipzig als seine Trägerin übernehmen mit der Studie Verantwortung dafür, auch diesen Teil seiner Geschichte in den Blick zu nehmen", erklärte Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (48, Linke).
Ziel sei ein möglichst umfassendes Bild von Leid- und Unrechtserfahrungen zu bekommen, die ehemalige Thomaner in ihrer Zeit im Chor und im Internat gemacht haben. Untersucht werde dabei auch, unter welchen institutionellen, pädagogischen und sozialen Bedingungen Grenzverletzungen möglich waren und welche Strukturen Übergriffe begünstigt haben, so Jennicke.
Im Mittelpunkt der Studie sollen die Betroffenen und deren Erfahrungen stehen. An der Medizinischen Fakultät der Universität wurde dafür eigens ein Online-Zeitzeugenportal eingerichtet, in dem ehemalige Thomaner vertraulich über ihre Erlebnisse berichten können.
Das Expertenteam wird zudem von einer Aufarbeitungskommission begleitet, der neben einstigen Thomanern auch Stadträte, Jugendamtsvertreter und Juristen angehören.
Denn neben der Aufarbeitung möchte die Stadt die Erkenntnisse der Studie auch dafür nutzen, die heute im Choralltag gelebten Strukturen der Prävention und Achtsamkeit sowie das Schutzkonzept des Chores zu verbessern.
Titelfoto: Montage: DPA/Jan Woitas + IMAGO / TT
