Neue SOKO gegen kriminelle Großfamilien: Chemnitzer Polizei jagt Clans, die es (noch) nicht gibt

Chemnitz - Gerade wird heftig diskutiert, wie gefährlich kriminelle Familien-Clans in Deutschland sind und wie man sie am besten bekämpft.

Auch wenn es hier noch keine Clans gibt: Das Potenzial ist vorhanden.
Auch wenn es hier noch keine Clans gibt: Das Potenzial ist vorhanden.  © Harry Haertel

Als Hotspots gelten NRW und Berlin. Sachsen wird in dem Zusammenhang nie erwähnt. Trotzdem startet in Chemnitz ein Projekt zur Bekämpfung von Clan-Kriminalität - obwohl es offiziell gar keine Clans in der Stadt gibt. Wie passt das zusammen?

Das Projekt ist eine Arbeitsgruppe der Polizei Chemnitz und anderer Behörden, federführend ist die Generalstaatsanwaltschaft Dresden. Der Raum Chemnitz wurde gewählt, weil er wirtschaftlich und gesellschaftlich so vielfältig sei. 

"Er umfasst gleichermaßen groß- und kleinstädtische sowie ländlich geprägte Wohn- und Geschäftslagen, daneben auch grenznahe Räume", sagt Steve Schulze-Reinhold (40) von der Generalstaatsanwaltschaft Dresden.

Es soll also nicht gegen existierende Clans vorgegangen werden. Stattdessen werden Strategien entwickelt, wie man sie abwehren oder bekämpfen kann, sollten sie irgendwann kommen. Oder sind sie nicht schon längst da? 

Laut Schulze-Reinhold wurden bislang keine ähnlichen Fälle wie im Westen oder in Berlin festgestellt.

Laut dem LKA Sachsen sind bereits Ansätze vorhanden. "Das sind Bandenstrukturen in den größeren Städten, welche durchaus entsprechendes Potenzial aufweisen", sagt Kriminalhauptkommissar Tom Bernhardt (50).

Clan-Kriminalität in Chemnitz - hatten wir das nicht schon?

Staatsanwalt Steve Schulze-Reinhold (40): Im Projekt geht es um "strukturierte Verfolgung und Verdrängung zukünftig aufkommender krimineller Clanstrukturen."
Staatsanwalt Steve Schulze-Reinhold (40): Im Projekt geht es um "strukturierte Verfolgung und Verdrängung zukünftig aufkommender krimineller Clanstrukturen."  © Steffen Füssel

Mitte der Neunzigerjahre war viel von der vietnamesischen "Zigarettenmafia" die Rede. Vor allem Berlin wurde zum Schauplatz der millionenschweren kriminellen Geschäfte, blutige Bandenkriege machten die Schlagzeilen. Aber auch in Chemnitz und Umgebung trieb die "Zigarettenmafia" ihr Unwesen.

Grausamer Höhepunkt: Am 30. Juli 1995 wurden in Altendorf zwei Brüder erdrosselt, die laut Staatsanwaltschaft in das illegale Schmuggelgeschäft verwickelt waren. Der Täter (heute 53) wurde 2019 - also 24 Jahre später - in Prag aufgespürt und im August dieses Jahres wegen Totschlag verurteilt.

Allerdings ist fraglich, ob das wirklich unter die Definition von "Clan-Kriminalität" fällt. Damals hatte sich ein unüberschaubarer Schwarzmarkt mit brutalen Machtkämpfen entwickelt. 

Daher wirkt das aktuelle Projekt zur Bekämpfung nicht vorhandener Clans vielleicht auf den ersten Blick etwas seltsam. 

Die Polizeidirektion an der Hartmannstraße. Von hier aus werden Clan-Familien bekämpft, bevor sie überhaupt entstehen.
Die Polizeidirektion an der Hartmannstraße. Von hier aus werden Clan-Familien bekämpft, bevor sie überhaupt entstehen.  © Uwe Meinhold
Quoc Hung N. (53) wurde im August am Landgericht Chemnitz wegen Totschlag verurteilt. Er hat 1995 zwei Brüder getötet. Täter und Opfer sollen zur damaligen "Zigarettenmafia" gehört haben.
Quoc Hung N. (53) wurde im August am Landgericht Chemnitz wegen Totschlag verurteilt. Er hat 1995 zwei Brüder getötet. Täter und Opfer sollen zur damaligen "Zigarettenmafia" gehört haben.  © Harry Haertel

Aber vielleicht zeigt es nur, dass aus der Vergangenheit gelernt wurde.

Titelfoto: Harry Haertel/Steffen Füssel

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