Chemnitz: Mietshaus im Yorckgebiet wird ohne Lift zum Rentner-Knast

Chemnitz - Ein Mietshaus im Chemnitzer Yorckgebiet verwandelte sich von einem Tag auf den anderen in ein Gefängnis für Rentner. "Wenn uns niemand hilft, müssen wir 100 Stufen nach unten laufen", sagen Horst (89) und Monika Schindler (82). "Wir halten uns immer am Geländer fest - furchtbar!"

Wie eingesperrt: Gertraude Rümmler (92, l.) und Sigrid Schreiber (85) kommen nicht mehr ohne Hilfe in den Fahrstuhl.
Wie eingesperrt: Gertraude Rümmler (92, l.) und Sigrid Schreiber (85) kommen nicht mehr ohne Hilfe in den Fahrstuhl.  © Maik Börner

Es geht um die fünfstöckige Fürstenstraße 143. Seit einem Stromausfall am 30. Oktober lässt sich der Fahrstuhl nur von innen steuern - Ruftasten außen funktionieren nicht mehr. Ein Zettel bittet, den Lift nach jeder Benutzung ins Erdgeschoss zu schicken, damit Bewohner und Gäste in ihre Etage fahren können.

Das nützt den Rentnern oben wenig. Sie müssen Nachbarn bitten, den Fahrstuhl aus dem Erdgeschoss nach oben zu holen - oder quälen sich über bis zu 100 Stufen allein nach unten.

Das schafft Sigrid Schreiber (85, 3. Stock) nach einer Knie-OP nicht mehr: "Jede Stufe fällt mir schwer. Ich bin an meine Wohnung gefesselt. Zum Glück funktioniert die Solidarität im Haus - Nachbarn bringen für mich den Müll runter oder holen den Fahrstuhl."

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Das Problem sind fehlende Ersatzteile für die Liftsteuerung beim Betreiber Thyssen-Krupp. Das bestätigt der Hausmeister (38): "Es gibt angeblich keine Steuerplatinen." Thyssen war am Sonntag nicht erreichbar, der Notdienst der Firma wollte keine Auskunft geben.

Ein Zettel bittet darum, den teildefekten Fahrstuhl stets wieder ins Erdgeschoss zu schicken.
Ein Zettel bittet darum, den teildefekten Fahrstuhl stets wieder ins Erdgeschoss zu schicken.  © Maik Börner

Bis dahin schleppt sich Gertraude Rümmler (92) jeden Morgen aus dem 5. Stock über 100 Stufen nach unten, um ihre Zeitung zu holen. Nachbar Lothar Wagner (87, 4. Stock) sieht das Thema gelassen: "In meinem Alter weiß man, dass immer mal etwas schiefgeht. Und als Ossi amüsiere ich mich über fehlerhafte West-Technik."

Titelfoto: Maik Börner

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