Chemnitz - Erst Tietz, dann Johanniskirche, bald Hartmannstraße/Festplatz – und jetzt auch noch der Brückenstraßen-Stumpf? In der Chemnitzer Innenstadt verschwindet seit Jahren Stück für Stück das, was Autofahrer am meisten suchen: öffentliche Parkplätze. Nun will die Stadt auch den großen Parkplatz am Brückenstraße-Stumpf schrumpfen. Doch wie stellt sich die Bauverwaltung das vor?
Eine Antwort darauf blieb Baubürgermeister Thomas Kütter (50, parteilos) auf eine TAG24-Anfrage am Dienstag zunächst schuldig.
In der vom zuständigen Fachausschuss knapp beschlossenen Vorplanung einer grünen Promenade hatte Kütter die Fläche als "überdimensionierte Stellplatzanlage" bezeichnet. Von rund 150 Parkplätzen sollen nach der Rathaus-Idee etwa 70 übrig bleiben.
Für Christian Tautenhahn (65) ist das schwer nachvollziehbar. Der Raumausstatter betreibt direkt dort sein Geschäft und sagt: "Das ist der einzige innerstädtische Parkplatz, der für Anwohner und Besucher da ist und der Geld einbringt."
Direkt nebenan wohnen rund 450 Menschen in den GGG-Blöcken. GGG-Sprecher Erik Escher bewertet die Aufwertung des Areals zwar "grundsätzlich positiv", mahnt aber: "Die Parksituation für unsere Mieterinnen und Mieter ist im weiteren Prozess relevant."
Der Streit trifft einen Nerv. Mit der Neuen Johannisvorstadt verschwanden rund 500 öffentliche ebenerdige Stellplätze. Am Parkplatz Hartmannstraße/Festplatz stehen mittelfristig weitere fast 100 Plätze auf der Kippe.
Gespaltene Meinung unter den Parteien
In der Politik knirscht es entsprechend. Detlef Wuttke (65, CDU) betont, "dass wir einer nahezu Halbierung der bisherigen Stellplatz-Zahlen nicht zustimmen werden". Ziel sei, weiter ungefähr 100 Stellplätze zu erhalten – ausdrücklich auch mit Blick auf Händler im Umfeld.
Die AfD wird noch schärfer: "Die Planung ist ein weiterer Versuch, Autos aus der Innenstadt zu verdrängen", so Sebastian Wappler (35) von der Ratsfraktion.
Ähnlich äußert sich Ulrich Oehme (66) von der konkurrierenden AfD-Stadtratsfraktion.
Auch das BSW stellt sich gegen den Parkplatzschwund. Jeannette Wilfer (36) findet Aufwertung grundsätzlich richtig, aber nicht ständig "auf Kosten der Autofahrer".
SPD-Stadtrat Jürgen Renz (51) schlägt einen Mittelweg vor: Erst müsse der konkrete Bedarf in der Umgebung geklärt werden, „Priorität haben dabei die Anwohner“. Danach könne man Lösungen suchen.
Grüne und Linke sehen das entspannter. Joseph Israel (26, Grüne) verweist auf "unzählige Parkhäuser, Tiefgaragen und Parkplätze" in der Umgebung.
Toni Späth (27, Linke) hält den Eingriff ebenfalls für vertretbar: Es falle ja nur ein Teil der Stellplätze weg, außerdem gebe es in der Innenstadt genug Parkhäuser und mit der Zentralhaltestelle eine sehr gute ÖPNV-Anbindung.
Wie kommt Ihr in die Innenstadt?
Annett Raßmus (64, Erzieherin) und Annetta Böhm (90, Rentnerin)
"Ich meide die Innenstadt mit dem Auto", sagt Anett Raßmus. "Wo soll man denn hier parken?"
Ihre Mutter Annetta Böhm ergänzt: "Ich setze mich in die Straßenbahn, in den Bus und fahre wieder nach Hause. Einzige ist: Wir haben zu schleppen."
Patrick Zübner (42, Rettungssanitäter)
"Ich bin Autofahrer. Da ich im Rettungsdienst arbeite und jederzeit abrufbereit bin, ist für mich Bus und Bahn ganz schwierig. Wenn ich weggehe, fahre ich tatsächlich mit der Bahn rein, weil die Parkmöglichkeiten hier katastrophal oder teuer sind."
Marion Krause (65, Rentnerin)
"Ich fahr nur noch mit den Fahrrad rein. Im Chemnitz Center kosten die Parkplätze nichts. Wenn wir mal shoppen gehen, gehen wir als Chemnitzer lieber dahin. Die Innenstadt wird damit platt gemacht. Viele wollen keine Parkgebühren bezahlen."
Sabine Nieher (39, Lehrerin)
"Wir fahren gern mal mit der Bahn. Aber gerade nicht, weil am Falkeplatz gebaut wird. Straßenbahn ist auch echt teuer. Wir sind normalerweise zu fünft. Wenn man das in Relation sieht, ist das Parken wesentlich günstiger."
Gisela Müller (79), Rentnerin
"Wir fahren nur mit den Fahrrädern, weil wir mit den Auto nicht wissen wohin. Wir haben das Glück, dass wir nicht weit weg wohnen. Das ist auch unsere Art uns fit zu halten."