Verstorbener Dirigent Herbert Blomstedt (†99): Darum wurde er in Sachsen besonders verehrt

Dresden/Leipzig - Es gibt Dirigenten, die ein Orchester beherrschen. Und es gibt jene, die ihm zuhören. Herbert Blomstedt gehörte zu Letzteren. Wer ihn erlebt hat, erinnert sich weniger an große Gesten als an stille Autorität, die aus der Musik selbst zu kommen schien. Blomstedt trat nie zwischen Werk und Publikum. Er stand dazwischen – vermittelnd, klärend, dienend. Nun ist der weltweit und in Sachsen besonders verehrte Kapellmeister gestorben, am Mittwoch in Göteborg im Kreise seiner Familie. Er wurde 99 Jahre alt.

Dirigent Herbert Blomstedt starb am Mittwoch im Alter von 99 Jahren.  © Gaetan Bally/KEYSTONE/dpa

Geboren am 11. Juli 1927, hat Herbert Blomstedt die Musikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts jahrzehntelang mitgeprägt. Sein Dirigieren war von einer Haltung getragen, die fast altmodisch anmutete und deshalb so eindrucksvoll war: werktreue, intellektuelle Redlichkeit, Verantwortung gegenüber der Partitur. "Die Musik ist größer als wir", sagte er gern – ein Satz, der wie ein Schlüssel zu seinem künstlerischen Selbstverständnis ist.

Eine seiner tiefsten und dauerhaftesten Verbindungen ging er mit der Dresdner Staatskapelle ein. Von 1975 bis 1985 war er ihr Chefdirigent, in einer Zeit, die für das kulturelle Leben der DDR anspruchsvoll war. Blomstedt formte keinen neuen Klang, er legte den vorhandenen frei. Unter seiner Leitung gewann das Orchester an Transparenz, ohne seine geschichtsträchtige Tiefe zu verlieren. Die Staatskapelle würdigte ihn später als einen Dirigenten, der "das Orchester geprägt hat, ohne es sich je anzueignen".

Ein Moment steht sinnbildlich für diese Verbindung: das erste Konzert in der 1985 wiedereröffneten Semperoper. Blomstedt dirigierte – nicht als Triumphator, sondern als Bewahrer einer langen Linie.

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Dass die Staatskapelle ihm später die Goldene Ehrennadel verlieh und ihn zum Ehrendirigenten ernannte, war Auszeichnung und Anerkennung einer gewachsenen Gemeinschaft. Mehr als 300 Konzerte spielte man gemeinsam.

"Mit Herbert Blomstedt verlieren wir eine herausragende Künstlerpersönlichkeit und einen besonderen Menschen, dessen musikalische Integrität, Bescheidenheit und Zugewandtheit uns in besonderer Erinnerung bleiben werden", heißt es vom Orchester: "Gemeinsam mit unserem Chefdirigenten Daniele Gatti nehmen wir in tiefer Dankbarkeit Abschied."

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Blomstedt prägt Leipziger Gewandhausorchester nachhaltig

Der Dirigent präsentierte im Gewandhaus Leipzig seinen Bundesverdienstorden, der ihm 2022 verliehen worden war.  © Hendrik Schmidt/dpa

Auch Leipzig wurde zu einem zentralen Ort seines Wirkens. 1998 übernahm Blomstedt das Amt des Gewandhauskapellmeisters. Bis 2005 prägte er das Orchester mit einer Klarheit, die nie kühl war, und mit einer Ruhe, die nie spannungslos wurde. Das Orchester beschrieb ihn als einen Musiker, der "Autorität durch Haltung" ausübe. "Mit Herbert Blomstedt verlieren wir einen der größten Musiker unserer Zeit und einen außergewöhnlichen Menschen", sagt Gewandhausdirektor Andreas Schulz.

Blomstedt habe das Gewandhausorchester künstlerisch nachhaltig geprägt und zugleich gelehrt, dass Größe aus Bescheidenheit erwachse: "Seine Güte, seine Wahrhaftigkeit und seine unerschütterliche Hingabe an die Musik werden uns für immer Vorbild bleiben. Wir verneigen uns in Dankbarkeit vor seinem Lebenswerk."

Blomstedts Probenarbeit galt als unspektakulär und zugleich unerbittlich präzise. Musiker berichteten, wie wenig Worte er brauchte, um Wesentliches zu verändern. Blomstedt schaffe eine innere Ordnung, aus der heraus sich alles füge. Keine Effekte, kein Pathos – nur Konzentration.

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Dresden und Leipzig verorten wesentliche Stationen in der Karriere des Dirigenten. Seine Haltung zu beiden formulierte Blomstedt im TAG24-Interview anlässlich seines 90. Geburtstages so: "Jedes Orchester hat sein eigenes Temperament. Die Staatskapelle hat dieses enorme Traditionsbewusstsein. Den Klang, den man über Jahrhunderte geformt hat, will man um keinen Preis verändert wissen. Aufgeschlossen für Neuerungen ist die Staatskapelle nicht so sehr. In Leipzig ist das anders. Dort ist man mehr offen für Veränderungen. Die Musiker sind beweglicher und lassen sich viel leichter in andere Richtungen leiten."

Ein Grund dafür sei vielleicht der Unterschied zwischen einem königlichen Orchester, wie es die Staatskapelle gewesen ist, und einem bürgerlichen Orchester, wie es das Gewandhausorchester noch immer sei. Blomstedt: "Ich verehre beide Orchester sehr, die Leipziger für ihre Offenheit, die Dresdner für ihre musikalische Konsequenz." Die Zeit als Chefdirigent der Staatskapelle bezeichnete er als die wichtigsten Jahre in seinem musikalischen Leben: "Nichts hat mich so geprägt."

Dirigent war tief gläubig

Der Musiker wurde in Sachsen ganz besonders verehrt.  © Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Untrennbar mit seiner künstlerischen Haltung verbunden war seine tief verwurzelte Religiosität. Blomstedt bekannte sich zeitlebens offen zum Glauben der Siebenten-Tags-Adventisten, ohne diesen je missionarisch oder demonstrativ nach außen zu tragen. Vielmehr bildete der Glaube für ihn einen inneren Bezugsrahmen, aus dem sich Disziplin, Bescheidenheit und moralische Verbindlichkeit speisten.

Bekannt war, dass er grundsätzlich keine Proben am Sabbat übernahm. Beides, Glaube und Musik, sei eine Einheit, "isoliert gar nicht zu denken für mich", erklärte er im TAG24-Interview: "Als ich Kind war, war die Bibel bei uns zu Hause der größte Einfluss. Wir konnten viele Teile auswendig." Am stärksten habe ihn die christliche Ethik beeindruckt. "Ein Gesetzbuch ist die Bibel nicht", sagte er, "doch enthält sie viele Storys, die gute Beispiele abgeben dafür, dass man sich seinen Mitmenschen gegenüber gut benehmen sollte."

Was bleibt von Herbert Blomstedt?

Sieben Orchester, darunter Staatskapelle und Gewandhausorchester, haben ihn zu ihrem Ehrendirigenten ernannt. Wohl bleiben mehr als Aufnahmen, Daten und Titel. Es bleibt eine Idee von musikalischer Wahrhaftigkeit. Eine Vorstellung davon, dass große Kunst nicht laut sein muss. Dass Tiefe aus Disziplin entsteht. Und dass ein Dirigent dann am größten ist, wenn er sich selbst zurücknimmt.

In Dresden und Leipzig hat sich diese Haltung eingeschrieben – in den Klang, in die Erinnerung, in das Selbstverständnis zweier Orchester, die durch ihn nicht anders, aber vielleicht bewusster geworden sind. Herbert Blomstedt hat gezeigt, dass Musik nicht erklärt werden muss. Man muss ihr nur dienen.

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