Atrin Madani: "Einige Geheimnisse sollte man nicht verraten"

Berlin - Where are we now? Wo stehen wir jetzt? Eine Frage, die sich auch Atrin Madani stellte und seinem neuen Album, das an diesem Freitag erscheint, ebendiesen Titel verpasste. TAG24 traf den 1998 in Berlin geborenen Jazzmusiker in der Hauptstadt zum Gespräch.

Atrin Madani, 1998 in Berlin geboren und Sohn iranischer Einwanderer, studierte an der Hochschule für Musik in Dresden und am Jazz-Institut Berlin.
Atrin Madani, 1998 in Berlin geboren und Sohn iranischer Einwanderer, studierte an der Hochschule für Musik in Dresden und am Jazz-Institut Berlin.  © Martin Bauendahl

TAG24: Deine Stimme hebt sich angenehm von dem ab, was man derzeit sonst im Radio oder Fernsehen zu hören bekommt. Wann hast Du festgestellt, dass Du singen kannst?

Atrin Madani: Mein Vater erzählt immer die Geschichte, dass er mich vom Kindergarten abholte und die Erzieherin ihm völlig aufgeregt entgegenkam und sagte: 'Herr Madani, Herr Madani!' Mein Vater dachte, dass etwas Schlimmes passiert ist. Dann sagte sie nur: 'Er singt.'

Mein Vater antwortete trocken: 'Ja, ich weiß. Ich wohne mit ihm zusammen.' Anscheinend war das die Geburtsstunde meines Gesangs.

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TAG24: Was hast Du zu Hause gesungen?

Atrin Madani: Ich habe wohl immer "Hänschen klein" gesungen, auf Babysprache. Einen großen Einfluss hatte auch der Film "Findet Nemo". Im Abspann kommt der Song "Beyond the Sea" von Robbie Williams.

Mein Vater merkte damals, dass ich den Film nur wegen des Abspanns geschaut habe, und meinte, das können wir uns auch sparen. Er hat mir dann die DVD "Robbie Williams live at the Royal Albert Hall" gekauft. Als ich das Konzert gesehen habe wusste ich, dass ich nichts anderes machen möchte.

TAG24: Das heißt, es gab keine berufliche Alternative?

Atrin Madani: Ich war in der Schule nicht gut, ich war faul und bin es immer noch, wenn es um bürokratische Dinge geht. Ich bin fürs Singen gemacht.

"Jazz ist die Musik mit der größten Freiheit"

Seit Mai 2022 ist Atrin Madani mit dem Programm "Der Mond hatte frei" Teil des Spielplanes der "Bar jeder Vernunft" in Berlin.
Seit Mai 2022 ist Atrin Madani mit dem Programm "Der Mond hatte frei" Teil des Spielplanes der "Bar jeder Vernunft" in Berlin.  © Martin Bauendahl

TAG24: Gab es trotzdem musikalische Einflüsse aus Deiner Familie?

Atrin Madani: Mein Vater wollte Musiker werden, durfte es aber nicht. Seine Eltern wollten, dass er etwas Vernünftiges macht, und so ist es auch gekommen. Eltern wollen immer, dass aus ihren Kindern etwas wird. Besonders, wenn sie in ärmeren Ländern leben und für ihre Kinder geschuftet haben, damit diese es leichter haben. Umso dankbarer bin ich, dass ich das machen darf, was ich machen will.

TAG24: Und wie sieht es mit Einflüssen aus der persischen Musik aus?

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Atrin Madani: Ich finde, es gibt in der deutschen Musik sehr schöne Sachen. Wie Brahms, Beethoven, Schubert. In der persischen Musik gibt es, genauso wie in jeder Musikkultur, poppige, komische Dinge, die man nicht hören möchte. Ich würde sagen, ich bin musisch deutsch oder abendländisch sozialisiert.

TAG24: Warum Jazz?

Atrin Madani: Das ist die Musik mit der größten Freiheit. Ich kann machen, was ich will. Ich darf jeden Song singen, den ich will. Ich bin nicht wie ein klassischer Sänger an bestimmte Werke gebunden, sondern kann jedes Lied in meine eigene Sprache verwandeln.

TAG24: Interpretierst Du Stücke anderer Künstler oder hast Du auch eigene Songs?

Atrin Madani: Ich habe auch schon eigene Stücke geschrieben. Im Moment covere ich viel und lasse mich dabei von verschiedenen Musikstilen inspirieren. Zum Beispiel verbinde ich Klassik mit moderner Popmusik. Im Konzert passiert das etwas mit einem Lied von Johannes Brahms mit "Wir sind Helden". Es geht mir darum, gute Musik miteinander zu verbinden.

Am Ende des Tages muss man wiedererkennbar sein, weil es durch TikTok, Instagram, Facebook und YouTube sehr viel Output gibt. Es gibt zahlreiche Leute, die ein Medium gefunden haben, um sich zu präsentieren - und nicht mehr wie früher bei einem Label einen Plattenvertrag unterschreiben müssen.

Heutzutage kann es jeder schaffen. Aber wir sind so viele, die sich in irgendeiner Form präsentieren können, dass man wirklich sehen muss: Wann und wo bringe ich mich selber ein, um repräsentabel zu sein und einen Wiedererkennungswert zu haben?

"Ich war davon überzeugt, dass ich es kann"

Man hört dem Schöneberger durchaus die intensive Beschäftigung mit Vorgängern wie Frank Sinatra, Mel Tormé, Andy Williams oder Tony Bennett an. Er ehrt die Meister jedoch, indem er sie nicht kopiert, sondern selbstbewusst seinen eigenen Weg geht.
Man hört dem Schöneberger durchaus die intensive Beschäftigung mit Vorgängern wie Frank Sinatra, Mel Tormé, Andy Williams oder Tony Bennett an. Er ehrt die Meister jedoch, indem er sie nicht kopiert, sondern selbstbewusst seinen eigenen Weg geht.  © Christian A. Lang

TAG24: Was hilft dabei? Oder anders gefragt: Was hebt Dich heraus?

Atrin Madani: Ich weiß es selber nicht. Und einige Geheimnisse sollte man auch nicht verraten. Aber immer, wenn ich gemerkt habe, ich bin gerade nicht ich, bin ich nicht weit gekommen.

Wenn ich dagegen mein Ding durchgezogen, auf mein Bauchgefühl gehört und wirklich einfach nur das gemacht habe, was ich kann, hat es funktioniert.

TAG24: Gibt es ein Beispiel, wo es richtig krachen gegangen ist? Etwas, das Du wolltest, das aber nicht für Dich bestimmt war?

Atrin Madani: Ja. Sogar sehr oft. Als ich früher in der Schulzeit in einer Big Band gesungen habe, wollte ich unbedingt diesen einen Song singen und habe es immer wieder versucht. Ich war davon überzeugt, dass ich es kann.

Aber ich habe den Song nicht bekommen und mir dann auch eingestanden, etwas verkörpern zu wollen, das vielleicht gewünscht ist, was ich aber nicht bin.

TAG24: Welcher Song war das?

Atrin Madani: Ich glaube, es war "Hot Fudge" von Robbie Williams.

TAG24: Robbie Williams ist schon Dein Favorit?

Atrin Madani: Er ist ein grandioser Entertainer. Wenn wir allerdings auf die "Take That"-Zeit schauen, muss ich sagen: Gary Barlow ist der bessere Sänger.

Einflüsse durch Roger Cicero und Manfred Krug

Im September 2021 nahm Atrin Madani in den Berliner Hansa Studios sein Debüt-Album auf, das am 24. März erscheint.
Im September 2021 nahm Atrin Madani in den Berliner Hansa Studios sein Debüt-Album auf, das am 24. März erscheint.  © PR/Cover, Martin Bauendahl

TAG24: Du schwärmst auch von Manfred Krug.

Atrin Madani: In der deutschen Musik gab es für mich Roger Cicero. Ein unglaublich toller Sänger mit Charisma. Die Texte sind heute nicht mehr zeitgemäß, aber sie waren damals perfekt.

Eines Tages kam ein Kumpel auf mich zu und sagte: 'Du müsstest mal was von Manfred Krug singen.' Den kannte ich zu der Zeit noch nicht und habe mich mit ihm beschäftigt. Ich hörte diese Stimme und dachte nur: Wow! So eine markante, schöne, sonore Stimme. Die klingt einfach gut und das ist Jazz! Jazz auf Deutsch, 30 Jahre vor Roger Cicero.

Ich hatte etwas Neues für mich gefunden, das nicht aus der heutigen Zeit ist.

TAG24: Noch eine Frage zu Deinen Konzerten: Wird es besondere Arrangements geben oder orientierst Du Dich an den Album-Aufnahmen?

Atrin Madani: Mein Ziel als Musiker ist es, dem Publikum ein Live-Erlebnis zu bieten, das dem Album nahe kommt. Aber: Live ist nie wie im Studio. Jedes Konzert ist neu, jeder Ton und jede Interpretation sind live neu. Alles ist immer eine Momentaufnahme.

Aber ich freue mich, wenn Leute sagen: 'Live ist es noch besser als auf dem Album.' Denn ich bin Livemusiker, kein Studiomusiker.

Termine & Tickets

Was ist nun Madanis Antwort auf die Frage: "Where are we now?" Die ist so klar und präzise wie sein Gesang: Was wir gerade am meisten brauchen, ist Ehrlichkeit. Demut. Und Qualität. All das findet sich überreichlich auf dem gleichnamigen Debütalbum des Berliners, das am 24. März erscheint.

Die Releasekonzerte finden am 24. und 25. März jeweils um 20 Uhr im A-Trane (Bleibtreustraße 1) in Berlin-Charlottenburg statt. Alle weiteren Termine und Tickets unter: atrinmadani.com.

Titelfoto: Martin Bauendahl (2)

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