Michael Kretschmer: "Ich werde niemanden ausgrenzen, der nicht geimpft ist!"

Dresden – Nein, Zeit zum Jammern hat er nicht. Auch wenn es viele Gründe gäbe: Die Pandemie ist schier endlos, die Sachsen haben die Nase voll und immer wieder steht er selbst im Mittelpunkt des Unmuts.

Ob ihn noch jemand um diesen Job beneidet? Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (46, CDU) braucht derzeit ein dickes Fell.
Ob ihn noch jemand um diesen Job beneidet? Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (46, CDU) braucht derzeit ein dickes Fell.  © Ronald Bonss

Ministerpräsident Michael Kretschmer (46, CDU) hatte es in den letzten Monaten alles andere als leicht.

Erst eine Demo vor seinem privaten Haus in der Oberlausitz, dann aggressive Proteste in Freiberg mit einer verletzten Polizistin. Zuletzt sogar eine Todesdrohung gegen ihn persönlich.

TAG24 verabredete sich mit Kretschmer in seiner Rolle als Landesvater und Sachsen-CDU-Chef zum Interview.

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Und fand trotz allem einen positiv gestimmten Politiker vor, der bereit ist, die Krise zu managen – mit vollem persönlichen Einsatz.

"Diese Gruppierungen wollen die Gesellschaft spalten"

Wo immer der Ministerpräsident auch auftaucht – wie hier bei einer Veranstaltung in Freiberg – da weiß er: Es warten nicht nur Fans.
Wo immer der Ministerpräsident auch auftaucht – wie hier bei einer Veranstaltung in Freiberg – da weiß er: Es warten nicht nur Fans.  © Eckardt Mildner

TAG24: Drohungen, Gewalt, aggressive Proteste… Wie empfinden Sie diese aktuelle Lage?

Kretschmer: Es ist schockierend. Aber ich sage mir "Jetzt erst recht!" Das ist keine Art, miteinander umzugehen. Das darf sich nicht durchsetzen. Und ich weiß, dass die Mehrheit der Menschen in unserem Land auch unter der Radikalität leidet. Und mit dieser Mehrheit will ich gemeinsam dafür sorgen, ein positives Klima zu erzeugen.

TAG24: Wer, denken Sie, sind diese aggressiv auftretenden Menschen, was wollen sie genau?

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Kretschmer: Das, was wir da sehen, ist eine eindeutige Mobilisierung durch die Freien Sachsen, eine rechtsextremistisch eingestufte Gruppierung, die es schafft, auch in bürgerliche Kreise hineinzuwirken. Der Begriff "Freie Sachsen" klingt erstmal positiv und viele Nachrichten, die da versandt werden, haben auch den Anschein von Seriosität. Aber wenn man genau hinschaut, geht es immer nur um Spaltung der Gesellschaft und darum, Politik, Polizei, Wissenschaft und Journalismus zu diskreditieren.

"Erzählen Sie keinen Unsinn!"

Eine knappe Mehrheit der Sachsen ist gegen Covid-19 geimpft. Andererseits ist die Zahl der Impfskeptiker hier besonders hoch.
Eine knappe Mehrheit der Sachsen ist gegen Covid-19 geimpft. Andererseits ist die Zahl der Impfskeptiker hier besonders hoch.  © Daniel Schäfer/dpa-Zentralbild/dpa

TAG24: Diese Leute kritisieren im Kern die Corona-Maßnahmen und vor allem das Impfen. Wenn Sie aktuell den Begriff Impfgegner hören, sind sie dann automatisch im Kopf bei Corona-Leugnern und rechtsextremen Spaltern?

Kretschmer: Nein, bin ich nicht. In einem freien Land ist es auch möglich, die Position zu vertreten, ich lasse mich nicht impfen. Auch, wenn ich es persönlich anders halte. Am Ende muss aber allen klar sein: Wir werden die Pandemie nur beenden können, wenn eine deutliche Mehrheit der Menschen immunisiert ist. Es geht eben nicht nur um den Einzelnen, sondern auch um Solidarität. Trotzdem dürfen wir die Menschen, die sich aus persönlichen Gründen nicht impfen lassen, nicht diskreditieren. Anders ist es mit denen, die mit kruden Theorien kommen, beispielsweise mit der Behauptung, wir würden durch die Impfung alle gechipt oder der Impfstoff sei nicht zugelassen oder wirke überhaupt nicht. Denen sage ich ganz klar: "Erzählen Sie keinen Unsinn!"

TAG24: Aktuell liegt die Impfquote in Sachsen bei 53,5 Prozent. Fast die Hälfte der Menschen hat sich also bislang trotz Angebot nicht impfen lassen. Der Freistaat ist damit Schlusslicht in Deutschland (62,7 Prozent). Woran liegt’s?

Kretschmer: Das hat sicher auch mit der Beschallung aus den sozialen Netzwerken zu tun. Ein Teil der Bevölkerung glaubt, dass diese Sachen da im Internet die Wahrheit widerspiegelt. Es wird zu wenig kritisch hinterfragt. Das ist dann schwer zu widerlegen und ein Phänomen, das wir nur begrenzt lösen können. Da hoffe ich auf mehr Ärzte und Fachleute, die öffentlich in die Diskussionen eingreifen und offensichtliche Falschmeldungen richtigstellen.

"Auch nicht geimpfte Menschen behalten ihre Grundrechte"

Ab nächster Woche können z.B. Gastronomen und Kulturbetriebe - sofern sie wollen - nur für Geimpfte und Genesene öffnen.
Ab nächster Woche können z.B. Gastronomen und Kulturbetriebe - sofern sie wollen - nur für Geimpfte und Genesene öffnen.  © imago images/Bihlmayerfotografie

TAG24: Sachsen will am 23. September 2G einführen. Ungeimpfte müssen in vielen Restaurants, Kinos, Konzerten etc. draußen bleiben. Eine Art Impfpflicht durch die Hintertür?

Kretschmer: Nein, das ist keine Impfpflicht und wir werden auch keine Impfpflicht einführen und auch keinen Impfzwang. Auch nicht geimpfte Menschen behalten ihre Grundrechte. Ich sehe 2G eher aus Sicht der Unternehmen. Warum soll ich einem Konzertveranstalter auferlegen, dass er nur jeden zweiten Platz besetzen darf, wenn er für sich selbst sagt, ich möchte gern mit 2G und einem vollen Haus arbeiten, ohne Mindestabstand? 2G ist also keine Pflicht, sondern eine Option.

TAG24: Verstehen Sie aber, dass Umgeimpfte Angst haben, durch 2G vom normalen Alltagsleben ausgegrenzt zu werden? Immerhin geht‘s um fast 50 Prozent der Sachsen.

Kretschmer: Nein, das sehe ich nicht so. Die 2G-Variante ist eine Option für private Veranstalter. Keine Vorschrift. Einkaufsläden werden normal geöffnet bleiben. Sehen Sie, wir haben eine Pandemie, die ist für Tausende Menschen tödlich gewesen, sie hat auch einen riesigen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht. Wir werden noch Jahre mit den finanziellen Folgen zu tun haben. Und was wir jetzt verhindern müssen, ist, dass es in diesem Herbst und Winter wieder passiert. Wir sollten also jetzt mit ganzer Kraft die Instrumente nutzen, die wir haben.

"Nicht alle Meinungen haben das gleiche Gewicht"

Viele Impfgegner vertreten ihre Meinung sehr offensiv.
Viele Impfgegner vertreten ihre Meinung sehr offensiv.  © imago images/serienlicht

TAG24: Glauben Sie daran, dass wir es ohne neuen Lockdown durch den Herbst/Winter schaffen?

Kretschmer: Wir werden es schaffen können, wenn alle Sachsen – geimpft oder nicht geimpft – zusammenhalten und sich jetzt nicht von Radikalen auseinandertreiben lassen. Nochmal… ich werde niemanden ausgrenzen, der nicht geimpft ist. Ich unterteile die Menschen nicht in gut und schlecht, nach dem Motto geimpft oder nicht geimpft. Aber diese Pandemie und die Zahlen sind eineindeutig: Diejenigen, die auf den Intensivstationen landen, sind nahezu ausschließlich die Ungeimpften.

TAG24: Oft hört man bei Demos (u.a. Querdenkern), man dürfe seine Meinung nicht mehr frei äußern. Im nächsten Moment sagt der Redner allerdings frei heraus, was er/sie denkt. Haben wir wirklich ein Stück Freiheit verloren?

Kretschmer: Das ist der Versuch, sich als Märtyrer darzustellen und eine Ausgrenzung zu organisieren, indem man anderen vorwirft, man selbst werde ausgegrenzt. Dieses Spiel müssen wir durchkreuzen. Thomas de Maizière hat da mal so wunderbar gesagt: Nicht alle Meinungen haben das gleiche Gewicht. Jemand, der eine These aufbringt, ohne dafür fachlich autorisiert zu sein, hat natürlich nicht die gleiche Wirkung wie ein Robert Koch-Institut oder die Europäische Arzneimittelagentur. Wir haben da die besten Köpfe dieser Welt zusammen, damit sie uns beraten und helfen. Und das sollten wir nutzen.

"Wir haben derzeit als Freistaat mehrere Eisen im Feuer"

In Bezug auf die Wirtschaft hat MP Kretschmer noch einige Asse im Ärmel.
In Bezug auf die Wirtschaft hat MP Kretschmer noch einige Asse im Ärmel.  © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

TAG24: Schlechte Impfquote, aggressive Demos… Hat Sachsen ein Imageproblem?

Kretschmer: Wir sind ein Land voller freundlicher, aufgeklärter Menschen und es gibt eine sehr laute Minderheit, die versucht, hier alles zu dominieren. Und der müssen wir uns entgegenstellen. Das wird auch außerhalb Sachsens so gesehen. Unsere Leistungen in Kultur, Tourismus, in der Wirtschaft und Wissenschaft werden auch im Rest des Landes sehr wahrgenommen.

TAG24: Was sind denn aktuell die Leuchttürme, mit denen Sie außerhalb für Sachsen werben?

Kretschmer: Wir sind natürlich das Land der Hightech-Industrie voller kluger, arbeitsamer Menschen, das weiß ja mittlerweile die ganze Welt. Von der Halbleiter-Industrie über Maschinenbau bis zur Automobilindustrie. Und nun kommen weitere Ansiedlungen hinzu.

TAG24: Haben wir auch bald einen Investor à la Elon Musk in Sachsen?

Kretschmer: Da China aktuell die Daumenschrauben bei Wirtschaftsunternehmen anzieht und als Staat immer übergriffiger wird, gibt es eine Reihe Unternehmen, die wieder zurückkommen wollen nach Deutschland oder Europa. Wir haben derzeit als Freistaat mehrere Eisen im Feuer. Zum Beispiel im Bereich Mikroelektronik, aber auch bei Batterie-Herstellung und Elektromobilität. Die letzte Reise in die Schweiz hat auch wieder neue Kontakte gebracht.

"Die Schwäche der Union ist gerade die Stärke von Olaf Scholz"

Natürlich unterstützt Kretschmer inzwischen den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet (60). Viele in der Sachsen-CDU hätten sich lieber Friedrich Merz (65) oder Markus Söder (54) gewünscht.
Natürlich unterstützt Kretschmer inzwischen den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet (60). Viele in der Sachsen-CDU hätten sich lieber Friedrich Merz (65) oder Markus Söder (54) gewünscht.  © Sebastian Kahnert/dpa

TAG24: Zum Abschluss kurz noch einen Blick auf die Bundestagswahl

Kretschmer: Ja, dort sieht man deutlich, die Schwäche der Union ist gerade die Stärke von Olaf Scholz. Die Fehler, die die Union gemacht hat, müssen nach der Wahl aufgearbeitet werden. Ich selbst trete für eine Partei ein, die den Bürgern etwas zutraut, die auch in der Vergangenheit staatliche Überregulierung abgelehnt hat. Ich glaube, dass wir die ganzen Herausforderungen wie Energiewende nicht durch Verbote hinkriegen, sondern nur durch Innovation und kluge Ideen.

TAG24: Glauben Sie noch an Armin Laschet als nächsten Bundeskanzler?

Kretschmer: Nun, wir werben dafür. Weil wir natürlich sehen, was die Alternative ist. Wir haben ja gesehen, dass Rot-Grün damals 5 Millionen Arbeitslose in Deutschland hinterlassen hatte, als Angela Merkel Kanzlerin wurde. Ich denke, die nächsten Jahre sind jetzt entscheidend. Bei dieser Bundestagswahl geht es für mich aber auch darum, wie stark Sachsen in Berlin vertreten ist. Und das ist es, was mich noch einmal sehr antreibt und in den Wahlkampf eingreifen lässt. Sehr wichtig sind mir dabei die direkt gewählten Abgeordneten aus Sachsen. Diese Frauen und Männer können viel für uns bewegen.

TAG24: Vielen Dank für das Gespräch!

Titelfoto: Bildmontage: imago images/serienlicht/Ronald Bonss

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