Zustand der Wälder in NRW "besorgniserregend": Neuer Bericht zeigt große Defizite auf

Düsseldorf - Das Wort "Waldzustandsbericht" aus dem nüchternen Amtsdeutsch lässt schon nicht viel Gutes ahnen: Tatsächlich gibt es auch für 2022 besorgniserregende Nachrichten über "die grüne Lunge".

Der Wald in NRW besteht zu 58 Prozent aus Laubbäumen. Borkenkäfer greifen oftmals Nadelbäume an.
Der Wald in NRW besteht zu 58 Prozent aus Laubbäumen. Borkenkäfer greifen oftmals Nadelbäume an.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Auch in diesem Jahr haben Dürre, Brände und Käferbefall den Wäldern in Nordrhein-Westfalen stark zugesetzt. Nur 28 Prozent aller untersuchten Bäume sind noch vollständig gesund und weisen keinen Verlust von Blättern oder Nadeln auf. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich dieser Anteil nicht verbessert, sagte Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (50, CDU) am Donnerstag bei der Vorstellung des neuen Waldzustandsberichts in Düsseldorf.

38 Prozent der Waldbäume zeigten starke Schädigungen, weitere 34 Prozent eine geringe sogenannte Verlichtung der Baumkrone. Damit setze sich der seit Beginn der Waldzustandserhebung 1984 insgesamt negative Trend fort.

NRW verfügt über rund 935.000 Hektar Wald. Das entspricht etwa 27 Prozent der Landesfläche. Der Wald besteht zu 58 Prozent aus Laubbäumen, meist Buchen und Eichen. Auf 42 Prozent der Waldfläche wachsen Nadelbäume, vor allem Fichten.

Himmel über kranken Baumkronen

Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (50, CDU) wird den Lagebericht zur Situation der Wälder vorstellen.
Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (50, CDU) wird den Lagebericht zur Situation der Wälder vorstellen.  © Federico Gambarini/dpa

Dem aktuellen Bericht zufolge hat dieser Sommer den wärmsten und trockensten August seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 hervorgebracht. Die längste und stärkste bisher beobachtete Bodenaustrocknung habe erheblichen Wassermangel bei den Bäumen verursacht.

Gleichzeitig bleibe die Borkenkäfer-Plage schlimm, stellte der Leiter des Arnsberger Zentrums für Wald und Forstwirtschaft, Bertram Leder, fest. "Er wütet in unseren Wäldern." Der Schwerpunkt des Befalls liegt dem Bericht zufolge im Sauer- und Siegerland, während die Situation in der Eifel etwas besser sei.

Die Fichte, Brutstätte des Borkenkäfers, ist laut Waldzustandsbericht in den tieferen Lagen inzwischen fast vollständig verschwunden. Etwas langsamer als bei anderen Baumarten verschlechtert sich der Zustand der Kiefer, während die Buche besonders unter der Trockenheit zu leiden hat. Auch bei der Eiche sieht nur jeder siebte Baum gesund aus.

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"Wenn Sie früher im Wald unter einem Baum gestanden und nach oben geblickt haben, konnten Sie durch die Baumkrone den Himmel nicht sehen. Das ist heute meistens anders", beschrieb Gorißen die Verlichtungen.

Borkenkäfer mitunter Grund für schlechte Zustände

Unter anderem hat der Borkenkäfer großen Schaden angerichtet.
Unter anderem hat der Borkenkäfer großen Schaden angerichtet.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Insgesamt seien 135.000 Hektar Wald in NRW sogenannte Schadflächen, die durch Stürme, Sommerdürren und Massenvermehrungen der Fichtenborkenkäfer entstanden seien, erklärte sie. Bei der Wiederbewaldung sei es nun wichtiger denn je, auf Mischwälder zu setzen, die sich besser an den Klimawandel anpassen könnten. Das seien vorzugsweise heimische Arten wie Eiche, Linde und Kirsche, die in beschränktem Maße mit ausländischen Arten wie der Douglasie oder Küstentanne gemischt werden könnten.

Ziel seien robuste Mischwälder aus mindestens vier verschiedenen, an die jeweiligen Standortbedingungen angepassten Baumarten, sagte der Waldbau-Experte des Ministeriums, Ralf Petercord. Mit 47 Baumarten in Deutschland sei die Auswahl groß.

Die Wiederbewaldung werde aber lange dauern und könne nur gemeinschaftlich gestemmt werden, sagte Gorißen. Mit 63 Prozent der Waldfläche weist NRW einen sehr hohen Privatwaldanteil auf. Die Ministerin appellierte an die Eigentümer, die Förderprogramme zu nutzen.

In diesem Jahr seien erst 23 Prozent der Mittel abgerufen worden. So blieben Millionen liegen, die eigentlich in die Wiederbewaldung gesteckt werden sollten, bemängelte sie.

Wälder müssen gepflegt werden

In etlichen Teilen von NRW hatten im Sommer Waldbrände gewütet.
In etlichen Teilen von NRW hatten im Sommer Waldbrände gewütet.  © Boris Roessler/dpa

Auf einem Viertel der Schadflächen sei damit bereits begonnen worden. Verwüstete Waldflächen müssten aber auch für Windkraftanlagen genutzt werden, um die Ausbauziele bei den regenerativen Energien zu erreichen. Die Gesamtfläche des Waldes werde jedoch "mit Zähnen und Klauen verteidigt", versicherte Petercord.

Den Wald sich selbst zu überlassen, sei "die schlechteste Strategie", wenn man ihn im Klimawandel noch erhalten wolle, sagte der Experte. Von allein könne sich die Natur nicht mehr schnell genug regenerieren. Der Naturschutzbund Deutschland hatte zuvor gefordert, zehn Prozent der gesamten Waldfläche in "Wildnisentwicklungsgebiete" umzuwandeln.

Im kommenden Jahr wolle die Landesregierung 70 Millionen Euro Fördergelder für die Forst- und Holzwirtschaft zur Verfügung stellen, kündigte Gorißen an. In Kürze werde sie ein neues Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Waldbauern vorstellen.

In den 540 forstwirtschaftlichen Gemeinschaften herrsche wegen Umstellungen bei der Förderung "eine Art Schwebezustand, in dem die vielen tausend Waldbesitzer nicht wissen, wie es künftig weitergeht", mahnte der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, René Schneider. Bei der dringend notwendigen Walderneuerung dürfe aber keine Zeit mehr vertan werden.

Originalmeldung vom 1. Dezember 2022, 6.05 Uhr; zuletzt aktualisiert: 1. Dezember 2022, 16.27 Uhr

Titelfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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