Angine de Poitrine live in Berlin: Der Kult um die krummen Takte

Berlin - Ein Ticket-Ansturm wie bei Oasis, nur ohne Stadionhymnen, ohne eigentlichen Gesang, nicht einmal Gesichter gibt es zu sehen. Angine de Poitrine aus Quebec machen Musik, deren vertrackte Rhythmen bislang kaum als Rezept für den Massenerfolg galten. Nun hat der Hype die Hauptstadt erreicht.

Angine de Poitrine inszenieren sich als Raum-Zeit-Reisende, die von Hotdogs und Pyramiden begeistert sind. (Archivfoto)  © Arlyn Mcadorey/The Canadian Press/AP/dpa

Schon auf der Warschauer Brücke suchen Leute Karten für das restlos ausverkaufte Astra. Drinnen tragen etliche Besucher selbst Outfits in Schwarz-weiß gepunktet. Der Kult hat inzwischen einen Dresscode.

Gegen 21 Uhr erscheinen Khn und Klek de Poitrine mit grotesken Pappmaché-Köpfen und ausladenden Ameisenbär-Nasen. Noch vor dem ersten Ton beschwören die beiden schwarz-weiß gepunkteten Wesen mit leuchtenden Dreiecken und gutturalen Lauten eine außerirdische Gemeinschaft, deren geheimen Handgruß das Publikum bereitwillig erwidert. Aus Konzertbesuchern wird eine Sekte auf Zeit.

Daumen und Zeigefinger formen Dreiecke. Die Geste soll auf die Gedenkpyramide in ihrer kanadischen Heimatregion Saguenay verweisen. Der Gruß, mit dem der alte Popvertrag zwischen Bühne und Publikum als kosmischer Initiationsritus neu besiegelt wird, sitzt. Mit dem Takt wird es schwieriger.

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Khn spielt ein maßgefertigtes Doppelhalsinstrument aus Gitarre und Bass, dessen zusätzliche Bünde Vierteltöne zulassen. Barfuß bedient er seine Loop-Pedale, schichtet Bassfiguren und Gitarrenläufe übereinander, lässt sie wieder verschwinden. Klek trommelt dazu furz-trocken und mit einer Präzision, die selbst in den schiefsten Takten nicht wackelt. Zwei Musiker klingen zeitweise wie eine ganze Band.

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Angine de Poitrine begeistern Publikum im Astra Kulturhaus in Berlin

Khn de Poitrine (l.) macht die kryptische Dreiecks-Handgeste, die als eine Art Grußerkennung und kosmisches Kommunikationsmittel dient, und vom Publikum erwidert wird.  © Arlyn Mcadorey/The Canadian Press/AP/dpa

Im Saal wird das zum Gemeinschaftssport. Das altersmäßig gemischte, überwiegend junge Publikum klatscht im 10/8-Takt, geht in die Knie und singt bei "Fabienk" Lautfolgen mit, für die kein Wörterbuch zuständig ist. Komplexität als Mitmachangebot: eine hübsche Zumutung für alle, die Popmusik lieber auf vier zählen.

In Köln waren die Karten nach 55 Sekunden weg. In Berlin zog das Konzert vom Festsaal Kreuzberg ins größere Astra um. Den Schub gab eine millionenfach gesehene KEXP-Session. Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl (57) schwärmte zudem, die Kanadier hätten ihn "total umgehauen". Die Masken und der prominente Zuspruch mögen also die erste Neugier geweckt haben, im Astra tragen acht Stücke über gut 75 Minuten dazu bei. Verschleißerscheinungen: keine, weder oben noch unten.

Die Nähe zu Primus ist unüberhörbar: Funk, Bassvirtuosität, grotesker Humor. Die beiden Kanadier lassen ihre Motive allerdings in Schleifen kreisen, bis Math-Rock in Richtung Techno kippt. Und die Menschen vor der Bühne bewegen sich dazu, als wäre das die selbstverständlichste Musik der Welt.

Sie kommunizieren zwischen den Songs in einer eigenen grunzenden Kunstsprache.  © Denis Zielke/TAG24
Die beiden Kanadier, die ihr Genre als "Mantra-Rock-Dada-Pythago-Kubistisches-Orchester" bezeichnen, sind bekannt für ihre dadaistische Performance.  © Denis Zielke/TAG24

Wer vom KI-generierten Einheitsbrei genug hat, bekommt hier einen Gegenentwurf mit gehörigem Anspruch. Die Musik ist komplex, bis ins Detail durchdacht und trotzdem ganz auf den Körper aus. Man hört das Handwerk in jedem verschobenen Akzent und sieht zwei Menschen arbeiten, auch unter den Masken. Nach "Sherpa" ist Schluss. Die Sekte hätte gern weitergetanzt.

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