Corona-Doku "Erste Welle": Neuköllner Kiez-Café trifft auf Apokalypse

Berlin - Mit "Erste Welle" legt Regisseur Christian Plähn ein in dieser Form wohl einzigartiges Zeitdokument vor: das Kiezportät über sechs Tage in der Anfangsphase der Corona-Pandemie in Deutschland.

"Erste Welle" entstand im März 2020 und zeigt sechs Tage davon.
"Erste Welle" entstand im März 2020 und zeigt sechs Tage davon.  © Denis Zielke/TAG24

Die Arbeiten an dem Dokumentarfilm begannen bereits am 11. März 2020 - also genau einen Tag, nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Pandemie ausgerufen und Alt-Kanzlerin Angela Merkel (65, CDU) vor einer Überlastung des Gesundheitssystems gewarnt hatte.

Dreh- und Angelpunkt der Doku voller Beobachtungen, Eindrücken und Gesprächen ist das Café "Pappelreihe" im Neuköllner Schillerkiez. Schnell war der Plan gefasst, erklärte Plähn vor Ort im Kino, "dieses merkwürdige Geschehen als Zeitkapsel einzufangen, auch wenn wir gar nicht verstehen, was da gerade ab Tag eins passiert".

Als dann eine Woche später die Bundesliga abgesagt wurde, war weiter klar: "Hier ist etwas im Busch."

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Plähn brachte das Konzept der Doku gegenüber den Zuschauern als "Kiez-Café meets Apokalypse" auf den Punkt. Die Produktion in Eigenregie fing markige Charaktere und Berliner Originale ein, die es wegen der Gentrifizierung im Schillerkiez immer weniger gibt.

Gerd war so ein Original. "Der Friedhof ist zu. Jetzt können sie mich nicht einmal begraben", feixte er. Auch andere Gäste des Kollektiv-Cafés witzelten über Vorschläge der Bundesregierung und nahmen es mit Galgenhumor.

Sei es Bananen essen als Universalwirkstoff gegen Coronaviren oder, wie eine Gästin scherzte: "Nackt bei Mitternacht auf dem Tempelhofer Feld tanzen."

"Erste Welle" lief im Rahmen von "48 Stunden Neukölln": Eine Zeitkapsel und Denkmal

Einen Verleih für den Dokumentarfilm gibt es nicht.
Einen Verleih für den Dokumentarfilm gibt es nicht.  © Denis Zielke/TAG24
Das Café "Pappelreihe" musste nach rund 30 Jahren schließen.
Das Café "Pappelreihe" musste nach rund 30 Jahren schließen.  © Denis Zielke/TAG24

In der ernsten Zeit, die der Film thematisiert, hilft manchmal nur Lachen. Ältere erinnerten sich in "Erste Welle" an die Nachkriegszeit und berichteten aus eigener Erfahrung vom Leben damals.

Früher Teppiche gegen Kartoffeln von Bauern, nun Hamsterkäufe von Nudeln und Klopapier. Ängste und mögliche Szenarien wurden imaginiert. Dieser bunte Strauß an Menschen verleiht der Doku in der Retrospektive eine gewisse Leichtigkeit.

Auch der Betreiber der "Pappelreihe", Tamilarasan Ganeshamoorthy, versuchte, sich einen Reim auf die Lage zu machen: "Nicht der Brexit, sondern so ein popeliger Scheiß-Virus ist es, der Unsicherheit verbreitet."

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Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnte: Die "Pappelreihe" sollte vier Jahre später Geschichte sein. Weil der neue Inhaber des Hauses - ein Immobilienfonds aus Österreich - die Miete mehr als verdoppeln wird, schließt Ganeshamoorthy das Lokal nach rund 30 Jahren in zweiter Generation. Am 1. Juli 2024 muss der Laden besenrein übergeben werden, erzählte Plähn.

Die Dreharbeiten wurden von Gerds Tod überschattet. 1940 geboren, starb er im Frühjahr 2020 - jedoch nicht an Corona. Angehörige hatte er keine mehr, wie sich im Vivantes Klinikum herausstellte. Die "Pappelreihe" war sein zweites Zuhause. Überhaupt war es das Wohnzimmer von vielen. "Erste Welle" sei daher auch ein Denkmal für Gerd, sagte der Regisseur abschließend.

Titelfoto: Denis Zielke/TAG24

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