Ein Scheich sperrte mich aus und dann feierte ich mit den "Babylon Berlin"-Stars
Berlin - Eigentlich liegen zwischen meinem Hotel und dem roten Teppich gerade einmal sechs gemütliche Gehminuten. An diesem Abend reichen die nicht. Denn fünf Meter vor dem Zoo Palast ist plötzlich Schluss: Absperrband, Polizisten mit schweren Waffen – und mittendrin eine Reporterin im originalen Kleid aus den 1930er-Jahren, die dringend zur Premiere von "Babylon Berlin" muss.
Der Grund für die unfreiwillige Zeitreise-Pause: Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan (65), Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate. Wegen seines Staatsbesuchs ist das Gebiet rund um das Waldorf Astoria gegenüber dem Kino abgeriegelt. Zwei Minuten früher wäre ich wohl noch durchgekommen. Jetzt hilft weder Presseausweis noch Vintage-Charme.
Immerhin hat die Warteschlange prominente Gesellschaft zu bieten. Plötzlich steht Clemens Schick (54) neben mir. Ausgerechnet der Mann, der in der finalen Staffel Adolf Hitler spielt, kommt ebenfalls nicht zur "Babylon Berlin"-Premiere. Ein Foto zwischen Absperrband und bewaffneten Beamten klappt trotzdem und wir verabreden uns für später am roten Teppich.
Fast 45 Minuten danach rollt die Kolonne davon, kurz darauf fällt das Band. Endlich freie Bahn Richtung "Babylon Berlin"!
Und Schick hält Wort. Auf dem roten Teppich steht er tatsächlich wieder vor meinem Mikrofon. Sein Herz schlage gerade "ziemlich schnell", verrät er.
Angekommen im Jahr 1933
Für seine Rolle näherte er sich vor allem dem jungen Hitler nach dem Ersten Weltkrieg. Stimme, Bewegungen und Körperlichkeit studierte er mit einer Stimmtrainerin und einer Gesangslehrerin. Wichtig ist Schick vor allem die Botschaft der Staffel.
Er wünsche sich, dass die Zuschauer erkennen, "wie wunderbar diese freie Demokratie ist, in der wir leben". Sie sei ein "besonderes, wertvolles Geschenk". Sein Appell: "Lasst uns das nicht aufgeben."
Denn nach fast zehn Jahren ist "Babylon Berlin" im Jahr 1933 angekommen. Hitler wird Reichskanzler, Gereon Rath (Volker Bruch, 46) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries, 35) kämpfen inmitten rätselhafter Todesfälle gegen eine Welt, die immer schneller aus den Fugen gerät. Menschen verschwinden, politische Gegner werden verhaftet, die Demokratie wird ausgehebelt.
Auf dem roten Teppich ist die Stimmung zum Glück noch deutlich weniger düster. Volker Bruch erscheint im grünen Samtanzug. Seinen Gereon Rath wird Bruch nach zehn Jahren wohl nicht so schnell los. "Er hat mich wie ein Schatten verfolgt", sagt er. "Und das ist auch okay so."
Ist die aktuelle Staffel eine der stärksten der Serie?
Ein kleines Stück Seriengeschichte hat er aus dem Fundus gerettet: einen Fotostreifen, auf dem Gereon und Charlotte knutschend in einem Fotoautomaten sitzen. Zwei Exemplare existieren – eines bekam Liv Lisa Fries, Bruchs Exemplar sollte an diesem Abend eine Freundin bekommen.
Auch Trystan Pütter (45) hat im Finale eine besondere Aufgabe. Er spielt den historischen Anwalt und Nazi-Gegner Hans Litten (1903-1938). Vorschnelle Vergleiche zwischen 1933 und heute lehnt er ab. Dass jedoch wieder Faschisten in Deutschland gewählt würden und möglicherweise mitregieren könnten, treffe ihn schwer: "Da wird mir schlecht."
Für deutlich weniger Worte braucht Max Raabe (63) deutlich mehr Wirkung. Was er an diesem Abend trägt? "Anzug." Und wie "Babylon Berlin" als Lied heißen müsste? "Na ja, Ein Tag wie Gold." Wenig später singt er genau diesen Titel im Zoo Palast. Dann gehen die Lichter aus und gemeinsam mit Cast und Team sehe ich die ersten beiden Folgen des großen Finales.
Für mich gehört diese Staffel zu den stärksten der Serie. Damals und heute sind nicht gleichzusetzen. Doch wie schnell Menschen verführt, eingeschüchtert und gegeneinander ausgespielt werden, ist beklemmend. Das Finale ist bildgewaltig, spannend bis zur letzten Minute und unangenehm aktuell.
Die letzte Klappe sei "extrem emotional" gewesen, so Christian Friedel
Christian Friedel (47) sorgt anschließend dafür, dass es nicht bei bedrückender Stimmung bleibt. Der Schauspieler, dessen Polizeifotograf Reinhold Gräf im Laufe der Serie immer offener mit seiner Homosexualität umgeht, nimmt erst einmal die unfreiwillige Wartezeit vor dem Kino aufs Korn: "Ich freue mich riesig, dass auch der Scheich uns hier reingelassen hat."
Dann bringt er mit seiner Band Woods of Birnam den Zoo Palast endgültig zum Kochen. Bei "Du bist alles", "Das Lila Lied" und "Zu Asche, zu Staub" hält es kaum jemanden auf den Sitzen. Standing Ovations!
Doch irgendwann holt der Abschied alle wieder ein. Die letzte Klappe sei "extrem emotional" gewesen, erzählt Friedel mir kurz zuvor. Das Team kam mit Kerzen, Lichtern und Feuerzeugen zusammen und sang "Zu Asche, zu Staub". Ein Moment, "den man so schnell nicht vergessen wird".
Liv Lisa Fries bezeichnet ihre Charlotte auf der Bühne stolz als "feministische Ikone".
Und dann wird gefeiert. Auf der Aftershowparty stehen plötzlich die Menschen neben mir, die eben noch auf der großen Leinwand zu sehen waren. Gläser klirren, es wird gelacht, getanzt – und eben auch ein bisschen wehmütig Abschied genommen. Denn diesmal folgt keine sechste Staffel.
Alle acht Folgen der finalen Staffel stehen seit dem 10. September in der ARD-Mediathek. Im Ersten laufen die ersten vier Episoden am 19. September ab 20.15 Uhr, die letzten vier am 25. September ab 22.20 Uhr.
Titelfoto: Bildmontage: Lena Plischke//IMAGO/APress International

