Dieser Dresdner brachte 1907 die Zahnpasta in die Tube

Dresden - Der Apotheker Ottomar Heinsius von Mayenburg übernahm im Januar 1901 mit der „Löwen-Apotheke“ am Dresdner Altmarkt eine Goldgrube. Seine Geschäfte liefen so gut, dass er es sich leisten konnte, viel Zeit in seinen Laboratorien zu verbringen.

Dort tüftelte er an Tinkturen, Abführmitteln und Cremes. Im Mai 1907 kam ihm die glänzende Idee, Zahnpasta in biegsame Metall-Tuben abzufüllen. Das war die Geburtsstunde der Weltmarke Chlorodont, die Mayenburg steinreich machte.

Ottomar Heinsius von Mayenburg (1865 bis 1932) wurde in Schönheide im 
Erzgebirge als Sohn eines Postdirektors geboren.
Ottomar Heinsius von Mayenburg (1865 bis 1932) wurde in Schönheide im Erzgebirge als Sohn eines Postdirektors geboren.  © PR/Dentalkosmetik

Ottomar Heinsius von Mayenburg hatte den Dachboden des Eckhauses an der Wilsdrufer Straße für seine Experimente und Forschungen ausgebaut. Unentwegt kreierte und probierte er dort neue Rezepturen aus.

Auf seine selbst zubereitete Zahncreme war er besonders stolz: Für ihn war sie die denkbar glücklichste Verbindung von Zahnpulver und Mundwasser.

In Verehrung an die griechische Sprache taufte er sie „Chlorodont“. Dabei steht chloros (griechisch grün) für Frische und odon für Zahn. Das Original schmeckte nach Pfefferminze und markierte nichts weniger als den Beginn der modernen Zahnhygiene in Europa.

Von Mayenburgs Erfindung feierte man auf dem alten Kontinent wie eine Weltneuheit. Dabei ignorierte die Kundschaft großzügig, dass die Firma Colgate & Company (New York) in der neuen Welt bereits seit 1896 Zahncreme in Tuben verkaufte.

Auf der Internationalen Hygieneausstellung in Dresden 1911 gewann die 
Chlorodont-Zahnpasta eine Goldmedaille.
Auf der Internationalen Hygieneausstellung in Dresden 1911 gewann die Chlorodont-Zahnpasta eine Goldmedaille.  © Qualitätserzeugnisse

Dies- und jenseits des Atlantiks trafen die Produkte einen Nerv: Ende des 19. Jahrhunderts erwachte ein neues Gesundheitsbewusstsein. Die regelmäßige und gründliche Körperpflege rückte ins Blickfeld der Massen. Tägliches Zähneputzen mit Bürste und Creme betrieben damals nur wenige Menschen.

Der umtriebige Apotheker von Mayenburg startete die Chlorodont-Produktion zunächst in zwei Nebenräumen der Apotheke. „Laboratorium Leo“ nannte er diesen Geschäftszweig seiner Apotheke.

Sechs Jahre später platzte die Produktion aus allen Nähten, und der Unternehmer „verpflanzte“ seine Zahncreme-Sparte in die Dresdner Neustadt. 60 Angestellte beschäftigten sich fortan in einer Fabrik auf der Königsbrücker Straße 16 mit der Herstellung von Chlorodont-Produkten.

Ottomar Heinsius von Mayenburg hatte als Unternehmer eine glückliche Hand, eine soziale Ader und einen unglaublichen „Riecher“ für erfolgreiche Werbung. Seine „Chlorodont“-Kampagnen haben es in Lehrbücher für gutes Marketing geschafft. 1924 beschäftigten die Leo-Werke gut 400 Mitarbeiter.

Vor 100 Jahren bezog das Laboratorium Leo ein dreigeschossiges Fabrikgebäude 
auf der Königsbrücker Straße. Dort wurde die Zahnpaste maschinell in Tuben 
gefüllt.
Vor 100 Jahren bezog das Laboratorium Leo ein dreigeschossiges Fabrikgebäude auf der Königsbrücker Straße. Dort wurde die Zahnpaste maschinell in Tuben gefüllt.  © Tubenproduktion

Von Mayenburg gründete Niederlassungen in halb Europa und stellte den Betrieb so auf, dass dieser beinahe autark arbeiten konnte. Unter seiner Ägide avancierten die Leo-Werke zu einem Top-Unternehmen.

Sechs Millionen Deutsche kauften 1932 von Mayenburgs Zahnpasta, Leo-Hautcremes und Pillen.

Der Aufstieg seines Imperiums zum größten Zahnpflegemittelhersteller Europas mit 1500 Beschäftigten in 27 Niederlassungen rückte für von Mayenburg damals aber schon in der Hintergrund. Der Unternehmer litt schwer an Angina Pectoris. Die Krankheit fesselte ihn zunehmend ans Bett.

Am 24. Juli 1932 verstarb der vielfache Millionär in seinem Sommerdomizil Gut Roseneck am Wörther See.

Von Mayenburg gehörte das Schloss Eckberg in Dresden. Vor dem Zweiten 
Weltkrieg besaß er eines der größten Privatvermögen Deutschlands.
Von Mayenburg gehörte das Schloss Eckberg in Dresden. Vor dem Zweiten Weltkrieg besaß er eines der größten Privatvermögen Deutschlands.  © Schloss Eckberg

Schlossherr & Schöngeist

Ottomar Heinsius von Mayenburg „scheffelte“ mit seinen Chlorodont-Produkten Millionen.

Er konnte es sich leisten, ganz entspannt mit einem Sonderzug an die Riviera in den Urlaub zu fahren. 1925 bezog er mit seiner Frau Rose das Schloss Eckberg am Elbhang.

Mit ihr und seinen vier Kindern führte er dort ein zurückgezogenes Leben. Mit Hingabe kümmerte er sich um die Gestaltung und Bepflanzung des 14 Hektar großen Parks rund um das Anwesen. Er züchtete Rosen und Schmetterlinge.

Wenn alles grünte und blühte, lud er die Dresdner ein, den Park zu besichtigen. An sonnigen Tagen kamen damals bis zu 10.000 Gäste.

Ottomar Heinsius von Mayenburg investierte viel Geld in ausgefallene Reklame. Jeder im Land kannte damals die Marke Chlorodont.
Ottomar Heinsius von Mayenburg investierte viel Geld in ausgefallene Reklame. Jeder im Land kannte damals die Marke Chlorodont.  © Werbe-Motorrad
Bis heute wird in der Dresdner Neustadt Zahnpasta und Mundwasser 
produziert.
Bis heute wird in der Dresdner Neustadt Zahnpasta und Mundwasser produziert.  © Christian Essler

Dentalkosmetik heute

Das von Ottomar Heinsius von Mayenburg gegründete Firmen-Imperium überstand die NS-Zeit ohne größere Anpassungsschwierigkeiten. Doch während der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 nahmen auch Betriebsgebäude schweren Schaden.

Im Juni 1950 siedelte die Firmenzentrale der Leowerke nach Frankfurt am Main um. Kurz darauf wurden die in Dresden verbliebenen Leo-Werke verstaatlicht. Der VEB Elbe-Chemie setzte die Produktion von Mund- und Zahnhygienemitteln fort. Marken wie Rot-Weiss, Putzi, Perlodont oder el-ce-med kannte und nutzte jeder zwischen Kap Arkona und Fichtelberg.

Nach der Wiedervereinigung 1992 erfolgte die Reprivatisierung der Firma. Dental-Kosmetik GmbH heißt das Unternehmen (115 Angestellte) heute.

Seine Geschäfte laufen wie geschmiert - etwa 80 Millionen Tuben Zahncreme werden pro Jahr am alten Standort in der Neustadt produziert und in 38 Länder auf vier Kontinenten exportiert.


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