Chemnitz - Von der Fleischerei in den Bundestag: Nora Seitz (41, CDU) aus Chemnitz schaffte bei den Bundestagswahlen 2025 den Sprung nach Berlin. Seitdem stimmt sie innerhalb der schwarz-roten Koalition für Gesetze ab, hält leidenschaftliche Reden im Plenarsaal. Wie sehr hat sich ihr Leben seitdem verändert, wie bewerten sie die aktuelle politische Situation und was will sie unbedingt noch durchsetzen? TAG24 sprach mit der Fleischermeisterin.
TAG24: Frau Seitz, Sie tauschten die Fleischertheke gegen einen Sitz im Bundestag. Wie aufregend waren die ersten Tage in Berlin für Sie?
Nora Seitz: Die ersten Tage waren geprägt von Bürokratie - Mitarbeiter finden, sich um die Krankenkasse kümmern, persönliche Daten beim Bundestag einreichen. Und das alles neben der Fleischerarbeit, ich habe ja nicht sofort aufgehört, zu Hause zu arbeiten. Es war mir immer wichtig, den Bezug zur Realität zu behalten.
TAG24: Stehen Sie dann neben Ihrer Arbeit als Bundestagsabgeordnete überhaupt noch hinter der Fleischtheke?
Ich habe den Betrieb zusammen mit meiner Mutter geführt - mittlerweile hat sie übernommen. Für mich ist es allerdings wichtig, dort, wo ich kann, sie zu unterstützen. Es wird immer in meinen Wahlkreiswochen ein paar Stunden geben, in denen ich mich um die Fleischerei kümmere. Diese Zeit brauche ich auch für meinen Kopf. Denn 16-Stunden-Tage sind jetzt die Realität.
CDU-Frau Seitz über Ost-West-Debatte: "Müssen uns gegenseitig mehr zuhören"
TAG24: Wer wie Sie neu in den Bundestag einzieht, bringt oftmals große Pläne und Ideen mit. Prallt dann ganz schnell Idealismus auf politische Realität - gerade in der Koalition mit der SPD?
Ja. Ich habe jetzt in dem ersten Jahr gelernt: Politik ist ein Marathon und kein Sprint. Klar: SPD und CDU sind nicht in gleichen Weltansichten verbunden. Es geht immer um einen politischen Kompromiss. Ich bin froh, dass mich meine Fraktion reden lässt, dass ich auch meine Bedenken zum Ausdruck bringen kann.
TAG24: Gerade in Ostdeutschland ist die Stimmung angespannt. Die AfD liegt in Umfragen teilweise über der CDU. Warum, denken Sie, überzeugt die CDU nicht mehr?
Ich glaube, dass wir den Blick auf den Osten viel zu lange vernachlässigt haben. Im Osten leben totale Herzensmenschen, aber auch Menschen, die misstrauisch aus ihrer Erfahrung heraus sind. Es gibt auch eine andere Einstellung mit Russland. Wir müssen hier in Berlin akzeptieren, dass es zwei verschiedene Regionen gibt - die einen haben die Transformationserfahrung gemacht, sie wissen, wie es ist, wenn plötzlich alles, was man sich aufgebaut und erspart hat, plötzlich weg ist. Und die andere Region hat nun zum allerersten Mal einen Wohlstandsverlust. Und dafür muss auch ein Kanzler ein Gespür entwickeln. Im Moment fehlt mir dieses Gespür etwas. Ich habe schon damals meinen inneren Schluckauf gekriegt, als Merz gesagt hat, dem Osten müsse man mehr erklären als dem Westen. Das denke ich mir: Nein. Vielleicht ist es auch andersrum und wir müssen uns mal gegenseitig mehr zuhören.
Seitz über AfD: "Auftreten und Äußerungen machen mir Sorgen"
TAG24: Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließen Sie aber weiterhin aus?
Aus meiner Sicht heraus: Ja. Bundespolitisch finde ich die Partei bedenklich. Ich erlebe die Abgeordneten ja täglich. Das Auftreten und die Äußerungen - das macht mir enorme Sorgen. Es wird aber sicherlich immer wieder Stellen geben, und das erleben wir ja jetzt auf kommunaler Ebene, wo wir nicht mehr um die Zusammenarbeit drum herum kommen. Wichtig ist für uns: Wir dürfen nicht immer in großen Ankündigungs-Blasen leben, sondern einfach mal machen.
TAG24: Apropos machen: Welches Projekt wollen Sie persönlich in den verbleibenden drei Jahren unbedingt durchsetzen?
Ich möchte gerne, dass wir Aus- und Weiterbildungen stärker in den Fokus nehmen - Stichwort Meisterbonus. Auch die Arbeitszeitflexibilisierung möchte ich vorantreiben. Das Thema Mindestlohn wird uns ebenfalls weiter beschäftigen - das sehe ich ausgesprochen kritisch. Und die Zuckersteuer wird mich umtreiben. Ich als Fleischermeisterin habe die E-Nummern aus meinen Produkten rausbekommen, musste aber auf Salz und Zucker als Konservierungsstoffe setzen. Überzuckerte Lebensmittel sind ein Problem - aber wir dürfen mit unseren Gesetzen nicht wieder die kleinen Betriebe treffen, beispielsweise den Bäcker von nebenan.