Von Sabine Glaubitz, Rachel Sommer
Paris - Frankreich steht weiter unter dem Eindruck von den Gewaltexzessen am Rande von Schülerprotesten.
Zwar schien sich die Lage am Samstag zunächst beruhigt zu haben. Doch die Videos der Szenen der vergangenen Tage und Berichte von Betroffenen, die französische Fernsehsender zeigen, sorgen weiter für Entsetzen.
Ein Lehrer aus La Ciotat, rund 30 Kilometer östlich von Marseille, berichtete dem Sender BFMTV, von Schülern mit Benzin übergossen worden zu sein, als er versucht habe, einen gelegten Brand an einem Baum vor der Schule zu löschen. Er sei gezielt getroffen worden, sagte der Lehrer.
Weitere Videos zeigen, wie Polizisten von Jugendlichen zu Boden gestoßen, getreten und geschlagen werden. Mehr als 300 Polizisten und Gendarmen wurden nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez seit Montag bei Einsätzen verletzt.
Nach Angaben von Bildungsminister Édouard Geffray wurden 65 Beschäftigte des Bildungswesens verletzt, darunter 40 Schulleiter, sowie 170 Schülerinnen und Schüler. Innenminister Nuñez zufolge wurden mehr als 5000 Menschen festgenommen, 85 Prozent von ihnen sind minderjährig.
Nuñez sprach von einer Welle hemmungsloser Gewalt rund um die Schulen und machte unter anderem soziale Netzwerke sowie den Einfluss der linken Partei La France Insoumise (LFI) für die Mobilisierung mitverantwortlich.
In der Politik werden Forderungen laut, auch Eltern stärker zur Verantwortung zu ziehen. Justizminister Gérald Darmanin forderte Staatsanwälte auf, die zivilrechtliche Haftung der Eltern für Schäden ihrer minderjährigen Kinder geltend zu machen.
Schülervertreter verurteilten die Gewalt, riefen aber zur Fortsetzung der Proteste und für Dienstag zu einer neuen Demonstration auf.
Schüler beklagen desolate Zustände
Den Anfang nahmen die Proteste an Gymnasien im Großraum Paris. Dann breiteten sie sich, Berichten zufolge auch durch soziale Medien, auf das ganze Land aus.
Die Forderungen waren mitunter sehr verschieden: Es ging um Handys an Schulen, zu wenig Zeit fürs Mittagessen, zu voll gepackte Schultage. Immer wieder aber kamen die Schülerinnen und Schüler auf ein Thema zu sprechen: Es fehle schlicht an Geld.
Sie beklagten heruntergestürzte Decken, dass es in die Schule hineinregne, kaputte Toiletten und zu wenig Lehrkräfte.
Zentral ist dabei ein Gefühl von Ungerechtigkeit, gerade in ärmeren Gegenden. Die Schüler dort fühlen sich abgehängt und fürchten, dass eine Unterfinanzierung der öffentlichen Schulen ihre Chancen, an eine gute Uni zu kommen und so später einen gut bezahlten Job zu ergattern, noch weiter schmälert.