Wer seine Krankheit an dieser Uni nicht verrät, fliegt durch die Prüfung

Dresden - Werden Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden akut krank und können darum nicht an einer Prüfung teilnehmen, müssen sie ab sofort vertrauliche Gesundheitsdaten preisgeben.

Seit Semesterbeginn im September gelten auch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTW) verschärfte ärztliche Attest-Regelungen!
Seit Semesterbeginn im September gelten auch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTW) verschärfte ärztliche Attest-Regelungen!  © Steffen Füssel

Sie sollen Symptome offenlegen, Ärzte von der Schweigepflicht entbinden. Der bislang gültige "gelbe Schein" reicht nicht mehr. Wer sich weigert, fliegt durch.

Die Hochschule (5 000 Studenten) hat dafür eigene Attestformulare erstellt. Darauf sollen Ärzte die "Krankheitssymptome" der Studenten enthüllen.

"Notwendig ist die Darlegung der konkreten körperlichen und/oder psychischen Beschwerden/Beeinträchtigungen für die Prüfung", informiert die Hochschule auf ihrem Formular.

Mit den sensiblen Angaben will die Prüfungsbehörde dann selbst über die Prüfungs(un)fähigkeit des Studenten entscheiden. "Diese Beurteilung ist grundsätzlich nicht Aufgabe des Arztes, sondern der Prüfungsbehörde", heißt es auf dem Attestformular.

Die Studenten fühlen sich damit nicht nur unter Generalverdacht gestellt, absichtlich krankzumachen.

Der Hausärzteverband hält die neue Regelung für einen Skandal

Auszug aus dem Attestformular, das die HTW selbst erstellt hat. Unten das Feld, wo der Arzt die Krankheitssymptome eintragen soll.
Auszug aus dem Attestformular, das die HTW selbst erstellt hat. Unten das Feld, wo der Arzt die Krankheitssymptome eintragen soll.  © HTW

"Dieses Verfahren ist eine Farce", sagt Wirtschaftsstudent Florian (28) vom HTW-Studentenrat. "Wir haben Angst, dass Personen, die mutmaßlich keinerlei medizinischen Hintergrund haben, entscheiden, ob der Student krank genug war, um eine Prüfung wirklich nicht schreiben zu können."

Die angehenden Akademiker fürchten weitere "negative Auswirkungen", da Professoren sensible Gesundheitsdaten einsehen könnten. Florian: "Kritisch auch, dass die Studenten für die kostenpflichtigen Atteste selbst aufkommen sollen."

Der sächsische Hausärzteverband (1400 Mitglieder) hält die neue Regelung für einen "Skandal". Verbandsvize Klaus Lorenzen (56): "Die Forderung der Prüfungsämter nach Offenlegung sämtlicher Beschwerden unterstellt der Ärzteschaft, sie würde in diesen Fällen grundsätzlich Gefälligkeitsatteste ausstellen."

HTW-Rektor Roland Stenzel (62) lässt über eine Sprecherin mitteilen: "Mit der Anpassung der Prüfungsordnung in Bezug auf den krankheitsbedingten Rücktritt von Prüfungen reagiert die HTW Dresden auf die Vorgaben der aktuellen Rechtsprechung." Die gewöhnliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sei kein tauglicher Nachweis für eine Prüfungsunfähigkeit.

An den Universitäten in Dresden, Chemnitz und Leipzig gelten bereits die verschärften Attest-Regelungen. Landtagsabgeordneter René Jalaß (35, Linke): "Ich habe darum im April Strafanzeige wegen Anstiftung zum Geheimnisverrat und Nötigung gestellt, warte bis heute auf ein Ergebnis.

HTW-Rektor Roland Stenzel (62): Seine 5000 Studenten müssen jetzt bei krankheitsbedingtem Prüfungsrücktritt der Prüfungsbehörde vertrauliche Gesundheitsdaten offenlegen.
HTW-Rektor Roland Stenzel (62): Seine 5000 Studenten müssen jetzt bei krankheitsbedingtem Prüfungsrücktritt der Prüfungsbehörde vertrauliche Gesundheitsdaten offenlegen.  © Steffen Füssel
Der Linken-Landtagsabgebordnete René Jalaß (35) erstellte sogar Strafanzeige wegen Anstiftung zum Geheimnisverrat und Nötigung.
Der Linken-Landtagsabgebordnete René Jalaß (35) erstellte sogar Strafanzeige wegen Anstiftung zum Geheimnisverrat und Nötigung.  © Steffen Füssel

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