Was jetzt im Kino läuft, ist eigentlich eine uralte Geschichte: Homers Odyssee - ein Rätsel für die Ewigkeit

Griechenland - Ein Epos aus der Antike wird zum Blockbuster. Christopher Nolans (56) neuer Film "Die Odyssee" spielt an den Kinokassen Rekordergebnisse ein. Die historische Vorlage für das Drehbuch wird einem gewissen Homer zugeschrieben. Dieser gilt als der früheste Dichter und Schriftsteller des Abendlandes und soll zwischen 750 und 700 vor Christus gelebt haben. Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass er jemals existierte. Wer also ist dieser Homer - Mensch, Mythos oder beides?

Mit dem Raub der schönen Helena fing alles an. Dem Schriftsteller Homer werden die beiden Heldenepen Ilias und Odyssee zugeschrieben. Ob er existierte, ist ungewiss.  © imago/opale.photo/Heritage Images

Ein armer und blinder Greis zieht als Wandersänger von einer griechischen Stadt zur anderen und trägt auf seiner Leier Heldensagen vor. Und zwar die Epen "Ilias" und "Odyssee", die ersten großen Werke der europäischen Literatur.

Dies ist allerdings nur eine Legende. Denn das Einzige, was man zur historischen Person des Homer weiß, ist nichts. Absolut nichts. Bereits in der Antike nahmen sieben Städte für sich in Anspruch, Homers Geburtsort zu sein.

Das, was sich greifen lässt, sind die beiden ihm zugeschriebenen Epen. Ilias und Odyssee bestehen jeweils aus 24 Gesängen (Büchern) mit zusammen fast 18.000 Versen - alle in der Form des daktylischen Hexameters verfasst.

Aus aller Welt Frau bekommt in Italien falschen Embryo eingesetzt

Beide Werke handeln vom oder beginnen mit dem Trojanischen Krieg. Auch hier bleibt die Ungewissheit, ob es diesen überhaupt gab. Falls ja, dann war er ein halbes Jahrtausend vor Homers angenommener Lebenszeit: etwa 1250 vor Christus.

Die Ilias kurz erzählt: Die schönste Frau der Welt wird nach Troja entführt. In einem Rachefeldzug belagern die Griechen diese Stadt und wollen Helena befreien. Es geht auch um den gekränkten Stolz des jungen Achilles und sein Erwachsenwerden.

Die Götter mischen sich äußerst parteiisch und auch körperlich in den Krieg ein. Dass Troja letztlich zerstört wird, weiß der Verfasser der Ilias allerdings nicht zu berichten.

Anzeige
Der Zyklop Polyphem warf riesige Felsen nach Odysseus und dessen Schiffen. Das ist eine der Legenden, welche zu den frühesten Werken der Weltliteratur gehören.  © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive

Die List mit dem Trojanischen Pferd

Die List mit dem trojanischen Pferd wusste der Autor der Ilias nicht zu berichten. Das erzählt erst der Held Odysseus.  © imago/glasshouseimages

Das erfährt man erst als Rückschau in der Odyssee, in welcher der namensgebende Odysseus auch seine List mit dem Trojanischen Pferd erzählt. Die Götter wirken in diesem Epos eher als ferne Garanten der kosmischen Ordnung und als moralische Instanz.

Nur weil sich der Held den Zorn des Meeresgottes Poseidon zugezogen hat, wird er auf eine zehn Jahre währende Irrfahrt geschickt. Er erlebt zahlreiche fantastische Abenteuer und begegnet märchenhaften Fabelwesen, bevor er endlich heimkehren und sein Königreich retten darf.

Weitgehend einig sind sich die Historiker bei der Annahme, dass all diese Geschichten und Lieder über Jahrhunderte hinweg mündlich weitergegeben wurden - auch über Wandersänger.

Aus aller Welt Touristen entdecken Nilpferd: Was dann geschieht, versetzt alle in Todesangst

Erst am Übergang vom neunten zum achten Jahrhundert führten die Griechen ihre Schrift ein, indem sie dem phönizischen Alphabet ihre eigenen Vokale zufügten. Die Ilias soll etwa 730 v. Chr. schriftlich fixiert worden sein, die Odyssee 20 bis 30 Jahre später.

Der festgebundene Odysseus widersteht den Sirenen. Das Werk wurde aus vielen Papyrus-Fragementen rekonstruiert.  © imago/piemags/stock&people

Gab es diesen Homer also doch?

Achilles rächt den Tod seines guten Freundes. Nicht weniges scheint aus dem Gilgamesh-Epos entlehnt.  © Bildmontage: IMAGO IMAGES

Gab es diesen Homer also doch? Und wenn ja, wie viele? Kann man von einem Autorenkollektiv ausgehen? Oder war Homer - wie die Gebrüder Grimm, welche mündlich weitergegebene Märchen zu Papier brachten - eine Art Schlussredakteur?

Wahrscheinlich werden wir es aufgrund fehlender Quellen nie erfahren. Unumstritten ist, dass jemand (oder mehrere) die Geschichten äußerst meisterhaft zu ordnen vermochte und in einen Zusammenhang brachte. Ungeachtet dessen, dass es auch inhaltliche Widersprüche gibt.

Wenige Jahrzehnte nach des vermeintlichen Ablebens Homers vereinigte sich auf der Insel Chion eine Gilde von Wandersängern, welche sich Homeriden - Nachfolger Homers - nannten. Sie behielten - in heutiger Zeit wohl als Bewahrer des Copyrights bezeichnet - die Kontrolle über die öffentlichen Aufführungen von Ilias und Odyssee. Durch diese Vereinheitlichung konnte auch das griechische Zusammengehörigkeitsgefühl in den vielen kleinen Städten (Poleis) etabliert werden.

Egal, ob diese ganzen Geschichten wahr oder nur fantasiert sind, ob Achilles oder Odysseus tatsächlich existiert haben. Dieser Stoff, diese Storys, sind auch heute noch Vorlagengeber für Dramen, Filme oder Serien, von denen wir uns in den Bann gezogen fühlen und deren Themen noch immer hochaktuell sind.

Es ist ein Ursprung, welcher unser Fühlen und Denken aus unserer Vergangenheit zu erklären versucht. Daher darf man sich das gerne auch mal ansehen.

Anzeige

Ein anderes Epos ist noch deutlich älter

Das Gilgamesch-Epos wurde bereits viel früher auf Tontafeln niedergeschrieben.  © imago/Granger Historical Picture Archive/Wikipedia

Als erstes großes Werk der Weltliteratur gilt das Gilgamesch-Epos, welches zwischen dem 18. und 24. Jahrhundert vor Christus im babylonischen Raum entstand. Es ist ebenfalls eine aus mehr als 3000 Verszeilen bestehende Dichtung über einen Helden und wurde in Keilschrift auf Tontafeln geschrieben.

Unter anderem ist hier erstmals die von einem Gott ausgelöste Sintflut erwähnt. Und wie später im Alten Testament rettete ein Glaubender auch alle Tiere.

Über Wandersänger und Handelsbeziehungen dürften die Legenden aus dem Gilgamesch-Epos auch in den griechischen Sprachraum gelangt sein. Denn viele Motive, Erzählstrukturen und Figurentypen tauchen fast identisch in den homerischen Epen Ilias und Odyssee auf.

So hatte König Gilgamesch - wie später andere griechische Helden - Vorfahren unter den launischen Göttern, welche sich immer wieder in das Schicksal der Menschen einmischten.

Assyrisches Relief aus Chorsabad, oft als Darstellung des Gilgamesch gedeutet.  © wikipedia

Auch Gilgamesch war auf der Suche nach Unsterblichkeit, betrauerte heftig (wie Achilles) den Tod seines engen Freundes oder begab sich (wie Odysseus) auf eine Reise an die Ränder der bekannten Welt, auf welcher er auch Abenteuer in der Unterwelt erlebte. Vielleicht widmet sich ein Hollywood-Regisseur demnächst auch diesem Epos.

Mehr zum Thema Aus aller Welt: