Pornosüchtig? Wir verraten, wo es Hilfe gibt

Diplom-Psychologe und Vize-Chef der "Suchtfachklinik Magdalenenstift": Stefan Melzer (34)
Diplom-Psychologe und Vize-Chef der "Suchtfachklinik Magdalenenstift": Stefan Melzer (34)  © Uwe Meinhold

Chemnitz - Erst kriselte seine Ehe, dann blieben Aufträge aus. Der selbständige Handwerker Christian L. (45) aus einem kleinen Ort im Landkreis Leipzig (Name und Region geändert) suchte immer öfter Entspannung bei Pornos im Internet.

Er schloss teure Abos ab, rutschte in die Schuldenfalle. Am Ende verpasste er immer öfter Geschäftstermine.

Christian leidet an einer Spezialform der Sexsucht - der Porno-Sucht. "Dabei geht es nur um den Konsum von Sex Filmchen und weniger um ausgelebten Sex", erklärt Diplom-Psychologe Stefan Melzer (34), Vize-Chef der "Suchtfachklinik Magdalenenstift" in Chemnitz. Seine Patienten sind zwischen 18 bis 65 Jahre alt und immer männlich: "Porno-Sucht ist fast ausschließlich ein Männerproblem." Vielleicht, weil sie visuell leichter erregbar sind als Frauen!?

Wie Christian L. kommen Pornosüchtige erst nach einem langen Leidensweg zur Behandlung. "Oder sie müssen Bewährungsauflagen vom Staatsanwalt befolgen", klärt Melzer auf.

Denn auf der Suche nach dem immer größeren Kick klicken manche auf Seiten mit Vergewaltigungsszenen oder strafbare Kinderpornografie. Das ruft dann den Staatsanwalt auf den Plan.

Betroffene kennen nicht selten ein Dutzend Pornoseiten aus dem Effeff, gucken neben "normalen" auch Lesben-Pornos, Gruppensex-Partys und Dildospiele parallel auf dem Schirm.

Die meisten Süchtigen sitzen sogar heimlich vorm Bildschirm, wenn sie nicht allein in der Wohnung sind.

Arbeitstherapie in der Suchtklinik: Ergotherapeuth Wolfgang Stiens (52) spürt durch Schreinerarbeiten verschollene Fähigkeiten bei Suchtpatienten auf.
Arbeitstherapie in der Suchtklinik: Ergotherapeuth Wolfgang Stiens (52) spürt durch Schreinerarbeiten verschollene Fähigkeiten bei Suchtpatienten auf.  © Uwe Meinhold

Die Therapie verläuft über zwölf bis 16 Wochen stationär in der Klinik. Melzer: "Es gibt hier kein Internet, kein WLAN. Die Patienten geben zum Selbstschutz abends ihre Handys ab, dürfen erst nach zwei Wochen ersten Besuch empfangen, nach sechs Wochen allein in den Ausgang."

Es kommt wie bei Drogensüchtigen zu typischen Entzugserscheinungen: "Die Patienten beginnen zu zittern, fühlen sich wie gehetzt."

In Einzel- und Gruppengesprächen wird allmählich wieder soziale Kompetenz aufgebaut. Melzer: "Es zählt Kontakt statt Isolation. Betroffene lernen bei uns, Bedürfnisse aufzuschieben, sich Grenzen zu setzen und diese zu akzeptieren. Und sie begreifen, dass auch ihre Sucht wie jede andere nur eine Ersatzbefriedigung bei unbewältigten Problemen ist."

In der Arbeitstherapie werden zudem verschüttete Talente beim Schreinern, Basteln oder Malen wiederentdeckt. "Die Arbeit gibt Patienten das zurück, was ihnen die Sucht genommen und ihr Leben zerstört hat - den Alltag zu strukturieren, Pläne zu machen und umzusetzen oder pünktlich und genau zu sein", erklärt Ergotherapeut Wolfgang Stiens (52).

Ziel der Therapie ist der konsequente Verzicht auf Pornos. "Eigentlich müssten Betroffene dafür lebenslang aufs Internetsurfen verzichten - so wie trockene Alkoholiker lebenslang auf Alkohol“, sagt Melzer. Doch das ist im Internet-Zei alter Utopie. "Die Rückfallquote ist mit knapp 50 Prozent deshalb auch höher als bei der Alkoholsucht."

Denn jenseits der Klinikmauern warten wieder die verbote-nen Reize. Schon die erste Spam-Mail mit Sexfotos kann einen neuen Suchtdruck auslösen.

Chemnitzer Klinik bietet Therapie an

Pornosucht wird in Ostdeutschlands einziger darauf spezialisierten "Suchtfachklinik Magdalenenstift" (insgesamt 30 Therapieplätze) in Chemnitz behandelt.

Die Therapie wird auf Antrag vom Rentenversicherungsträger bezahlt. Ziel ist dabei die vollständige Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit.

Wer feststellt, dass er Hilfe braucht, kann sich an seinen Hausarzt und jede Suchtberatungsstelle an seinem Ort wenden.

Dort gibt's Ansprechpartner und erste Hilfe.

In der Chemnitzer "Suchtklinik Magdalenenstift" werden neben Porno- auch Alkohol und Medikamentenabhängige behandelt.
In der Chemnitzer "Suchtklinik Magdalenenstift" werden neben Porno- auch Alkohol und Medikamentenabhängige behandelt.  © Uwe Meinhold
Pornosucht hat keinen eigenen Diagnoseschlüssel, wird von Arzt und Krankenkassen als "Sonstige abnorme Gewohnheit oder Störung der Impulskontrolle" (Krankheitscode F63.8) klassifiziert.
Pornosucht hat keinen eigenen Diagnoseschlüssel, wird von Arzt und Krankenkassen als "Sonstige abnorme Gewohnheit oder Störung der Impulskontrolle" (Krankheitscode F63.8) klassifiziert.  © 123RF

Titelfoto: 123RF


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