Ex-Innenminister Heinz Eggert: Auch ein Jugendpfarrer geht mal in Rente

Dresden - So cool kann 74 sein. Mit fliegendem Schritt und lässiger Lederjacke rauscht Heinz Eggert ins Verlagsgebäude. Der frühere Jugendpfarrer, Innenminister und Talkmaster ist heute jugendlicher Pastor in Rente.

Locker wie eh und je: Heinz Eggert (74, CDU).
Locker wie eh und je: Heinz Eggert (74, CDU).  © Eric Münch

"Dann wollen wir mal", dröhnt sein sonorer Bariton. Wir auch, denn eigentlich äußert sich Eggert nicht mehr zu politischen Dingen. Zumindest, wenn sie aktuell sind. Aber "30 Jahre Sachsen", da ist er dabei.

"Schillernd" würde es treffen, wäre das nicht negativ besetzt: Ein Typ wie aus dem Drehbuch, eine Biografie wie selten noch, ein Geistlicher mit luther'scher Unbeirrbarkeit im Auftritt, ein politischer Anpacker mit Kante und Charisma. Einer, auf den gezeigt wurde. Vor allem aber ein CDU-Mann, der der heutigen CDU fehlt.

Ist er mit dem Motorrad gekommen? "Nö, das ist vorbei. Ich hab' lieber aufgehört", sagt er und erzählt von einem freiwilligen Absprung auf der Fernverkehrsstraße mit 120 km/h vor 15 Jahren. 

"Sonst wäre mir an der Bande vielleicht Bein oder Arm abgerissen worden. So blieb es bei zwei Kratzern. Dann war's vorbei mit der Fahrsicherheit."

Schluss ist auch mit der Hospizarbeit, für die sich Eggert seelsorgerlich aufopferte. Nur das ein oder andere Gespräch mit Jetzt-Innenminister Roland Wöller (50, CDU) gibt es gelegentlich ("Er hat einige falsche Ansichten gehabt, die ihn zu Fehlentscheidungen gebracht haben."). 

Ansonsten genießt er den Ruhestand, das Ausschlafen. - Nach all den Kämpfen in zwei Systemen und der einen großen Niederlage: Am 19. Juni 1995 trat er als Innenminister zurück.

Eggert im TAG24-Gespräch mit Redakteur Torsten Hilscher (52).
Eggert im TAG24-Gespräch mit Redakteur Torsten Hilscher (52).  © Eric Münch

"Ich bin bisexuell, ja."

Der ehemalige Vorzeigepolizist Sam Meffire (heute 50).
Der ehemalige Vorzeigepolizist Sam Meffire (heute 50).  © Hartmut Richter

"Ein Tag, der Wunden hinterlassen hat." Auslöser waren Behauptungen junger Mitarbeiter über sexuelle Belästigung. 

"Ich hätte bleiben können, niemand, auch Biedenkopf nicht, hat mich gedrängt. Aber es gibt Situationen, da wird einem das Gesicht zerschlagen." Dann gelte in der Politik: aufhören! "Das hat etwas mit Selbstachtung zu tun." Und damit, dass er angeschlagen war.

Danach prozessierte er gegen einen der drei erfolgreich. Zu sagen bleibt: "Ich bin bisexuell, ja." Aber sonst war da nix. Eine Intrige, wie er betont.

Enttäuschung schwingt auch in den Erinnerungen an Sam Meffire (heute 50) mit, den farbigen Vorzeigepolizisten, der hinschmiss und kriminell wurde. Immer, auch noch heute, stellte sich Eggert hinter die sächsische Polizei als Ganzes. 

"Nur eine Polizei, die geschützt wird von der Politik, kann auch den Bürger schützen", lautet sein Credo. Was die Bürger vom Staat wollen, hörte er sich gern in Kneipen an.

Moderator blieb Heinz Eggert noch lange

Eggert 1999 mit Erich Böhme bei n-tv.
Eggert 1999 mit Erich Böhme bei n-tv.  © Copyright: imago/teutopress

Der Wähler belohnt es: Mit 65,2 Prozent durfte Eggert 1998 Landtags-Abgeordneter bleiben. An diese Zeit erinnert ihn vor allem der Sozialdemokrat Karl Nolle (heute 75). 

"Er war eine Bereicherung fürs Parlament, hat mit Verve, aber auch mit unfairen Mitteln gearbeitet", so Eggert über den Biedenkopf-Jäger.

Nach und nach habe der SPD-Mann wohl "so'n Überzeugungsbewusstsein gehabt, er muss liefern". Auch mit ihm traf er sich vor Gericht; anschließend, so Eggert, musste Nolle Behauptungen über den CDU-Mann aus einem Buch streichen.

Das Predigen als Pfarrer hat er schon lange eingestellt ("Man ist, wenn man in der Politik war, verdorben für die Kanzel."). 

Doch Moderator blieb er noch lange, zuletzt 2018 bei Runden mit Ehrenamtlern für die Sächsische Staatskanzlei.

Der Motorradfan Heinz Eggert, hier im Jahr 2000.
Der Motorradfan Heinz Eggert, hier im Jahr 2000.  © Ove Landgraf

Das ist Heinz Eggert

Eggert im Alter von 22 Jahren.
Eggert im Alter von 22 Jahren.  © privat

Heinz Eggert wird am 6. Mai 1946 in Rostock geboren. Er lernt bei der Deutschen Reichsbahn, arbeitet sich bis zum Fahrdienstleiter hoch. 

1968 Rausschmiss: Eggert hat gegen den Einmarsch der Sowjets in die CSSR protestiert, wo die Kommunisten den "Prager Frühling" niederwalzen.

Doch der Hafen Rostock-Warnemünde, wo er eingesetzt war, ist Grenzgebiet und damit staatswichtiges Territorium.

Durch seine Frau aus Sachsen zum Christentum geführt, studiert er in der Heimatstadt Theologie. Es folgen Stationen als Pfarrer in Oybin und Jugendpfarrer in Zittau. 

Ab Mai 1990 ist er Landrat in Zittau, verdient sich den Namen "Pfarrer gnadenlos", weil er gegen SED-Funktionäre rigoros vorgeht, wie es Altkader empfinden. Bis dahin parteilos, tritt er im Oktober 1990 in die CDU ein.

Es folgen die Stationen Landtag und Innenministerium.

Titelfoto: Eric Münch

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