Chemnitz - Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt inzwischen auch Psychotherapeuten. An der Hochschulambulanz der TU Chemnitz wird sie seit rund einem halben Jahr eingesetzt – etwa für Dokumentation, Diagnostik, Therapieplanung und Recherche. TU-Professor Stephan Mühlig (65) sieht darin vor allem Chancen.
In der Ambulanz arbeiten zehn Psychotherapeuten. Jährlich werden rund 400 bis 500 Patienten behandelt, circa 200 stehen auf der Warteliste. Die durchschnittliche Wartezeit liegt bei eineinhalb bis zwei Jahren.
Für die Dokumentation nutzen die Therapeuten eine von der Berliner Charité entwickelte KI-Anwendung. Sie kann Therapiesitzungen aufzeichnen, automatisch transkribieren (aufschreiben) und zu einem Verlaufsprotokoll zusammenfassen.
Zudem kommt ChatGPT etwa für Recherche, die Auswertung von Befunden und Akten sowie die Therapieplanung zum Einsatz.
Gerade bei komplexen Problemen und mehreren Erkrankungen könne KI helfen, Therapien stärker zu individualisieren, sagt Mühlig.
Auch bei der Antragstellung könne sie Zeit sparen: "Vier Stunden brauche ich für einen Antrag. Das sind vier Patientinnen, die ich in der Zeit behandeln kann."
Bei psychischen Erkrankungen sei Vorsicht geboten
Auch für Patienten sieht Mühlig Einsatzmöglichkeiten. KI könne rund um die Uhr Informationen und Unterstützung bieten und helfen, Wartezeiten zu überbrücken. Für Alltagsprobleme könne sie eine sinnvolle Ergänzung sein.
Bei psychischen Erkrankungen sei jedoch Vorsicht geboten. KI könne falsche Antworten geben und insbesondere Krisen nicht zuverlässig einschätzen.
"Gerade akute Krisen und Suizidalität, das kann sie nicht gut einschätzen", warnt Mühlig.
Hinzu kämen Fragen zu Datenschutz, Schweigepflicht, Verantwortung und Haftung: "Die KI ersetzt nicht den Therapeuten, kann ihn aber ganz wesentlich in seiner Arbeit unterstützen und die Qualität der Therapie am Ende deutlich verbessern."