Allergisch gegen Kälte: So leiden Patienten mit Kälteurtikaria

Deutschland – Hausstaub, Blütenpollen, Tierhaare, Nüsse – typische Auslöser für Allergien. Die Symptome reichen von Niesattacken über tränende Augen bis zu Hautausschlägen. Weniger bekannt ist eine Allergie gegen Kälte. Die sogenannte Kälteurtikaria führt zu juckenden Quaddeln auf der Haut, die mitunter lebensbedrohlich werden können.

Wir erklären, worauf Betroffene im Alltag achten müssen.

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Typisch Nesselsucht: Juckende Quaddeln

Bei Kälteurtikaria reagiert die Haut viel empfindlicher als gewöhnlich auf niedrige Temperaturen und kalte Gegenstände. An Stellen, an denen die Haut mit Kälte in Berührung kommt, bilden sich juckende Quaddeln – ähnlich wie bei der Berührung mit einer Brennnessel. Die Pflanze gab der Krankheit ihren Namen: Der lateinische Name der Brennnessel lautet Urtica.

Die typischen Flüssigkeitsansammlungen in der Haut entstehen, weil Entzündungsstoffe wie Histamine aus den Mastzellen ausgeschüttet werden. Nicht nur Kälte kann diesen Hautausschlag auslösen.

Neben Kälteurtikaria gibt es viele anderen Formen von Nesselsucht, wie Urtikaria umgangssprachlich genannt wird. Sonnenlicht, Inhaltsstoffe in Medikamenten und Lebensmitteln sowie physikalische Reize wie Reibung und Druck können ebenfalls zu dem juckenden Hautausschlag führen.

Ärzte unterscheiden zudem zwischen einer akuten Urtikaria, deren Symptome weniger als sechs Wochen lang bestehen, und einer chronischen Urtikaria, die länger als sechs Wochen andauert.

Während der chronisch induzierbaren Urtikaria eindeutige Auslöser zugeordnet werden können, tritt die chronisch spontane Urtikaria ohne erkennbare Ursache plötzlich auf.

Kälteurtikaria ist gar keine Allergie

Auch wenn die Symptomatik einer Allergie gleicht, ist die Kälteurtikaria keine echte Allergie. Bei einer Allergie werden Antikörper gegen ein Allergen gebildet. Der Kontakt mit dieser eigentlich harmlosen Substanz führt zu einer allergischen Reaktion. Da gegen Kälte keine Antikörper bekannt sind, ist der Begriff Kälteallergie eigentlich falsch.

Dennoch beschreibt er das Leiden der Betroffenen sehr gut. Rund 50.000 Menschen in Deutschland haben eine Kälteurtikaria. Sie ist eine recht häufige Form der physikalischen Urtikaria. Meist sind junge Erwachsene betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Etwa jeder vierte Betroffene leidet zusätzlich zur Kälteurtikaria an einer anderen Form der Nesselsucht.

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Hautausschlag durch Kälte

Die Kälteurtikaria zählt zur chronisch induzierbaren Urtikaria. Kommt die Haut mit niedrigen Temperaturen in Kontakt, werden die betroffenen Stellen heiß und rot, es bilden sich weißliche Quaddeln, die mit einem kribbelnden, juckenden Gefühl einhergehen.

Ein einfacher Test zeigt, ob es sich um Kälteurtikaria handelt: Bilden sich unter einem Eiswürfel auf dem Unterarm Quaddeln, reagiert die Haut allergisch gegen Kälte. Ein Allergologe oder Dermatologe kann mit einem sogenannten TempTest-Gerät auch die genaue Schwellentemperatur herausfinden.

Dazu wird der Unterarm auf dem Gerät platziert, und die Haut mit verschiedenen Temperaturen provoziert. Dort, wo die Quaddeln auftauchen, ist die Schwellentemperatur zu verorten. Liegt der persönliche Schwellenwert zum Beispiel bei 18 Grad Celsius, können Gegenstände, Wasser oder Luft, die 18 Grad oder kälter sind, die Urtikaria auslösen.

Kälte als Gefahr im Alltag

Je nachdem, wie hoch die Schwellentemperatur ist, entstehen die Verdickungen unter der Haut sehr leicht. Kühler Wind, kaltes Wasser aus der Leitung und gefrorene Speisen können genauso Ursache sein wie Schweiß und Regen.

Verdunsten Schweiß- oder Regentropfen auf der Haut, entsteht ein kühlender Effekt, der Kälteurtikaria auslöst. Auch bei raschen Temperaturwechseln oder Unterschreitung einer bestimmten Umgebungstemperatur kann es zu der allergischen Reaktion kommen. Selbst das Öffnen des Kühlschranks oder der Griff ans kalte Lenkrad im Auto können zum Problem werden.

Viele alltägliche Dinge sind durch die Krankheit nicht oder nur mit besonderen Vorkehrungen möglich. Beim Fahrradfahren bilden sich durch den Fahrtwind Quaddeln auf Händen und im Gesicht. Beim Essen von Eis schwillt der Mundraum an – unter Umständen so sehr, dass Atemnot entsteht.

Der Sprung ins kalte Schwimmbecken führt am gesamten Körper zu heftigen Reaktionen. Im schlimmsten Fall erleiden Betroffene einen Kreislaufzusammenbruch, ähnlich einem anaphylaktischen Schock.

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Kälteschock löst Systemreaktion aus

Ein anaphylaktischer oder allergischer Schock tritt plötzlich auf und kann den ganzen Körper betreffen. Bei dieser Systemreaktion kommt es neben Hautausschlag zu Atemnot, Schwindel oder Übelkeit. Bei Blutdruckabfall sind lebenswichtige Organe wie Gehirn, Herz und Niere nicht mehr richtig durchblutet, es tritt Bewusstlosigkeit ein. Im schlimmsten Fall kann ein allergischer Schock tödlich enden.

Experten vermuten, dass Menschen, die beim Sprung in kaltes Wasser vermeintlich einen Herzinfarkt erlitten haben, oftmals tatsächlich an Kälteurtikaria litten und durch eine solche Systemreaktion verstorben sind.

Kälteurtikaria behandeln, Kaltes meiden

Um die Beschwerden zu lindern, kommen Antihistaminika zum Einsatz. Nimmt ein Betroffener über einen gewissen Zeitraum ein Antihistaminikum ein, kann er damit seine Mastzellen stabilisieren und der Krankheit vorbeugen.

Daneben führt eine Therapie mit Antibiotika bei vielen Patienten mit Kälteurtikaria zum Erfolg. Wenn diese Medikamente die Symptome nicht ausreichend lindern, kann der Hautarzt seit Kurzem neuartige Medikamente verschreiben, die sogenannten Biologika. Ein Biologikum blockiert gezielt Botenstoffe, die für das Entstehen der Nesselsucht verantwortlich sind.

Viel wichtiger als die Einnahme von Medikamenten ist jedoch, Kälte im Alltag zu meiden. Betroffene sollten sich mit Schal, Mütze und Handschuhen sowie warmen Socken und Schuhen draußen vor kühlen Temperaturen schützen. Ist das Gesicht anfällig, schützen eine Sturmhaube und fetthaltige Creme zusätzlich die empfindliche Haut. Gerade beim Outdoor-Sport oder der Gartenarbeit ist Schutz durch Kleidung wichtig.

Kalte Getränke und stark gekühlte Speisen sollten Betroffene lieber ausschlagen und Bäder in kaltem Wasser ganz vermeiden. Die Gefahr einer erneuten allergischen Reaktion mit eventuell lebensbedrohlichen Folgen ist zu hoch.

Wer an Kälteurtikaria leidet oder den Verdacht hat, sollte sich in jedem Fall an den Hautarzt oder einen Allergologen wenden. Ein Spezialist kann passende Medikamente verschreiben und weitere Fragen beantworten.

Das Gute: Kälteurtikaria besteht in den meisten Fällen nicht ein Leben lang. So plötzlich wie die Kälteurtikaria sich entwickelt, genauso rasch verschwindet sie in der Regel wieder. Im Durchschnitt leiden Patienten fünf Jahre an Kälteurtikaria.


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