Meister-Spion für sieben Geheimdienste: Wie ein Dresdner den BND blamierte
Dresden - In der Spionagegeschichte dürfte dieser Mann weltweit der ewige Rekordhalter bleiben. Der gebürtige Dresdner Heinz Felfe arbeitete in seinem Leben für insgesamt sieben Geheimdienste. Vor 65 Jahren, am 6. November 1961, klickten im BND-Hauptquartier in Pullach die Handschellen. Als Chef der Gegenspionage gegen die Sowjetunion war Felfe als Agent des sowjetischen KGB enttarnt worden. Eine Blamage, welche die Bundesrepublik schwer erschütterte. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der für sein Ego und seine Karriere skrupellos seine Unterstellten ans Messer lieferte.
Als BKA-Beamte in Pullach das Dienstzimmer des Regierungsrates auf Probe stürmten, versuchte dieser noch schnell einen Mikro-Film mit brisanten Informationen für Moskau zu verschlucken. Das konnte ein Polizist verhindern.
Doch dieses Beweisstückes hätte es nicht mehr bedurft. Denn nach einer mehrwöchigen Überwachung wusste man inzwischen so einiges über den Lebenslauf und die Agententätigkeit des damals 43-jährigen Felfe.
Er wuchs in Dresden auf, sein Vater war Polizei-Chef des Sittendezernates. Schon damals unternahm der kleine Heinz alles, was der späteren Karriere dienen könnte. Er trat zum frühestmöglichen Zeitpunkt der Hitlerjugend bei und mit Volljährigkeit der NSDAP. Bereits mit 17 bewarb er sich bei der SS, wo er es bis zum Obersturmführer schaffen sollte.
Mit 22 Jahren ließ sich der arbeitslose Felfe vom SD, dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, als V-Mann anwerben - sein erster Geheimdienst. Bald schon betreute er vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin aus verschiedene Agentennetze der Nazis im europäischen Ausland.
Felfe unterwanderte Organisation Gehlen
Dass sich Verrat persönlich lohnt, lernte er nach dem Krieg in britischer Kriegsgefangenschaft kennen. Dort gab er die Namen und Kontakte aller ihm bekannten SD-Agenten preis. Im Gegenzug wurde ihm bescheinigt, dass er kein Kriegsverbrecher und für die deutsche Polizei geeignet sei.
Obendrein durfte er einige Jahre für das britische MI6 Spitzelberichte anfertigen. Dazu trat Felfe in die KPD ein und spionierte deren Strukturen und Abgeordnete aus. Doch irgendwann wurden die Kommunisten misstrauisch und schnitten ihn von Informationen ab - danach brauchten ihn die Briten nicht mehr.
In seiner finanziellen Not erinnerte er sich an einen alten Kumpel aus Dresdener Zeiten. Johannes Clemens, ebenfalls einst SD-Agent, hatte inzwischen beim KGB angeheuert. Auf dessen Empfehlung unterzeichnete Felfe im September 1951 eine Verpflichtungserklärung, die in der Bundesrepublik neu entstehenden Nachrichtendienste zu unterwandern.
Einer davon war die Organisation Gehlen (OG), welche von den Amerikanern finanziert wurde. Sie wählten ausgerechnet den einstigen Wehrmachtsoffizier Reinhard Gehlen, Leiter der Aufklärungsabteilung "Fremde Heere Ost", für den Aufbau eines Geheimdienstes. Und Gehlen vertraute vornehmlich alten Seilschaften und stellte bevorzugt ehemalige SD-Agenten und Wehrmachtsoffiziere ein.
Meister-Spion wird Leiter des BND-Referats "Gegenspionage Sowjetunion"
Auch die beiden Dresdner wurden von Pullach angestellt, und Felfe erklomm schnell sämtliche Sprossen der Karriereleiter. Denn vom KGB erhielt er reichlich Material zugespielt, welches die westlichen Geheimdienste bisher nicht kannten.
Einiges davon war dazu gedacht, den Feind auf die falsche Fährte zu locken. Anderes aber erwies sich als sensationell echt. Felfes angebliches Agentennetz im Osten brachte ihm nun bezahlte Aufträge der CIA ein.
Im April 1956 entstand aus den Tausenden Mitarbeitern der OG der BND mit Reinhard Gehlen als Präsidenten. Felfe leistete bei seinem nunmehr sechsten Geheimdienst in der Abteilung Gegenspionage gegen die Sowjetunion - so schien es - wertvolle Arbeit, sodass er 1958 zu deren Leiter (1707 D-Mark Gehalt) wurde.
Dennoch wunderte man sich, dass ausschließlich Felfes Agentennetze lieferten. Die der anderen Kollegen brachen ständig zusammen.
Verurteilung zu 14 Jahren Zuchthaus
Zunächst kam man nicht darauf, dass es am eigenen Abteilungsleiter lag, welcher Zugriff auf sämtliche Informationen der Gegenspionage hatte. In zehn Jahren hatte er per Mikro-Film Fotos von über 15.000 geheimen Dokumenten an den KGB geliefert.
Die Identitäten von mindestens 95 BND-Agenten wurden so enttarnt. Einige von ihnen landeten im Gulag, andere starben bei mysteriösen Unfällen oder verschwanden spurlos von der Bildfläche.
Zusätzlich wurden etwa 100 CIA-Agenten "verbrannt". Insgesamt dürfte Felfe in dieser Zeit vom KGB dafür etwa 300.000 D-Mark erhalten haben.
Erst nachdem ein polnischer Doppelagent in die USA geflohen war, konnte der Maulwurf von Pullach identifiziert werden. Nach wochenlanger Überwachung flog die Verbindung von Felfe und Clemens zum KGB auf.
Heinz Felfe wurde zu 14 Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats in Tateinheit mit Geheimnisbruch in besonders schwerem Fall, mit Verwahrungsbruch in gewinnsüchtiger Absicht mit schwerer Bestechlichkeit verurteilt. Im Februar 1969 kam er im Zuge eines Gefangenenaustauschs mit der DDR frei.
"Kundschafter des Friedens" genießt Privilegien in der DDR
Zurück in der DDR wurde Felfe mit Orden überschüttet und als "Kundschafter des Friedens" gefeiert. An der Humboldt-Uni schloss er pro Forma sein während der Nazi-Zeit abgebrochenes Jurastudium ab und durfte danach als Professor der Kriminalistik lehren.
Der Verräter genoss ein privilegiertes Leben. Zum Professoren-Gehalt (1600 Mark) kamen vom MfS (Stasi) weitere 2200 Mark. Sein siebter Geheimdienst übernahm auch die laufenden Kosten seines Hauses in Berlin-Weißensee und seines Autos (BMW 2000). Alle seine Wünsche wurden erfüllt, weil Felfe dazu neigte, sich schnell mal in Moskau zu beschweren.
Im Auftrag des KGB schrieb er seine Memoiren "Im Dienst des Gegners", welche zunächst in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden.
Nach der Wende wollte ihn der BND erneut engagieren, um mehr über den KGB zu erfahren - Felfe lehnte ab. Wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag, zu welchem ihm Putins Geheimdienst 2008 noch öffentlich gratulierte, starb er in Berlin.
Titelfoto: Montage: picture alliance/dpa, Deutsche Fotothek/Morgenstern

