Dieser Polizist hätte beinahe einen Hells Angel erschossen

Eine Sequenz aus dem Video, das die Schießerei dokumentiert. Es ist der Moment, wo Hauptkommissar Mike Jacob (roter Kreis) seine Dienstwaffe zieht.
Eine Sequenz aus dem Video, das die Schießerei dokumentiert. Es ist der Moment, wo Hauptkommissar Mike Jacob (roter Kreis) seine Dienstwaffe zieht.  © Screenshot

Leipzig - Nur eine Sekunde entschied über Leben und Tod. Im Prozess um die Schießerei auf der Leipziger Eisenbahnstraße hat der Polizist ausgesagt, der mitten im Geschehen stand. Er ist der wichtigste Zeuge der Anklage. Und hätte beinahe einen Hells Angel erschossen.

Als Außendienstleiter ist Hauptkommissar Mike Jacob (43) bei Großereignissen meist als erster Polizist vor Ort.

So auch am 25. Juni, als ein Zeuge über Notruf mitteilte, dass etwa 20 Hells Angels auf der Eisenbahnstaße aufgekreuzt seien. „Wir wussten, da liegt Ärger in der Luft und sind mit Sondersignal sofort hin“, erzählte Jacob im Zeugenstand.

Vor Ort habe er die auf einem Bistro-Freisitz wartenden Rocker gefragt, was sie hier wollen. „Wir trinken Milch ... denn Milch macht müde Männer munter“, hätten ihm die Angels völlig entspannt geantwortet.

Jacob forderte dennoch Verstärkung an. Einige Revierfunkwagen und drei Bundespolizisten seien auch gekommen, aber der Zug gut ausgerüsteter Bereitschaftspolizisten ließ noch auf sich warten.

Der als Todesschütze angeklagte Hells Angel Stefan S. (31, l.) wurde am Dienstag bleich, als er erfuhr, dass Hauptkommissar Mike Jacob (43, r.) kurz davor war, dem Rocker in den Kopf zu schießen.
Der als Todesschütze angeklagte Hells Angel Stefan S. (31, l.) wurde am Dienstag bleich, als er erfuhr, dass Hauptkommissar Mike Jacob (43, r.) kurz davor war, dem Rocker in den Kopf zu schießen.  © Ralf Seegers, Alexander Bischoff

Gegen 15.40 Uhr seien dann etwa 20 United Tribuns (UT) in schwarzen T-Shirts auf die Hells Angels zugelaufen, berichtete Jacob. An der Spitze sei deren Anführer Sairen O. gelaufen. „Ich habe ihn angesprochen, doch er hat nicht reagiert, ist einfach weiter gegangen.“

Der Polizist ging mit und wurde unmittelbarer Augenzeuge der Tragödie. „Sairen hat nach dem erstbesten Hells Angel getreten und geschlagen, plötzlich sprang eine Person im roten Pullover zurück, zog eine Pistole und fing sofort an, in Richtung der Tribunes zu schießen“.

Einer der Angels schubste den Polizisten aus der Schusslinie. Jacob: „Jemand brüllte mich an ,Geh beiseite‘... ich habe dann meine Waffe gezogen, auf den Schützen gezielt und wollte ihm ins Gesicht schießen“, schilderte Jacob den hochdramatischen Augenblick. Doch hinter dem Rocker tauchte plötzlich ein Polizist auf, so dass der Hauptkommissar nicht abdrücken konnte, um seinen Kollegen nicht zu gefährden.

„Ich verlagerte dann meine Schussposition kurz nach links, hatte den Finger schon am Abzug und wollte abdrücken ... doch da hörten die Schüsse plötzlich auf“, erinnerte sich Jacob, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass ein UT-Rocker tödlich getroffen war.

Dieser eine Schritt nach links, diese Sekunde, bewahrte den Schützen Stefan S. vor dem sicheren Tod. Jacobs gebrüllter Aufforderung, die Waffe fallen zu lassen und sich auf den Boden zu legen, kam der Rocker sofort nach. Bei der Schilderung des Zeugen wurde der Hells Angel auf der Anklagebank kreidebleich.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.


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