"Präsenz darf kein Selbstzweck sein": Was die Büropflicht für chronisch Kranke bedeutet
Deutschland - Für viele Beschäftigte gehört Homeoffice längst zum modernen Arbeitsalltag. Doch während Arbeitgeber auf den direkten Austausch und sozialen Kontakt im Büro setzen, kann das Arbeiten von zu Hause gerade für Menschen mit chronischen Erkrankungen eine wichtige Entlastung bieten. TAG24 hat bei Experten zu den Vor- und Nachteilen nachgehakt.
Wie Dipl.-Psych. Klaus Schütz, Praxisinhaber im Psychologischen Zentrum Dresden, im Gespräch mit TAG24 erzählt, begegnet ihm das Thema seit einigen Jahren immer häufiger. "Viele chronisch Erkrankte berichten, dass sich schon der Weg zur Arbeit und die reine Präsenz im Büro wie eine zusätzliche 'Belastungsschicht' anfühle", berichtet er.
Die eigentliche Arbeit sei dabei oftmals gar nicht das größte Problem. Vielmehr kämen Anfahrt, feste Arbeitszeiten, Reize im Büro und die Notwendigkeit hinzu, trotz Beschwerden über Stunden präsent sein zu müssen.
Gerade hier sieht Schütz einen wichtigen Vorteil des Homeoffice. Der Arbeitstag könne besser an die eigene Tagesform angepasst, Pausen flexibler gelegt und die Arbeitsumgebung auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt werden. Für viele seiner Patienten, etwa mit Angststörungen oder depressiven Erkrankungen, sei diese Flexibilität entscheidend.
Schütz betont, dass es dabei keineswegs um Bequemlichkeit gehe. "Es geht vielmehr um eine Form von Selbstbestimmung, die bei chronischen Erkrankungen entscheidend dafür sein kann, überhaupt arbeitsfähig zu bleiben."
Dennoch beobachte Schütz auch in seiner Praxis Kehrseiten des Homeoffice: "Menschen, die ohnehin zu Rückzug neigen oder mit depressiven Symptomen kämpfen, geraten im Homeoffice schneller in soziale Isolation." Umso wichtiger seien aus seiner Sicht Mitgestaltungsmöglichkeiten.
Wenn Licht, Lärm und Bildschirmarbeit zur Belastung werden
Wie die MigräneLiga auf TAG24-Anfrage mitteilt, kann die regelmäßige Anwesenheit im Büro auch Menschen mit Migräne auf mehreren Ebenen belasten - "physisch durch Umgebungsreize, psychosozial durch fehlendes Verständnis im Team und strukturell durch starre Arbeitsbedingungen", erklärt Vizepräsidentin Katrin Böhnke.
Typische Migräne-Trigger wie grelles Licht, Lärm oder störende Gerüche lassen sich hingegen im Homeoffice leichter vermeiden. Zudem kann die Umgebung besser an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden, was im Großraumbüro oft kaum möglich ist. "Im Homeoffice zu arbeiten, kann Migräneattacken sowohl vorbeugen als auch das Bewältigen einzelner Attacken erheblich erleichtern", so Böhnke.
Auch der Arbeitsweg als zusätzliche Belastung fällt weg. Pausen und Mahlzeiten können flexibler gestaltet werden. Bei ersten Warnzeichen einer Attacke können Betroffene zudem direkt in eine ruhige und abgedunkelte Umgebung wechseln, statt sich im Büro durch die Beschwerden zu kämpfen.
Wird Homeoffice hingegen eingeschränkt, könne das "erhebliche gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Konsequenzen haben - von erhöhten Fehlzeiten über Produktivitätseinbußen bis hin zu rechtlichen Grauzonen bei der Vereinbarkeit von Erkrankung und Beruf", betont die Vizepräsidentin.
Hinweise zum Thema Migräne für Betroffene und Arbeitgeber findet man auf der Website der MigräneLiga.
Deutscher Gewerkschaftsbund sieht starre Präsenzpflichten kritisch
Ähnlich sieht es auch Daniela Kolbe vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Im Gespräch mit TAG24 macht die Bezirksvorsitzende deutlich, dass die reine Anwesenheit im Büro kein Maßstab für gute Arbeit sein sollte. "Präsenz darf kein Selbstzweck sein. Entscheidend ist, was gute Arbeit ermöglicht", so Kolbe.
Sie ergänzt: "Produktivität entsteht nicht durch Kontrolle und möglichst viel Anwesenheit, sondern durch Vertrauen, gute Arbeitsbedingungen und eigenverantwortliches Arbeiten."
Starre Präsenzpflichten könnten die Teilhabe am Arbeitsleben hingegen erheblich erschweren. "Längere Arbeitswege, zu viele Reize, fehlende Rückzugsmöglichkeiten, fehlendes medizinisches Equipment können - je nach Erkrankung - dazu führen, dass Menschen weniger oder gar nicht arbeiten können, obwohl sie ihre Aufgaben im Homeoffice gut bewältigen", erklärt Kolbe.
Dabei gehe es nicht nur um Beschäftigte mit gesundheitlichen Einschränkungen. Auch Menschen mit Betreuungspflichten oder langen Arbeitswegen könnten vom mobilen Arbeiten profitieren. Für manche sei es sogar "der entscheidende Faktor dafür, überhaupt oder in größerem Umfang arbeiten zu können".
Gerade bei chronisch erkrankten Beschäftigten sieht die DGB-Bezirksvorsitzende Arbeitgeber in der Pflicht, individuelle Lösungen zu suchen. "Der Arbeitgeber sollte die konkrete Situation des Beschäftigten ernst nehmen und gemeinsam nach einer tragfähigen Lösung suchen."
Arbeitsmediziner sieht auch Schattenseiten des Homeoffice
Aus arbeitsmedizinischer Sicht hat das Arbeiten von zu Hause sowohl Chancen als auch Risiken. Wie Prof. Dr. med. Dennis Nowak, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin, im Gespräch mit TAG24 erklärt, komme es dabei vor allem auf die individuellen Bedürfnisse und die konkreten Arbeitsbedingungen an.
Gerade für Beschäftigte mit chronischen Erkrankungen kann Homeoffice dabei eine wichtige Entlastung bieten. "Der Wegfall des täglichen Pendelns kann zeitlichen und körperlichen Stress reduzieren", während sich die Arbeit flexibler an die eigene Situation anpassen lasse.
Neben dem Arbeitsweg kommt es laut Nowak aber auch darauf an, wie die Beschäftigten ihre Arbeitsumgebung wahrnehmen. "Im Büro können manche Beschäftigte ungestörter arbeiten als zu Hause, manche, die im Großraumbüro am geräuschlichen Hintergrundpegel leiden, können sich zu Hause besser konzentrieren. Sehr individuelle Frage", so der Facharzt für Arbeitsmedizin.
Gleichzeitig habe Homeoffice laut ihm auch Schattenseiten. Fehlende Bewegung, eine zunehmende Vermischung von Arbeit und Freizeit und daraus oft resultierende längere Arbeitszeiten könnten die Gesundheit belasten. "Ohne klare Strukturen können die Grenzen von Beruf und Privatleben verschwimmen", betont Nowak. Auch der soziale Austausch mit Kollegen könne fehlen, wodurch soziale Kontakte verkümmern könnten.
Entscheidend sei deshalb eine individuelle Betrachtung. "Die gesundheitlichen Auswirkungen des Homeoffice sind vielfältig, es gibt positive Chancen und klare Risiken, die stark von den Rahmenbedingungen abhängen", so der Mediziner. Betriebsärzte könnten dabei helfen, eine passende Lösung für Beschäftigte und Arbeitgeber zu finden.
Titelfoto: Bildmontage: Dipl.-Psych. Klaus Schütz/Psychologischen Zentrum Dresden, 123RF/joisbalu, MigräneLiga e.V. Deutschland, 123RF/awaygy, 123RF/standrets, DGB Sachsen, LMU Klinikum

