Die Hölle sind die anderen Eltern: High Noon am Sandkasten

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, ist ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Elternduelle um die Supertalente des eigenen Nachwuchses gehören zum Spielplatzalltag.
Elternduelle um die Supertalente des eigenen Nachwuchses gehören zum Spielplatzalltag.  © 123RF

Dresden - "Die Hölle, das sind die anderen" schrieb einst Jean-Paul Sartre. Ich möchte dem Satz das Wort "Eltern" hinzufügen: Die Hölle, das sind die anderen Eltern.

Treffen Erziehungsberechtigte aufeinander, geht es für mich ganz schnell durchs Fegefeuer, wo mir die eigene Unzulänglichkeit bei der Talenterkennung und -Förderung meiner Kinder eingebrannt wird. Zunächst sitzt man nur zusammen und simuliert harmlosen Smalltalk. In Wirklichkeit geht es aber zu wie in "Zwölf Uhr Mittags"-Western-Duellen. Man zuckt mit keiner Wimper und wartet auf den richtigen Augenblick, um eine herausragende Begabung seines Kindes aus dem Halfter zu ziehen und abzufeuern.

Wichtig ist es dabei, nicht den Eindruck zu erwecken, mit den Talenten anzugeben. Das machen nur Anfänger. Nein, die Geschosse über die Hochintelligenz des Sprösslings müssen locker aus der Hüfte kommen. So, als wäre es gar nichts Besonderes.

Es gibt sie überall: Bei der Neugeborenengymnastik, beim Babyschwimmen, im Kindercafé und auf Spielplatz-Bänken. Immer taucht mindestens ein hochtalentiertes Kind auf, das seinen Altersgenossen um Welten voraus ist. Nach Meinung seiner Eltern.

Frei erfundene Szene am Sandkasten: "Hallo, ich bin die Mutter von Hugo", sagt eine Body-Positivity-Frau, deren Füße in bunten Wollsocken und die wiederum in Trekkingsandalen stecken. Sie deutet auf das Kleinkind, das von Leo und Jack gerade über die Vorzüge des Sandessens aufgeklärt wird. Es ist mir schon häufig aufgefallen: Eine ganze Menge Frauen scheinen ihre Identität mit der Nachgeburt entsorgt zu haben. Sie sind dann nicht mehr Susanne, Anke oder Mandy, sondern die Mutter von Max, Anna oder Shanaia.

"Bist du in Elternzeit?" "Nein, ich habe heute frei", antworte ich einsilbig. "Sind das deine Jungs?" setzt sie den Smalltalk gegen meinen Willen fort.

"Nein. Ich war die vergangenen dreieinhalb Jahre im Knast. Die Bälger habe ich mir zur Tarnung von meiner saufenden Schwester ausgeliehen, um mir unauffällig auf dem Spielplatz meine nächsten Opfer auszusuchen." Denke ich und antworte; "Ja, Jack und Leo. Ich bin übrigens Uwe."

"Mutter von Hugo" verrät mir ihren Namen trotzdem nicht. "Schön, dass sich unsere Jungs so gut verstehen, da kann man auch mal ein bisschen ausspannen." Die Frau wird mir sympathisch. Doch es ist nur eine Finte.

Denn im Moment meiner Unbedarftheit feuert sie den ersten Schuss ab. Ihr knapp Zweijähriger kommt angetapst. Er will sich seine Sandschaufel holen. Die Gelegenheit lässt sie sich nicht entgehen: "Na, mein Liebling, welche Farbe hat die Schaufel?" "Rot", antwortet er. Dass sie blau ist, spielt für "Mutter von Hugo" keine große Rolle: "Die Umgebung hier lenkt ihn sehr ab. Zu Hause kann er alle Farben im Malkasten nennen. Stimmt's, Hugo?" Sie schaut kurz rüber, wartet auf einen Satz der Anerkennung wie: "Wow, in dem Alter weiß er das schon. Der ist aber weit." Ich reagiere nicht.

Meine Kinder müssen vor allem eines können: spielen.
Meine Kinder müssen vor allem eines können: spielen.  © 123RF

Dafür aber ein neben mir am Sandkastenrand hockender Senfhosenträger, also einer jener Väter in Jack-Wolfskin-Jacke und einer Cordhose in der Farbe "Senf".

"So ähnlich war das bei unserer Tochter auch. Sie konnte mit zwei Jahren schon bis zehn zählen und die meisten Buchstaben erkennen", feuert er zurück und erhöht dann den Einsatz: "Es ist schon manchmal anstrengend. Sie will immer alles so genau wissen. Wir können sie nur Bildungssendungen für Erwachsene schauen lassen, bei denen für Kinder ist sie ganz schnell unterfordert und will immer noch mehr erfahren. Wir überlegen, dass sie ein Jahr früher in die Schule darf, um ihrer Entwicklung nicht im Weg zu stehen", erzählt er vom schweren Los, das er als Vater eines hochbegabten Kindes hat. Aktuell scheint sie eine Auszeit zu nehmen und kippt ihrem Spielkameraden eine Eimerladung Sand über den Kopf.

Mutter drei hat bislang nur zugehört oder auf ihrem Smartphone Nachrichten geschrieben. Jetzt steht sie auf und feuert ein richtig schweres Kaliber ab. "Wir müssen los. Bo hat gleich seine Klavierstunde. Morgen können wir dann gar nicht hier sein. Mittwochs ist ja immer sein Vorschul-Englisch-Kurs." Wow! Volltreffer! Ein echter Profi und Scharfschützin.

Sie weckt ihren Bo, der erschöpft unter der Rutsche eingeschlafen ist, und geht mit ihm und energisch wippenden Schrittes in Richtung der Karriere-gesicherten Zukunft ihres Sohnes.

Die aktive Teilnahme an derartigen Elternduellen verweigere ich spätestens seit der Geburt von Kind Nummer 3, trotzdem lösen sie in mir stets ein latent schlechtes Gewissen aus. Vielleicht sollten wir die Jungs doch ein wenig mehr auf das harte Berufsleben vorbereiten und mal genauer nach ihren förderungswürdigen Supertalenten suchen? Jack und Leo sind jetzt immerhin vier und fast fünf Jahre alt und können eigentlich nur eins richtig gut: spielen. Irgendwie finde ich aber auch: das reicht.

Dass sie nicht auf chinesisch das Bruttosozialprodukt von Taiwan berechnen können, ist mir egal. Aber ist das auch in Ordnung von mir, oder verbaue ich ihnen damit ihre Zukunft?

Werde von den "Papa. Papa. Paaapaaa"-Rufen aus meinen Gedanken gerissen. Sie wollen Fußball spielen. Da bin ich dabei! Das ist ja auch eine Art Talentförderung. Jetzt genug Training, dann reicht es bei einem von ihnen vielleicht mal zum Fußballprofi, der dann ganz nebenbei seinem alten Vater den Lebensabend finanziell versüßt und Dynamo Dresden in die Bundesliga schießt...

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