Natur-Schauspiel in der Heide! Hier sind Sachsens Hirsche richtig horny!

Mit röhrendem Geschrei buhlt ein Hirsch um sein Kahlwildrudel.
Mit röhrendem Geschrei buhlt ein Hirsch um sein Kahlwildrudel.  © DPA

Dresden - Wenn der erste Bodenfrost über Ginster und Erika kriecht, geht es plötzlich heiß zu im Wildnisgebiet der Königsbrücker Heide.

Die Brunft beginnt. Mit röhrendem Geschrei buhlen die hitzigen Platzhirsche um die Gunst des Kahlwilds. Wer dem Naturschauspiel lauscht, könnte meinen, er stehe in einer afrikanischen Savanne.

Nur ein Kolkrabe schmettert sein „Kraa-kraa-kraa“ von einem Wipfel hinaus in die Dämmerung. Sonst ist es still. Dirk Synatzschke (60), Mitarbeiter für Gebietsentwicklung beim Sachsenforst, schließt die Schranke zur Sperrzone, bevor er sich zurück in den Jeep setzt. Der Fotograf neben ihm sorgt sich wegen seiner knallgelben Gummistiefel.

Er will die Hirsche nicht verschrecken. „Die meisten Tiere sehen nur schwarz-weiß“, wird er promt aufgeklärt. Und: Die Atmosphäre der Brunft lebe ohnehin eher von der Akustik. Ein Hirsch vor der Linse wäre also großes Glück.

Es geht in den Kern des Wildnisgebiets Königsbrücker Heide, dahin, wo Besucher sonst keinen Zutritt haben. Das hat zwei Gründe. „Zum einen Naturschutz, zum anderen ist das Großschutzgebiet stark mit Munition belastet“, erzählt Forstmann Synatzschke, während er den Motor startet.

Die Atmosphäre in der Königsbrücker Heide lebt von der Akustik.
Die Atmosphäre in der Königsbrücker Heide lebt von der Akustik.  © Christian Juppe

Zehn Dörfer mussten weichen, damit kaiserliche Truppen und Wehrmacht auf dem 7000-Hektar-Gelände Schießen üben konnten. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam die russische Gardepanzerarmee.

Als sie 1992 abzog, hinterließ sie überwiegend freien feinen Sand. Ein Vierteljahrhundert später ist davon nicht mehr viel zu sehen. Flora und Fauna gedeihen. Biber bauen ihre Weiher.

Enten rasten auf dem Weg gen Süden. Und Birken, Kiefern und Aspen erobern sich ihr Existenzrecht zurück, begraben Projektile, Kampfgeschosse und militärische Altlasten Jahr für Jahr unter ihrem Laub. „Pionierwald“, so nennt Synatzschke die ersten Bäume, die den Vorwald entwickeln. Nur hier und da eine entwurzelte Zitterpappel. „Spuren von Sturmtief Paul“, sagt Synatzschke. Auch die Rehlehne, die Fläche, auf der einst Infanterie und Panzer übten, ist längst mit Wildkräutern übersät.

Wir fahren vorbei an Besenheide und Otterbach, immer weiter hinein in die Wildnis. Und plötzlich stehen sie da, in der Ferne am Horizont, eine Hirschkuh und ihr Kalb. Naturschützer Synatzschke stellt den Motor ab. „Die sind bestimmt nicht allein.“ Er greift zum Fernglas. Wir steigen aus. Es ist frisch. „Bei der Brunft geht’s auch ums Wetter.“ Synatzschke kennt sein Rotwild. „Die brauchen kühle, klare Nächte, um in Stimmung zu kommen“, sagt er. Wegen der milden Witterung lief die Paarungszeit dieses Jahr träge an. Die letzten August- und ersten Septembertage waren schlicht zu warm. Dafür sind die Hirsche jetzt offenbar im Liebestaumel.

Während die Sonne ihre langen Schatten wirft, geht es in der offenen Landschaft hoch her. Etwa 50 Brunftplätze gibt es derzeit im Wildnisgebiet Königsbrücker Heide. Und aus mindestens sieben Richtungen lassen sich die brünstigen Schreie ausmachen.

Er kennt seine Platzhirsche: Dirk Synatzschke (60) ist Mitarbeiter für Gebietsentwicklung in der Naturschutzgebietsverwaltung der Königsbrücker Heide im Sachsenforst.
Er kennt seine Platzhirsche: Dirk Synatzschke (60) ist Mitarbeiter für Gebietsentwicklung in der Naturschutzgebietsverwaltung der Königsbrücker Heide im Sachsenforst.  © Christian Juppe

„Je tiefer der Rufton, desto älter der Hirsch“, erklärt Synatzschke. Die Stimme soll ebenso imponieren wie abschrecken.

Meist lasse sich die Rangfolge akustisch klären. Falls nicht, komme es zum Kräftemessen. Dabei schreiten Platzhirsch und Nebenbuhler nebeneinander her, mustern sich, bis einer freiwillig geht oder das Geweih zum Einsatz kommt.

„Gefährlich, wenn die Spitze durch die Bauchdecke sticht.“ Ernste Folgen seien aber die Ausnahme. Und wenn einer verendet, freuen sich Seeadler oder Wolf. „Die brauchen ja auch was zu fressen.“ Dieses Szenario, das man aus Filmen kennt, sei aber eher selten.

„Platzhirsch ist ein schwieriger Job“, sagt der Förster. Nur der Stärkste darf seine Gene weitergeben, so will es die Natur. Und das zum richtigen Zeitpunkt, schließlich sind die Hirschkühe nur für kurze Zeit empfängnisbereit. Der Rotwild-Chef muss das Kahlwild-Rudel (also die circa fünf bis zehn weiblichen Tiere ohne Geweih) beeindrucken und als Herr im Ring die Beihirsche in Schach halten. „Abstauber“ genannt, lauern die jungen Hirsche auf ihre Chance. „Die warten, bis der Alte mal einnickt.“ Um wach zu bleiben, kühlen die Alphatiere ihre hitzigen Gemüter mitunter sogar im Otterbach oder der Pulsnitz, erzählt Synatzschke.

Die Brunftzeit zehrt. In knapp sechs Wochen verlieren die Platzhirsche fast ein Drittel ihres Körpergewichts. Die verlorenen Reserven müssen sich die Tiere so kurz vorm Winter erstmal wieder anfuttern. Doch daran ist jetzt noch nicht zu denken. Vorausgesetzt, die Witterung spielt mit, zieht sich das einzigartige Naturspektakel bis Mitte Oktober.

Nur falls es noch mal warm wird, ist schlagartig Schluss.


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