Pirna - Aus dem Eigenheim verbannt und der Heimat vertrieben, in ein fremdes Land geschickt: Das Schicksal der Ungarndeutschen beschäftigt auch 80 Jahre später. Damit die Erinnerung daran nicht verblasst, haben sich am Dienstag zwanzig Schüler aus Pirna und Ungarn im Rahmen einer Projektwoche mit der Vertreibung beschäftigt – und eine getroffen, die sie selbst erlebt hat: Margot Bergmann (85) aus Flöha.
Margot war fünf Jahre alt, als man sie und ihre Familie zwang, Ungarn nach Kriegsende zu verlassen. Sie wurde in Mágocs geboren und war somit eine von rund 50.000 Ungarndeutschen, die mit Eisenbahntransporten zur "Grauen Kaserne" in Pirna – eines der Erstaufnahmelager - gebracht wurden.
Die Ankunft im kriegszerstörten Deutschland war für die Familie "sehr schwer. Wir waren ja 'die Anderen'", erinnert sich die heute 85-Jährige. "Ich war erst fünf. Beim Anblick des Innenhofs dämmert es mir. Es gab eine Wiese und einen Baum, wir durften wohl manchmal raus."
Nach etwa zwei Wochen wurden die Vertriebenen "gesundheitlich begutachtet und eingestuft. A ging in den Uranbau nach Zwickau oder ins Vogtland, B in die Landwirtschaft, C und D waren Kinder und Frauen." Anschließend wurden sie in das etwa 90 Kilometer entfernte Niederwiesa gebracht.
"Hier lebten wir nochmal zwei Wochen in einem Gasthof, bevor wir einfach der Bevölkerung zugeteilt wurden." Auch dort war das Ankommen alles andere als leicht.
Im Kindesalter vertrieben: "Sobald ich die Grenze nach Ungarn überschreite, geht mir das Herz auf"
Wegen zu weniger Lebensmittelmarken litt die Familie Hunger: "Oma und Mutter verzichteten auf Essen, damit Vater, Opa, mein jüngerer Bruder und ich genug hatten." Trotzdem kämpfte sich Margot hoch.
"Ich kam in die erste Klasse und war spitze. Wir haben zu Hause nur noch Deutsch gesprochen und auch das Schwäbische hatte ich schnell abgelegt", erinnert sich die "Donauschwäbin". Anschließend ging es zum Pharmazie-Studium nach Leipzig.
Obwohl sie sich hier wohlfühlt, "sind meine Wurzeln in Ungarn, auch wenn ich als Kind wegmusste. Sobald ich die Grenze nach Ungarn überschreite, geht mir das Herz auf".
Mit etwa 35 Jahren lernte sie ihren Mann in Sachsen kennen - auch ein Ungarndeutscher: "Das war eine Zufallserscheinung. Wir haben uns über eine Zeitungsannonce kennengelernt und wussten nicht, dass wir beide Ungarndeutsche sind. Er war aus Pécs, was nicht weit von meiner Heimat ist."
Das letzte Mal in ihrer ungarischen Heimat war Margot 2022 mit ihrer Tochter Judith (48): "Sie wollte sich gerne verabschieden und es war wirklich wie eine zweite Vertreibung."