Die Vogelbestände gehen zurück! In Sachsen wird immer seltener gezwitschert

Sachsen - Früher war doch mehr Gezwitscher! Wer in den vergangenen Wochen aufmerksam durch Gärten, Parks und Wälder flaniert ist, dem dürfte das Schweigen der Vögel nicht entgangen sein. Jahreszeitlich bedingt ist das natürlich und kein Grund zur Besorgnis, zumal in diesen Tagen die letzten Zugvögel gen Süden fliegen. Allerdings hat sich die Zahl der Piepser in den vergangenen Jahren dramatisch reduziert. Stehen uns bald stille Frühlinge bevor? Eine Bestandsaufnahme zu Sachsens Vogelwelt.

Kein Pieps zu vernehmen? Dass es weniger Vögel gibt, ist kein subjektives Phänomen, sondern Realität.  © bowie15/123RF

Die wild kreischenden Mauersegler haben uns schlagartig bereits Anfang August verlassen. Ihnen folgten kurz darauf Kuckuck, Pirol, Nachtigall und Trauerschnäpper auf den weiten Weg ins Überwinterungsgebiet im südlichen Afrika. Auch die Weißstörche nutzten Ende August die thermischen Aufwinde.

Im September leerten sich die sächsischen Wälder, Felder und Dörfer merklich. Rauch- und Mehlschwalben sammelten sich in großen Schwärmen in der nordsächsischen oder Oberlausitzer Heidelandschaft. Beim großen Hauptzug nach Süden sind Finken, Lerchen, Drosseln und Gartenrotschwänzchen dabei. In diesen Tagen kann man an den Elbwiesen beeindruckende Flug-Formationen der Stare bewundern, bevor sie verschwinden.

Doch selbst die Piepser, welche Sachsen auch im Winter treu bleiben, verhalten sich gerade still. Klar, bei Sonne hört man im Gebüsch schon mal eine Schar Spatzen prollig schwatzen. Oder eine aufgescheuchte Amsel flattert zeternd davon.

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Gelegentlich stimmen Rotkehlchen, Hausrotschwänzchen oder Kohlmeisen die erste Zeile ihres Liedes an - ein Konzert ist etwas anderes.

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Frau Gartenrotschwanz hat sich noch eines der weniger werdenden Insekten geschnappt. Guten Appetit!  © Imago/CHROMORANGE
Der Haussperling ist derzeit Nummer eins in Sachsens Gärten. Der Feldsperling hingegen reduzierte sich in den vergangenen zehn Jahren auf die Hälfte des Bestandes.  © Imago/Blickwinkel

Dramatischer Rückgang bei Amsel, Drossel, Fink und Star

"Alle Vögel sind schon weg?" Lieddichter Hoffmann von Fallersleben ahnte nichts vom Drama in der Zukunft.  © IMAGO/Werner Otto

Das Schweigen hat natürliche Gründe. Die Zeit der Brautwerbung und Reviermarkierung ist längst vorbei, Gesang daher unnötig. Vor allem aber steht derzeit die Mauser an, das Federkleid bedarf einer Erneuerung. Das schränkt die Flugfähigkeit ein und kostet Energie. Die gefiederten Freunde ziehen sich in ruhige Verstecke zurück.

Also alles im grünen Bereich? Mitnichten! Besonders auf Wiesen und Feldern gibt es den Kollaps vieler Arten, welche sich über Jahrhunderte an die Agrarlandschaft anpassten.

Seit 1980 reduzierte sich der Bestand an Feldlerchen in Sachsen um 55 Prozent. Der Kiebitz liegt noch bei sieben Prozent der früheren Verbreitung und das Rebhuhn - einst weitverbreitete Charakterart des sächsischen Offenlandes - verlor in den vergangenen 30 Jahren 99 Prozent seiner Artgenossen. Brachvogel oder Uferschnepfe brüten hier gar nicht mehr.

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Einen dramatischen Rückgang erleben auch sogenannte Allerweltsvögel: Amsel, Drossel, Fink und Star. Dass früher in Parks und Gärten mehr Gezwitscher war, ist kein gefühltes Phänomen, sondern Realität.

Sicher haben einzelne Populationen gute und schlechte Jahre. Mal grassiert das Usutu-Virus und rafft Amseln hinweg oder ein Geißeltierchen löst ein massives Finkensterben aus. Bestände brechen ein und erholen sich wieder. Aber zunehmend auf niedrigerem Niveau.

Die Zaunammer gehört zu den Klimagewinnern und breitet sich zunehmend nach Deutschland aus.  © imago/BIA
Grünfinken mussten in den vergangenen Jahren ziemlich Federn lassen.  © imago/imagebroker
Der Pirol konnte sich in den vergangenen Jahren stabilisieren. Er mag vor allem den Leipziger Auenwald.  © Imago/Blickwinkel

"Stunde der Gartenvögel" als Indikator der Bestände

Durch intensive Landwirtschaft bleiben Lebensmittel günstig - auf Kosten von Insekten und Vögeln.  © Patrick Pleul/dpa

Seit nunmehr 20 Jahren zählen Tausende Vogelfreunde auch in Sachsen auf Bitte des Naturschutzbundes (NABU) im Mai die Vögel in ihrem Garten. Diese "Stunde der Gartenvögel" gilt als verlässlicher Indikator für die Bestände einzelner Arten und lässt einen Zehn-Jahres-Vergleich zu. Während 2016 durchschnittlich 39,4 Vögel je sächsischen Garten gezählt wurden, waren es 2026 nur noch 32,3 - etwa 82 Prozent.

In diesem Zeitraum gibt es wenige Gewinner, aber viele Verlierer. Die wegen ihres Abendgesangs allseits beliebte Amsel war 2016 noch mit 3,7 Individuen je sächsischen Garten vertreten, in diesem Jahr waren es 2,1 (56,5 %). Auch Kohlmeise (80,5 %), Blaumeise (76,8), Star (70,9), Buchfink (65,3) und Grünfink (40,6) mussten Federn lassen. Während sich der Haussperling (97,7) stabil hielt, brach der Feldsperling (52,9) in den vergangenen zehn Jahren ein.

Dagegen schafften es Ringeltaube (plus 41,8 %) und Rabenkrähe (13,3) inzwischen in die Top 10 der sächsischen Gartenvögel. Auch der Mauersegler (17,7) wurde in diesem Jahr häufiger beobachtet. Müssen wir uns daran gewöhnen, dass Piepsen, Pfeifen, Tschilpen und Tirilieren zunehmend von Gurren, Krächzen und Kreischen abgelöst werden?

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Der Wanderfalke galt 1975 in Sachsen als ausgestorben. Ein Artenhilfsprogramm im Elbsandsteingebirge päppelte ihn wieder auf.  © Imago/Blickwinkel
Früher brütete die Uferschnepfe in feuchten Niederungen an Elbe und Elster. Sie gilt hier als ausgestorben.  © imago/imagebroker

Klimawandel bringt seltenere Vögel nach Sachsen

Jemand sollte mal der Nachtigall zwitschern, dass sie früher im Jahr nach Sachsen zurückkehren kann.  © Imago/Blickwinkel

Und doch gibt es Lichtblicke. Größere Greifvögel und streng geschützte Arten wie Seeadler, Wanderfalke oder Kranich haben sich dank jahrzehntelanger Programme in Sachsen erholt. Auch Waldvögel (beispielsweise Buntspecht, Kleiber und Eichelhäher) entwickeln sich im Gegensatz zum Offenland und Siedlungsbereichen stabiler.

Einige Arten passten sich auch dem früheren Frühlingsbeginn an. Weil es schon zeitiger im Jahr mehr Insekten gibt, kehren Stare, Singdrosseln oder Zilpzalps inzwischen eher nach Sachsen zurück.

Das sollten sie vielleicht mal den Schwalben und Nachtigallen zwitschern, die das noch nicht so recht mitbekommen haben. Aufgrund des Klimawandels sieht man auch vorher seltenere Vögel häufiger, etwa Zaunammer, Wiedehopf oder Bienenfresser.

Solange er noch genug Bienen findet. Dem beobachteten Vogelsterben ging noch ein viel heftigeres Insektensterben voraus. In den vergangenen 30 Jahren ist die Biomasse fliegender Insekten in Deutschland um 75 Prozent zurückgegangen - die Zahlen sind auf Sachsen übertragbar.

Dieser Schwund führt man vor allem auf die intensive Landwirtschaft (Pestizide, Monokulturen, Verzicht auf Ackerstreifen) sowie die zunehmende Versiegelung zurück.

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