Von Sabine Dobel
Berchtesgaden - Das Kehlsteinhaus in Berchtesgaden ist nach Brandstiftung fast völlig zerstört. Der Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Sven Keller, spricht sich nun gegen eine genaue Rekonstruktion eines vermeintlichen Originalzustands aus.
"Gebäuden wie dem Kehlsteinhaus ist ja ein Narrativ eingeschrieben, in diesem Falle ein Überwältigungsnarrativ", sagte Keller auf Anfrage. "Es gibt einen Grund, warum das Gebäude bis heute faszinierend wirkt, das wirkt unwillkürlich weiter. Jetzt, wo das Gebäude zerstört oder mindestens schwer beschädigt ist, kommt eine 1:1-Rekonstruktion nicht infrage."
Das Teehaus auf 1834 Metern Höhe wurde 1937/38 auf Initiative von dem Hitler-Vertrauten Martin Bormann errichtet und war Teil des Führersperrgebiets Obersalzberg bei Berchtesgaden. Ein 33-jähriger Mann soll das Feuer dort gelegt haben. Er wurde in eine geschlossene Psychiatrie gebracht.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Kunstminister Markus Blume (beide CSU) haben bereits den Wiederaufbau angekündigt.
Chance zur Neugestaltung der historischen Einordnung nutzen
Es handele sich nicht um ein ungebrochen positiv besetztes Denkmal, sondern um ein NS-Gebäude, das auch in ideologischer Absicht errichtet worden sei, betont Keller. "Das heißt nicht, dass man das, was erhalten ist, nicht auch erhalten kann. Aber einen vermeintlichen Originalzustand muss und sollte man nicht wiederherstellen", sagte Keller. "Man sollte die Chance nutzen, um die historische Kontextualisierung zu verbessern, und vor allem sollte man die Zeitschichten offenlegen."
Der historische Ort Kehlsteinhaus habe die Zeitläufte nicht unverändert überdauert. "Schon die amerikanische Präsenz nach 1945 und die Nutzung als Restaurant seit 1952 ist ja eine Veränderung."
Ziel sollte sein, einen gegenwärtigen Zustand in seiner Historizität begreifbar zu machen und den Menschen Kontext und Zusammenhänge zu erklären.
Hitler und sein Teehaus
Ein vergleichbares, wenn auch etwas kleineres Teehaus gab es laut Keller schon am Mooslahner Kopf. Das Teehaus am Kehlstein habe Hitler selten besucht: "Wir wissen von nur 14 Besuchen, alle im Zeitraum zwischen September 1938 und Oktober 1939. Danach, so meine Annahme, war der durchaus zeitaufwendige Ausflug nicht mehr so leicht möglich, auch dürfte sich das nicht mit dem "Führer"-Bild vertragen haben, das Hitler als Feldherr von sich vermitteln wollte."
"Die exponierte Lage in 1.834 Metern Höhe, auf dem Felssporn des Kehlstein, mit einem spektakulären Blick auf die Berchtesgadener Alpenkulisse, sollte die Gäste beeindrucken", sagt Keller.
"Das ganze Ensemble ist ein Statement: Wir machen uns die Berge untertan, wir haben die Macht dazu. Insofern war das Kehlsteinhaus samt Kehlsteinstraße und Aufzug ein Überwältigungsensemble - als einer von vielen Bauten des Führersperrgebiets."