Dieser Türmer hat Sachsens größte Glocken-Sammlung
Schwarzenberg - Bereits als Kleinkind war Gerd Schlesinger (65) fasziniert vom Klang der Glocken. Mit 14 Jahren schon durfte er offiziell das Geläut seiner Heimatstadt Schwarzenberg im Erzgebirge erschallen lassen. Später machte er seine Leidenschaft zum Beruf. Heute läutet er als Türmer an jedem Werktag morgens und abends die Glocken im Turm des Alten Rathauses. Und jeder, der es wünscht, darf kostenlos seine umfangreiche Glocken-Sammlung bestaunen und den Klängen lauschen.
Mit 880 metallenen Glocken verfügt der Erzgebirger inzwischen über die größte Privatsammlung des Landes. Doch im Frühjahr erhielt er eine Mail aus Süddeutschland: Aus dem Nachlass einer Sammlerin bot man ihm als Geschenk 1500 weitere Glocken an - auch viele aus Glas, Porzellan oder Keramik. Dies nahm er dankend an.
Noch sind nicht alle Kartons ausgepackt. Gemeinsam mit seinem Partner Jörg Eller (54) - wie er ausgebildeter Glockensachverständiger - schaut sich Schlesinger jedes einzelne Stück fachmännisch an und reinigt es behutsam: "Einige Exemplare sind wunderschön und eine Bereicherung. Gelegentlich ist aber auch Kitsch dabei." Und bei mancher Glocke steigen Kindheitserinnerungen auf.
Es war sein vierter Geburtstag, als der Großvater dem kleinen Gerd eine fünf Zentimeter große Tierglocke schenkte. Die baumelte dann im Winter an seinem Schlitten und löste so eine Begeisterung aus, dass man ihm hinfort weitere Glocken schenkte.
Mit etwa zehn Jahren baute er sich aus neun Blumentöpfen sein erstes harmonisiertes Glockenspiel.
Glocken-Sammlung wächst immer weiter
Die Leidenschaft für den Bimbam kommt nicht von ungefähr. Auch Schlesingers Oma und Mutter zogen begeistert das Geläut der Kirche St. Georgen und waren, wie Schlesinger sagt, "glockenverrückt". Mit 14 schließlich erhielt er seinen eigenen Turmschlüssel. Und er eignete sich alles an, was es über Glocken zu erfahren gab.
Nach einer Lehre in der Landwirtschaft und einer kirchlichen Ausbildung war er über mehrere Jahre als Kantorkatechet im mecklenburgischen Kurort Krakow am See tätig. Mit 26 Jahren übernahm er das Küsteramt in Schwarzenberg, was er später aus gesundheitlichen Gründen schweren Herzens aufgeben musste.
Noch zu DDR-Zeiten wurde er ehrenamtlich von der Landeskirche zum Glockenfachberater für mehrere Kirchenkreise eingesetzt. Nach der Wende büffelte er sich im Fernstudium noch zum Glockensachverständigen.
Inzwischen wuchs die Glocken-Sammlung in seinem Schwarzenberger Türmerhaus immer weiter.
Großer Teil der Sammlung steht in den Kunst- und Klangwelten in Tellerhäuser
Ein großer Teil dieses Schatzes ist inzwischen am Fuße des Fichtelbergs auf etwa 1000 Meter Höhe zu bewundern. Vor drei Jahren erfüllten sich die Glocken-Freaks Schlesinger und Eller einen Lebenstraum, indem sie die Alte Schule in Tellerhäuser (Ortsteil von Breitenbrunn) kauften und zum Ausstellungsort umbauten. Das altehrwürdige Gebäude verfügt sogar über einen kleinen Turm mit Glocke.
Und zwar einer sehr berühmten. Als der Erzgebirgsdichter Anton Günther 1903 eines seiner bekanntesten Lieder ersann und von Tellerhäuser auf dem Heimweg nach Gottesgab war, hörte er das Abendgeläut und machte es zu einer Textzeile - auf Hochdeutsch: "Vom Dörfchen drüben ein Glöcklein klingt" im Feieromd-Lied.
Schlesinger: "Diese Geschichte muss sich inzwischen weltweit verbreitet haben. In den letzten Wochen - besonders um Anton Günthers 150. Geburtstag herum - kamen selbst Besucher aus Kanada und Neuseeland, um dem Klang dieser Glocke zu lauschen."
Sie ist bei Weitem nicht die einzige Attraktion der Kunst- und Klangwelten in Tellerhäuser. Zu vielen der Hunderten von Glocken aus aller Welt gibt es eine Geschichte zu erzählen. Die kleinste ist gerade einmal fünf Millimeter groß, die größte wiegt über zwei Tonnen. Eine Murmelbahn und ein Wasserfall wurden gestaltet, bei denen ebenfalls Klangkörper angeschlagen werden.
Schlesinger: "Es gibt einige Gäste, die auf einen Zehn-Minuten-Besuch eingestellt sind und sich dann wundern, dass sie nach drei Stunden noch immer etwas Faszinierendes entdecken oder hören." Neben vielen Touristen kommen auch Schulklassen, Kinder- und Seniorengruppen und lassen sich unter anderem mit Spezial-Stimmgabeln in die Geheimnisse der Klänge einführen. "Eine Glocke erzeugt bis zu 70 verschiedene Teil- und Obertöne, da steckt ein ganzes Orchester drin."
Nach dem Geläut erschallt der Türmerruf über der Altstadt von Schwarzenberg
Nach telefonischer Absprache gibt Schlesinger an verschiedenen Tagen gern eine Führung durch sein Reich. Offiziell geöffnet ist die Ausstellung aber nur dienstags von 10 bis 16 Uhr. Denn als Türmer der Stadt Schwarzenberg hat er einen eng getakteten Tages- und Wochenplan:
Montags bis samstags um neun sowie 17 Uhr empfängt er in seinem Türmer-Ornat Besucher am Markt, wo er die Glocken des Alten Rathauses läutet und abends auch in alle Himmelsrichtungen den Türmerruf singt. Danach führt er die Gäste gern zu einem der ältesten Glockenspiele aus Meißner Porzellan, um ihnen dort ihre eigenen Musikwünsche manuell vorzuspielen. Auch ein Abstecher zu seiner Türmerwohnung mit einigen Glocken kann auf dem Programm stehen.
Selbst sonntags hat er nicht dienstfrei. Zunächst spielt er in Johanngeorgenstadt zum Gottesdienst die Orgel. Und am Nachmittag fährt er mit Jörg Eller zum Fichtelberg. Auf dem höchsten Punkt Sachsens steht die von beiden initiierte Friedensglocke, die sie dann um 16 Uhr - auch an Feiertagen - läuten. Hier erklingt ebenfalls der Türmerruf: "… Gott segne Volk und Land".
Zwischendurch verbringt er aber dann doch fast jede freie Minute mit der weiteren Gestaltung der Glockenausstellung in Tellerhäuser. Eintritt und Führung sind kostenlos. Schlesinger: "Für ein Museum wären viel strengere Brandschutzvorschriften zu beachten und größere sanitäre Einrichtungen einzubauen." Daher sind Spenden immer herzlich willkommen. Info: tuermer-schwarzenberg.de
Titelfoto: Bildmontage: Uwe Meinhold (2)

