Kaffee zwischen Zuhältern und Bordellen: Sie gibt Prostituierten Hoffnung

Stuttgart - Rund 4000 Frauen gehen schätzungsweise in Stuttgart der Prostitution nach. Viele von ihnen arbeiten in der bekannten Leonhardstraße. Inmitten der Laufhäuser und Bars steht das HoffnungsHaus, das den Mädchen ein wenig Hoffnung geben will: Ein Besuch.

Wilbirg Rossrucker steht im HoffnungsHaus hinter der Theke an der Kaffeemaschine.
Wilbirg Rossrucker steht im HoffnungsHaus hinter der Theke an der Kaffeemaschine.  © TAG24

Im HoffnungsHaus finden Prostituierte einen Zufluchtsort, einen Ort abseits der Spirale, wo sie ein paar unbeschwerte Momente erleben können.

Wilbirg Rossrucker arbeitet hier und will den Frauen beistehen, für sie da sein, sie anerkennen, denn diese Arbeit ist oftmals von Gewalterfahrungen geprägt.

Beim gemeinsamen Essen oder Kaffeetrinken geht es meist nicht um das Thema, doch die 56-Jährige weiß, was sich hinter manchen verschlossenen Türen abspielt.

"Es geht kein Tier mit einem anderen Tier so um, wie wir Menschen miteinander - und das auch noch zur reinen Freude", sagt Rossrucker. Der Sex sei oft brutal und gewaltvoll.

Auch wenn die betroffenen jungen Frauen nicht selbst in das Haus kommen, weiß Rossrucker wie die Bedingungen in den Bordellen sind. Die Mitarbeiter des HoffnungsHauses verteilen in Laufhäusern und Bars Süßigkeiten und Pflegeprodukte, zu Weihnachten Plätzchen. Einige Mädchen dürfen die Häuser nicht verlassen, sie kommen aus dem osteuropäischen Ausland und werden alle ein bis zwei Wochen an wieder neue Bordelle in anderen Städten weitergegeben. "Sie werden gehandelt wie eine Ware", berichtet Rossrucker.

"Sie sprechen kein Deutsch, ihnen wird der Preis für die einzelnen Dienstleistungen in die Hand geschrieben, dann zeigt der Freier nur noch darauf, was er will", erklärt Rossrucker. Zu diesen Mädchen bekomme sie wenig bis gar keinen Kontakt. "Einige werden verprügelt, auf ihnen werden Zigaretten ausgedrückt und manche werden unter Drogen gesetzt", sagt Rossrucker.

Frauen bedienen bis zu 25 Freier am Tag

Das Rotlichtviertel bei Tag in Stuttgart.
Das Rotlichtviertel bei Tag in Stuttgart.  © TAG24

Sie erinnert sich an eine Situation. Eine Frau war schwanger und es sollte ihr Blut abgenommen werden. "Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, die hat da was erlebt", berichtet Rossrucker. Manche Frauen würden mit Drogen gefügig gemacht.

Die Justiz stehe der Situation machtlos gegenüber, denn zu Zeugenaussagen der Mädchen komme es selten. "Das kann ihr Todesurteil sein", erklärt Rossrucker. Sie könne es verstehen, dass die Mädchen nicht reden.

Es müsse sich an der Gesetzesgrundlage etwas ändern. Sie würde ein Modell befürworten, bei dem Freier bestraft werden.

Im Schnitt, so berichtet Rossrucker, bedienen die Mädchen sieben bis zehn Freier am Tag und das sieben Tage die Woche. Sie habe aber auch schon von 25 Männern am Tag gehört. Für jeden Kunden gibt es zwischen 30 und 50 Euro.

Manche Frauen haben ein eigenes Zimmer angemietet, das kostet ungefähr 1200 Euro. "Eine Frau stand fünf Tage nach der Geburt bereits wieder auf der Straße, das Zimmer müsse bezahlt werden."

Eine Dame erzählte Rossrucker, dass sie mindestens eine Stunde vorher zur Arbeit kommen müsse, um sich darauf vorzubereiten, "damit sie es aushält".

Im HoffnungsHaus finden Prostituierte einen Zufluchtsort

Eine Pflanze im Vordergrund, Tische stehen im Hoffnungshaus.
Eine Pflanze im Vordergrund, Tische stehen im Hoffnungshaus.  © TAG24

Viele der Frauen sind alkohol- oder drogenabhängig und finanzieren so ihre Sucht. Die meisten kommen aus zerrütteten Familien, haben zum Teil Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen gemacht. Sie haben kaum Selbstbewusstsein.

Im HoffnungsHaus kümmern sich die Mitarbeiter um die Frauen, die diese Aufmerksamkeit genießen. Neben einem kostenlosen Essen gibt es nette Gespräche und Zuwendungen. Die Frauen lassen sich die Nägel lackieren, musizieren gemeinsam oder spielen "Mensch ärgere dich nicht". "Es tut den Frauen einfach gut, wenn man da ist und sich ihnen zuwendet."

Und für so manche Frau sei das HoffnungsHaus auch der einzige Ort, an dem sie ohne Angst schlafen kann.

Drei Tage in der Woche öffnet das Haus und bietet einmal eine warme Mahlzeit und an den anderen Tagen Brötchen, Kaffee und Süßigkeiten an.

Neben zwei Festangestellten arbeiten und wohnen auch sieben weitere Leute im HoffnungsHaus, darunter eine Physiotherapeutin, die regelmäßig Massagen anbietet.

Leben und Arbeiten im Rotlichtviertel

Wilbirg Rossrucker sitzt im HoffnungsHaus auf einer Coach.
Wilbirg Rossrucker sitzt im HoffnungsHaus auf einer Coach.  © TAG24

Doch wie kam die ehemalige Hebamme ins HoffnungsHaus?

Wilbirg Rossrucker ist geschieden, die Kinder sind aus dem Haus, 30 Jahre Arbeit als Hebamme liegen hinter ihr. Sie fasst den Entschluss etwas Neues zu wagen, will sich in der sozialen Arbeit versuchen.

Die gläubige Christin sagt: "Irgendwas muss der Herr mit mir vorhaben." Und so treffen zwei Zufälle aufeinander:

Den "Apis", der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg e. V. und Träger des HoffnungsHauses, wurde ein Haus im Leonhardsviertel angeboten. Dann war der christlichen Organisation schnell klar, dass dieses Haus keine "normale WG" für Jugendliche sein kann, sondern es stellte sich die Frage, ob Gott ihnen einen besonderen Auftrag geben wollte?

Als Rossrucker für die Arbeit und das Wohnen im HoffnungsHaus mitten im Rotlichtviertel angefragt wird, sagt sie sofort zu. Sie packt ihre Sachen in Österreich zusammen und wagt den Neuanfang in Stuttgart.

Seitdem sind rund vier Jahre vergangen. Sie ist heimisch geworden - in dem besonderen Viertel.

Wer selbst auch etwas Gutes tun möchte, kann mit der Aktion "Kaffee voll Hoffnung" einen Kaffee selbst trinken und einen zweiten an das spendenfinanzierte HoffnungsHaus geben.

Titelfoto: TAG24


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