Bist du betroffen? Drei Prozent aller Menschen können keine Gesichter erkennen

Hier werden Betroffene untersucht: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.
Hier werden Betroffene untersucht: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.  © Steffen Füssel

Leipzig - Sie leben wie unter Fremden, können sich keine Gesichter merken oder erkennen Menschen nicht an ihrer Stimme: Rund drei Prozent der Bevölkerung sind von Geburt an gesichts- oder stimmblind.

Freunde und Kollegen beschreiben Betroffene häufig als launisch und unhöflich, weil sie an ihnen vorbeigehen, als würden sie sie nicht kennen. Doch dahinter steckt kein böser Wille, sondern eine unheilbare Hirnstörung.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ihr Kind aus dem Kindergarten abholen und erkennen es nicht. Erst als ein Steppke schnurstracks auf Sie zuläuft und Sie freudig umarmt, merken Sie: Das ist mein Sohnemann!

Ursache ist ein seltenes Syndrom: Prosopagnosie (Gesichtsblindheit). Dabei können sich Betroffene keine Gesichter merken, auch nicht die von nahen Angehörigen! Das neurologische Defizit tritt manchmal nach Schlaganfällen, Hirn-Operationen oder Unfällen auf. "Doch bis zu drei Prozent der Bevölkerung leiden unter einer angeborenen Form der Gesichtsblindheit", sagt Doktorandin Claudia Roswandowitz (30). Sie forscht am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Erforscht Leistungsschwächen des Gehirns: Doktorandin Claudia Roswandowitz (30).
Erforscht Leistungsschwächen des Gehirns: Doktorandin Claudia Roswandowitz (30).  © Steffen Füssel

"Gesichtsblindheit ist keine Krankheit, sondern eine Leistungsschwäche des Gehirns - etwa vergleichbar mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche", erklärt die Doktorandin.

Betroffene geraten oft in peinliche Situationen: Sie grüßen Freunde nicht, laufen anscheinend arrogant an ihnen vorbei, weil sie sie einfach nicht erkennen. Sie fragen nach Leuten, die aber gerade vor ihnen stehen oder stellen sich auf Partys immer wieder denselben Leuten vor.

Beruflich wird’s gefährlich, wenn gesichtsblinde Ärzte ihre Patienten falsch behandeln, weil sie denken, es wäre ein anderer. Für die Polizei einen Handtaschendieb beschreiben - schier unmöglich! In besonders schweren Fällen sollen Betroffene auf der Straße sogar schon Parkuhren mit Kindern verwechselt haben.

Ursache sind Defizite in bestimmten Hirnregionen und deren Verbindung mit anderen Hirnarealen, die für die Analyse von Gesichtsmerkmalen und die Zuweisung von Namen und Personen zu Gesichtern wichtig sind. „Im hinter dem rechten Ohr gelegenen so genannten rechten Gyrus fusiformis wird das Gesicht erkannt. Er ist bei Prosopagnosikern meist nicht aktiv“, sagt Roswandowitz. Der Unterschied zu Autisten: Gesichtsblinde können durchaus Emotionen in Gesichtern erkennen.

Jeder kennt das von sich selbst - sehen Asiaten nicht auch alle irgendwie gleich aus? Gesichtsblinde können nicht mal die Gesichter von Verwandten und Bekannten unterscheiden.
Jeder kennt das von sich selbst - sehen Asiaten nicht auch alle irgendwie gleich aus? Gesichtsblinde können nicht mal die Gesichter von Verwandten und Bekannten unterscheiden.  © 123RF

Heilbar ist Gesichtsblindheit nicht.

Um ihr Defizit im Alltag zu überspielen, behelfen sich Prosopagnosiker deshalb mit Tricks und Kniffen: Sie verwickeln vermeintlich Fremde in kurze Gespräche, erkennen sie dann an der Stimme. Oder sie merken sich Auffälligkeiten wie Narben, Haaransatz, Zahnstellung, Ohrform (übrigens so einmalig wie der Fingerabdruck) oder die Art, wie eine Person geht. Roswandowitz: "Ganz schwierig wird‘s für sie jedoch, wenn jemand seine Frisur oder den Kleidungsstil oft wechselt."

Wesentlich weniger erforscht ist die "Stimmblindheit" (Phonagnosie). Betroffene können Stimmen keiner Person zuordnen. "Wir haben einen Online-Hörtest entwickelt, bei dem unbekannte Stimmen in Verbindung mit einem Namen gelernt und später wiedererkannt werden sollten", sagt Claudia Roswandowitz.

Über 1 000 Interessierte klickten sich durch den Hörtest. Zwei Probanden waren besonders auffällig, wurden vom Institut mit der Bitte um nähere Untersuchungen eingeladen, wollen aber anonym bleiben. "Wir nennen die Frau aus Köln A.S. und den Mann aus Leipzig S.P. Sie sind die einzigen von erst weltweit vier untersuchten Phonagnosikern."

Manchmal trifft's auch Promis: Brad Pitt (53) und die schwedische Kronprinzessin Victoria leiden unter Gesichtsblindheit.
Manchmal trifft's auch Promis: Brad Pitt (53) und die schwedische Kronprinzessin Victoria leiden unter Gesichtsblindheit.

A.S. erzählte, dass sie die Stimme ihrer sechsjährigen Tochter beim Spielen im Nebenzimmer nicht von den Stimmen ihrer Freundinnen unterscheiden kann. S.P. hatte Probleme, den "Simpsons" zu folgen, weil Synchronsprecher ausgetauscht worden waren.

Das Gehirn der beiden Freiwilligen wurde sogar bei einer MRT-Untersuchung durchleuchtet. Dabei ist Roswandowitz der Ursache des Handicaps auf die Spur gekommen: "Bei den Betroffenen liegt eine Störung des Schläfenlappens im rechten Hirnbereich vor, der für die Stimmerkennung zuständig ist. Er ist entweder weniger aktiv oder weniger mit anderen Hirnarealen verbunden." Stimmblindheit kann angeboren sein und vererbt werden. Bis zu drei Prozent der Bevölkerung leidet an dem neurologischen Defizit.

Auch Stimmblinde behelfen sich mit Tricks: Sie schauen zum Beispiel vor Anrufannahme aufs Handydisplay, um zu wissen, wer sich gleich meldet. "Ein Betroffener war Vertreter, musste den Beruf aufgeben, weil er seine Kunden am Telefon nicht unterscheiden konnte."

Ist das da drüben die Klassenkameradin von früher? Und woher kenne ich bloß diese Stimme? Manchmal kommt man selbst ins Zweifeln. Normal oder Defizit? Aufklärung bieten zwei Tests. Ob Sie vielleicht auch gesichtsblind sind, können sie beim Cambridge Face Memory Test der Birkbeck Universität von London (allerdings auf Englisch) herausfinden:

www.bbk.ac.uk/psychology/psychologyexperiments/experiments/facememorytest/startup.php

Der Stimm-Erkennungstest des Leipziger Max-Planck-Institutes ist online erreichbar unter:

http://phonagnosie-test.cbs.mpg.de

Man meldet sich dort mit seiner E-Mail an. Roswandowitz: "Ist jemand besonders auffällig, wird er von uns mit der Bitte um weitere Untersuchungen kontaktiert."


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