Marienberg - Nirgends auf der Welt gibt es größere und prachtvollere Bergparaden als im Erzgebirge. Nicht umsonst gehört dieses Brauchtum zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Doch wo bekommen Tausende Traditionsträger ihre originalgetreue Bergmannstracht her? Hier kommt Markus Seiler (51) aus Marienberg ins Spiel. Der Maßschneidermeister gehört zu den letzten seiner Art, welcher den historischen Habit noch in liebevoller Handarbeit herstellt.
Mit höchster Konzentration verfolgt der Schneidermeister die ratternde Nadel. Jede Naht ist Maßarbeit. Für die Tracht eines gewöhnlichen Hauers vergehen mit viel Liebe zum historisch korrekten Detail zwischen zwei und drei Wochen - vom Maßnehmen bis zur abschließenden Anprobe des Meisterwerkes.
Wenn jemand sein Handwerk von Kindesbeinen an gelernt hat, so trifft dies wohl auf Markus Seiler zu.
Er war gerade einmal zwei Jahre alt, als seine Eltern 1977 die Maßschneiderei eröffneten. In diesem Alter soll er bereits Nähmaschinennadeln eingefädelt haben, seine Mittagsruhe verbrachte der Kleine unter dem großen Zuschneidetisch. Die Werkstatt war quasi seine Kinderstube.
Schon während der Schulzeit stand für ihn unerschütterlich fest, dass er einmal nichts anderes als Schneider werden möchte.
Als es Zeit für die Lehre wurde, musste er aber erst mal seine Eltern überzeugen. Denn während der Wende bangten sie um die Existenz ihres Betriebes. Seiler: "Plötzlich waren maßgeschneiderte Cordhosen, Anoraks oder Wildlederjacken nichts mehr wert, als in den Geschäften eine breite Auswahl an preiswerten Textilien hing."
Nach dem Abitur ging's ans Dresdner Berufsschulzentrum
Trotz der Ungewissheit entschied er sich nach dem Abitur für dieses Handwerk. Am Dresdner Berufsschulzentrum bemerkte er, wie außergewöhnlich doch sein Wunsch war:
"In unserem Jahrgang gab es gerade einmal 13 Lehrlinge - zwölf Frauen und mich. Und ich war der einzige, der Maßschneider für Herren werden wollte."
Zu ebenjener Zeit ereignete sich auch ein Glücksfall für die Maßschneiderei Seiler. In Marienberg gründete sich 1993 eine Bergknappschaft, welche die Tradition der Bergparaden wiederbeleben wollte. Und diese benötigte natürlich die historischen Bergmannstrachten der Heimatstadt. Gut, dass es die Manufaktur noch gab.
Und Lehrling Markus mittendrin. Seiler: "Damals wie heute nutzten wir einen Bildband mit Kupferstichen aus dem Jahr 1831, in welchem die Trachten der Berg- und Hüttenleute im Königreich Sachsen dargestellt sind. Nicht nur zwischen den Regionen, sondern auch bei den Berufsgruppen und Positionen gibt es zahlreiche Unterschiede."
Das fängt mit der Farbe des Federbüschels am Schachthut an und hört bei Kniestrümpfen für die einfachen Bergleute oder Gamaschen für die Offizianten nicht auf.
Trachten zeigen Berufsstolz
Dazu muss man wissen, dass es sich hierbei nicht um die Arbeitskleidung handelte. Es waren Parade-Gewänder, welche man zu feierlichen Anlässen trug. Über einige Jahrzehnte hinweg gab es dafür sogar einen Uniformzwang.
Diese Tracht sollte den Berufsstolz der Bergleute ausdrücken. Die beliebte Tradition der Bergparaden vermochte selbst die DDR nicht zu beenden.
Nach 1990 schossen die Knappen- und Hüttenvereine wie Pilze aus dem Boden. Allein in Sachsen gibt es zwischen Altenberg und Zwönitz deren über 50, dazu kommen 14 Bergmannskapellen, die eingekleidet werden wollen. Der Landesverband, welcher auch die Interessen weiterer Vereine in Tschechien vertritt, verweist bei der Suche nach Herstellern nach Marienberg.
Markus Seiler selbst ist noch niemandem begegnet, der sich auf Bergmannstrachten spezialisiert hat. Zumindest im Erzgebirge dürfte er der Einzige sein.
Auch Ministerpräsident gehört zu Kunden
Daher klopfen auch Studenten der Bergakademie Freiberg bei Trachten-Seiler an, welche ihre akademischen Abschlussarbeiten im Habit ihres künftigen Berufsstandes verteidigen möchten. So schafften es die Bergkittel bereits bis Nigeria, Indien, Taiwan oder in die USA. Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer (51, CDU) ließ sich "eine Tracht Heimat" verpassen, selbstredend in Marienberg.
Inzwischen kommen die Kunden nicht nur aus Thüringen, Bayern oder dem Saarland, sondern aus aller Welt. Markus Seiler: "Alle Uniformen sind Maßarbeiten, ich produziere nicht für die Stange. Kürzlich schneite ein junger Mann zur Tür herein und glaubte, dass er sich mal schnell eine Tracht kaufen könnte. Wir sind aber bereits für anderthalb Jahre ausgebucht." Für klassische Maßanzüge bleibt kaum Zeit.
Ohnehin ist es ihm lieber, wenn der Träger des fertigen Werkes in der Manufaktur vor dem großen Spiegel steht. Seiler: "Diese leuchtenden Augen eines glücklichen Kunden sind dann mehr Lohn, als das, was man zwischen Daumen und Zeigefinger reibt." Mit einer vierstelligen Summe muss man aber schon für die Tracht eines Markscheiders rechnen.
Im kommenden Jahr begeht Trachten-Seiler unter dem Kredo "Qualität setzt Maßstäbe - seit 1977" das 50. Firmenjubiläum. Und im Juni steigt dann in Marienberg der Sächsische Bergmannstag sowie die bundesweite Hauptveranstaltung des UNESCO-Welterbetags vor 50.000 Gästen. Natürlich mit riesiger Bergparade. Seiler: "Es erfüllt mich auch ein wenig mit Stolz, die Arbeit meiner Hände und die Bewahrung der erzgebirgischen Tradition dann vor der eigenen Haustür zu erleben."
Bis dahin wird er noch einige detailreich verzierte Bergmannstrachten mit großer Sorgfalt fertigstellen. Manchmal hat er dabei auch die Melodie von "Glück auf, der Steiger kommt" im Ohr.
Infos unter: trachten-seiler.de