MiA. mit Ansage gegen Nazis: Warum für Mieze auch Tanzen politisch ist
Berlin - Mieze Katz hat mit Irritation gerechnet. Als die MiA.-Sängerin im Kreuzberger FluxBau einen Tanzsong zur Ansage gegen Nazis macht, passiert allerdings etwas anderes: Das Publikum gibt ihr Rückendeckung. Nach dem Konzert erzählt sie, warum ihre Band politisch nicht mehr um den heißen Brei herumreden will.
Dabei ist der Abend zunächst der neuen Musik gewidmet. Vor 250 Menschen spielen MiA. ihr achtes Album "Euphorie & Alltag" komplett. Zwölf Songs, darunter Lieder über Liebe, Beziehungen und mentale Gesundheit. Im rappelvollen FluxBau ist das Publikum ganz nah dran. Und auch mit ihren Botschaften hält die Band wenig Abstand.
Besonders deutlich wird das bei "TNZN". Auf der Bühne erklärt Mieze, "dass ein Lied über das Tanzen auch ein Lied gegen Nazis ist". Statt der befürchteten Irritation gibt es Zuspruch. Eine Reaktion, die die Sängerin offenbar selbst überrascht.
"Wir sind weniger subtil unterwegs. Aktuell. Es ist auch nicht die Zeit für Subtilität", sagt Mieze nach dem Auftritt im Interview mit TAG24.
Die neue Deutlichkeit ist kein Zufall. Für die Sängerin gehört es daher gerade jetzt dazu, sich einzumischen: "Ich bin der Meinung, es ist super wichtig, sich zu positionieren und auch zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu erkennen."
Statt sich von der gesellschaftlichen Stimmung herunterziehen zu lassen, setzen MiA. auf Euphorie. Das klingt nach einem bewussten Gegenentwurf, war beim neuen Album aber zunächst gar nicht so gedacht. Nicht einmal der Titel stand von Anfang an fest.
Eigentlich sollte das neue Album von MiA ganz anders heißen
"Ich habe den Albumtitel am Anfang vorgeschlagen. Bei mir hieß es noch Glamour und Alltag", erzählt sie. Bei einem Kreativtreffen in Köln entwickelte sich daraus schließlich "Euphorie & Alltag".
Ihre Bandkollegen bemerkten die Nähe zu "Monarchie und Alltag", dem einflussreichen Album der deutschen Punkband Fehlfarben. Mieze selbst hatte daran zunächst überhaupt nicht gedacht. Kurz stand die Frage im Raum, ob man sich eine solche Anspielung erlauben dürfe. Am Ende war sich die Band einig: Der Titel passt.
Wie gut, wurde den Musikern erst während der Arbeit an der Platte bewusst. Zwischen all den Verpflichtungen, die sich über die Jahre angesammelt haben, ein neues Album aufzunehmen, war offenbar alles andere als selbstverständlich: "Und wir haben gemerkt, alter Schwede, dieses Album haben wir dem Alltag abgetrotzt."
Nicht nur musikalisch haben MiA. dafür einiges auf sich genommen. Zum ersten Mal in ihrer fast 30-jährigen Bandgeschichte erscheint ein Album auf dem eigenen Label. Das bedeutet mehr Unabhängigkeit, aber auch Aufgaben, die bisher andere übernommen haben. "Freiheit bringt immer Verantwortung in sich", sagt Mieze.
Plötzlich muss die Band selbst kalkulieren, organisieren und Entscheidungen treffen, die früher bei der Plattenfirma lagen. Dabei betont Mieze, dass MiA. auch bei ihren früheren Major-Labels große künstlerische Freiheiten genossen hätten. Neu ist vor allem, wie viel Verantwortung nun bei ihnen selbst liegt.
Wie viel Euphorie bleibt für Montag?
Nach fast drei Jahrzehnten im Musikgeschäft kann die Band auf reichlich Erfahrung zurückgreifen, ihr eigenes Team zusammenstellen und die Dinge nach ihren Vorstellungen gestalten.
Der Grundsatz der Sängerin klingt entsprechend pragmatisch: "Wenn du es selber machen kannst, mach es selber. So wenig wie möglich abhängig sein."
Von all den Kalkulationen und organisatorischen Entscheidungen ist beim Konzert im FluxBau wenig zu spüren. Für gut eine Stunde scheint der Alltag draußen zu bleiben. Doch was nimmt man von so einem Abend eigentlich mit?
Mieze greift bei ihrer Antwort auf zwei Begriffe zurück: Kairos und Kronos. Kronos steht für die messbare Zeit, die Minuten und Stunden auf der Uhr. Kairos beschreibt dagegen jene besonderen Momente, in denen das Zeitgefühl verschwindet. "Es ist ja nur eine Stunde. Aber ich könnte Dir nicht sagen, es hat sich angefühlt wie fünf Stunden oder wie fünf Minuten. Das ist was Besonderes", erklärt sie.
Darin liegt für die Sängerin auch die Kraft von Konzerten. Sie schaffen Erlebnisse, die nicht mit dem letzten Ton enden. Ein bisschen von dem Gefühl soll bleiben, selbst wenn am nächsten Morgen wieder die üblichen Verpflichtungen warten: "Das ist auch was, das trägt bis weit über den Montag hinaus."
Und wie lässt sich etwas von dieser Euphorie in den ganz gewöhnlichen Alltag retten? Mieze hat darauf eine denkbar einfache Antwort: "Einfach mal im Alltag lächeln."
Titelfoto: Denis Zielke/TAG24
