Dresden - Es gibt Autoren, die ihren Stoff nicht einfach erzählen, sondern freilegen, Schicht für Schicht, als würden sie eine Wunde untersuchen, ohne sie gleich schließen zu wollen. Iryna Fingerova aus der Ukraine arbeitet auf diese Weise. "Zugwind" heißt der autobiografisch geprägte Roman der in Dresden lebenden Ärztin und Autorin.
Geboren (1993) und aufgewachsen in Odessa, geprägt von einer jüdisch-ukrainischen Lebenswelt, trägt Fingerova eine Erfahrung in sich, die sich nicht abschütteln lässt: das gleichzeitige Leben in mehreren Wirklichkeiten.
Seit 2018 lebt sie als Ärztin, Journalistin und Autorin in Sachsen, erst in Kamenz, seit 2022 in Dresden.
Fingerova ist nicht als Geflüchtete gekommen, doch ist sie mit dem Schicksal der infolge des Krieges nach Dresden exilierten Ukrainern auf das Engste verbunden.
Die Protagonistin ihres Buches, die Ärztin Mira Zehmann, ist ein bisschen Alter Ego. "Vieles im Buch ist Erfindung, anderes selbst erlebt", so Fingerova. Entscheidend ist nicht allein die äußere Parallele, sondern ebenso die innere Bewegung: das Gefühl, zwischen Herkunft und Zukunft in unsicherer Gegenwart zu sein.
Iryna Fingerovas Stil ist direkt und durchlässig
Wie Iryna Fingerova beginnt Mira Zehmann ihr Leben in Dresden als Hausärztin. Während Fingerova sich mit ihrer Familie - 2019 kommt die Tochter zur Welt - in der Stadt niederlässt, marschiert Russland in die Ukraine ein. Der Krieg in der Heimat durchdringt in der Sorge ums Heimatland und die dort verbliebenen Verwandten als stetige Unruhe ihr neues Leben.
Auch diese Parallele findet sich im Buch: Für Mira Zehmann wird die Praxis zum Ort, an dem sich Geschichten bündeln: Patientinnen und Patienten, aus der Ukraine geflohen, die nicht nur Krankheiten mitbringen, sondern Erinnerungen, Sehnsucht, Verluste, Fragen.
Zwischen Familie, Verantwortung und innerer Zerrissenheit entsteht für Mira ein innerer Konflikt: Wie fügt man wieder zusammen, was in der - auch eigenen - Lebenswelt zerbrochen ist?
Der Zugwind aus dem Titel ist kein wirkliches Ereignis, sondern ein Zustand: ein ständiges Ziehen, ein Unwohlsein, das durch alle Ritzen kommt. Fingerovas Stil ist direkt und durchlässig. Er verzichtet auf große Gesten, doch nicht auf Intensität und am wenigsten auf Humor. Sie schreibt nicht über Traumata im lauten Sinn. Sie schreibt darüber, wie sich das Unbehagen im Alltag und seinen Routinen einnistet. Das Ineinander von Schwere und Leichtigkeit gelingt der Autorin dabei glaubwürdig und berührend, wobei die Lebensfreude gegenüber dem Deprimierenden das letzte Wort hat.
Iryna Fingerova möchte sich in Dresden ein Leben aufbauen
Iryna Fingerova übersiedelte zusammen mit ihrem Mann, Mediziner wie sie, nach Sachsen. Er war eher fertig mit Studium und Ausbildung, mittlerweile arbeite er als Arzt an der Uniklinik. Fingerova arbeitete drei Jahre als Hausärztin in einer Praxis in der Neustadt. Zurzeit macht sie Pause, um sich in Ruhe auf ihre Facharztprüfung in Allgemeinmedizin zu konzentrieren.
Das neue Leben in Sachsen - erst Kamenz, jetzt Dresden - kostet Kraft. "Anfangs war es wie ein sozialer Tod", erinnert sie sich. Beruf, Bekanntschaften, die Sprache, die sozialen Codes: "Alles mussten wir neu aufbauen."
Auch sind nicht alle Menschen auf Ausländer, selbst Kriegsflüchtlinge, gut zu sprechen. Manche solcher Episoden sind in das Buch eingeflossen, etwa jene, als Mira Zehmann von einer Bahnschaffnerin beschimpft wird ("Verfluchte Ausländer"). "Man muss als Ausländer immer gewappnet sein, verletzt zu werden", so Fingerova. Da brauche es einen stabilen Selbstwert und viel Humor. In den Worten Mira Zehmanns: "Ich komme klar mit meinem Leben. Ich reite mit verbundenen Augen durch einen Hindernisparcours. Und ich habe Angst, ich schreie und weine, und denke, dass ich mir gleich den Hals breche, aber irgendwie komme ich an, steige vom Pferd, schüttle mich und sehe dabei sogar noch gut aus. Also scheiß auf die Schaffnerin, Zeit, sich zu schminken!"
Iryna Fingerova und ihre Familie, wollen sie zurückkehren in die Ukraine nach dem Krieg? Damals, in Kamenz, habe sie eine Krise gehabt und zurück gewollt, sagt sie. Das ist jetzt anders. Ein-, zweimal im Jahr reist sie nach Odessa, um die Heimat und den dort verbliebenen Bruder zu besuchen, aber ganz und gar zurück will sie nicht. Die Familie ist dabei, sich in Dresden ein Leben aufzubauen. Auch ihre Eltern leben mittlerweile hier, die Tochter geht inzwischen zur Schule.
Der Umzug nach Dresden war nicht durch den Krieg erzwungen, er geschah aus freiem Willen. Deshalb versteht sich Iryna Fingerova nicht als Exilantin. Nicht nur für Dresdens Literaturszene ist sie ein Zugewinn.
Am Dienstag, 20 Uhr, im Societaetstheater liest sie aus "Zugwind".