Attacke durch linksradikalen Mob auf Demo-Teilnehmer: Schreiben veröffentlicht

Stuttgart - Nach der Attacke von bis zu 50 mutmaßlich linksextremen Tätern auf drei Demo-Teilnehmer (TAG24 berichtete) ist nun auf der von Linksradikalen benutzten Website Indymedia ein vielsagender Beitrag veröffentlicht worden.

Beamte nach dem Angriff vor Ort. Ein Opfer liegt am Boden.
Beamte nach dem Angriff vor Ort. Ein Opfer liegt am Boden.  © Andreas Rosar/Fotoagentur Stuttgart

Rückblick: Vor fast zwei Wochen waren drei Männer (38, 45, 54) auf dem Weg zur "Querdenken 711"-Demo auf dem Wasengelände, als sie in der Mercedesstraße niedergeschlagen wurden.

Der 54-Jährige Andreas Z. erlitt schwere Kopfverletzungen, schwebt seitdem in Lebensgefahr. Er ist Mitglied der rechten Gruppierung "Zentrum Automobil" (ZA) im Daimler-Betriebsrat.

"Sein Zustand ist nach wie vor kritisch", berichtet Polizeisprecher Stephan Widmann gegenüber TAG24 am Donnerstag. "Er liegt immer noch im Koma."

Der 54-Jährige, der mit dem Tod ringt, ist für die Verfasser des auf Indymedia veröffentlichten Beitrags ein "Faschist", dessen schwere Kopfverletzung "ihn in einen medizinisch kritischen Zustand brachte".

Der Angriff, in dessen Ermittlungen auch der Staatsschutz eingebunden ist (TAG24 berichtete), ist für die anonymen Autoren "nur ein Beispiel von verschiedenen handfesten antifaschistischen Interventionen, die sich an diesem Tag gezielt gegen faschistische Präsenz auf der rechtsoffenen Veranstaltung richteten".

Mit der "rechtsoffenen Veranstaltung" ist die "Querdenken 711"-Demo gemeint, bei der etwa auch schon der unter Verschwörungstheoretikern beliebte Ex-Fernsehmoderator Ken Jebsen (53) auftrat (TAG24 berichtete).

Der Angriff auf die drei Männer liest sich auf Indymedia so: Militante Antifaschisten hätten "drei Rechte angegriffen, die zum Vorab-Treffpunkt der faschistischen Betriebsgruppierung 'Zentrum Automobil' stoßen wollten. Alle drei gingen nach kurzer Auseinandersetzung zu Boden".

Opfer soll sich mit Schlagringen bewaffnet haben

"Zentrum Automobil"-Chef Oliver Hilburger im vergangenen Dezember inmitten von Polizeibeamten in Stuttgart.
"Zentrum Automobil"-Chef Oliver Hilburger im vergangenen Dezember inmitten von Polizeibeamten in Stuttgart.  © Sebastian Gollnow/dpa

Der Rest der "rechten Truppe" habe den Angriff aus der Deckung heraus beobachtet: "Sie kamen den Angegriffenen weder während der Auseinandersetzung, noch unmittelbar danach zur Hilfe."

Dann geht es um den lebensgefährlich verletzten Andreas Z.: "Die Kopfverletzung zog der Faschist sich zu, nachdem er sich in der Auseinandersetzung mit zwei Schlagringen bewaffnete. Durch den Angriff wurde er daran gehindert sie einzusetzen." 

In der Tat wurden nach dem Angriff in Tatortnähe zwei Schlagringe gefunden (TAG24 berichtete).

Wurden diese durch die Angreifer eingesetzt? Oder durch den Angegriffenen? Bei der Polizei äußert man sich dazu gegenüber unserer Redaktion nicht - unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen. 

Es geht um versuchten Totschlag. Die Indymedia-Autoren bestreiten indes eine Tötungsabsicht, "wie es die Bullen nun behaupten".

Die brutale Attacke hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. ZA-Chef Oliver Hilburger hatte sich in einem YouTube-Video ausführlich geäußert. 

Warum schreiben die Unbekannten nun auf Indymedia zu der Tat? "Wegen dem Verletzungsgrad, der Aufmerksamkeit und den Ermittlungen, die die Sache nun nach sich zieht", heißt es in dem Beitrag.

Die Auseinandersetzung mit den Demo-Teilnehmern sei demnach nicht sportlich und fair gewesen – "das sollte aber auch nicht der Charakter einer ernsthaften antifaschistischen Intervention sein".

Was die Schwere der zugefügten Verletzungen angehe, so könne es in den Augen der Schreiber "nicht das Ziel antifaschistischer Angriffe sein, Nazis in Straßenauseinandersetzungen systematisch schwere bis tödliche Verletzungen zuzufügen".

Faschisten sollen "mit Schmerzen, Stress und Sachschaden rechnen"

Zum Ende des Schreibens fordern die anonymen Autoren: "keine Hinweise, die den Bullen bei ihren Ermittlungen irgendwie weiterhelfen könnten". (Symbolbild)
Zum Ende des Schreibens fordern die anonymen Autoren: "keine Hinweise, die den Bullen bei ihren Ermittlungen irgendwie weiterhelfen könnten". (Symbolbild)  © Michael Kappeler/dpa

Man sei jedoch nicht naiv: "Jede körperliche Auseinandersetzung birgt die Gefahr einer ungewollten Eskalation. Schon ein Faustschlag kann unter Umständen tödliche Folgen haben".

An anderer Stelle heißt es: "Wir sind uns im Klaren darüber, dass der Einsatz von Gewalt gegen Menschen das letzte Mittel der politischen Auseinandersetzung ist und bleibt." 

Es komme dann zum Einsatz, wenn andere Mittel nicht mehr greifen: "Wir sind keine Sadist*innen und nicht gleichgültig gegenüber dem Leid Anderer."

Jedoch räumt man ein: "Es geht uns mit körperlichen Angriffen darum, das öffentliche Auftreten der Faschisten soweit wie möglich zu unterbinden. Wir treiben den gesundheitlichen, organisatorischen und materiellen Preis dafür in die Höhe. Sie sollen mit Schmerzen, Stress und Sachschaden rechnen und dadurch möglichst isoliert, gehemmt, desorganisiert und abgeschreckt werden."

Den "Konfrontationskurs mit den Faschisten" wolle man nicht "gezielt auf die Ebene von schweren/tödlichen Verletzungen" heben. Begründung: "Wir gehen davon aus, dass wir als Bewegung momentan nicht stark genug wären, dieses Level in größeren Teilen und auf lange Sicht zu halten."

Zum Ende des Schreibens wird an die Szene appelliert: "Kein unnötiges Geschwätz über die Aktionen in der Öffentlichkeit, in sozialen Medien und anderen Ecken des Internets, keine Spekulationen, keine Hinweise, die den Bullen bei ihren Ermittlungen irgendwie weiterhelfen könnten."

Apropos Ermittlungen: Nach dem Angriff am 16. Mai entkamen die Täter. Rund um die "Querdenken 711"-Demo wurden nach Polizeiangaben Personalien aufgenommen. "Eine heiße Spur gibt es aber momentan nicht", so Sprecher Widmann.

Titelfoto: Andreas Rosar/Fotoagentur Stuttgart

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