Theatermacher Wilfried Schulz sieht große Bedrohung von rechts
Dresden/Düsseldorf - Es war eine denkwürdige Theaterintendanz.
Zwischen 2009 und 2016 leitete Wilfried Schulz (74), geboren 1952 in Falkenseee (Brandenburg) und aus Hannover kommend, das Dresdner Staatsschauspiel.
Er brachte einen neuen Theaterstil in die Stadt und etablierte die Bühne als geistiges Zentrum in einer nervösen Zeit, die von Flüchtlingspolitik und Pegida-Protesten gekennzeichnet war.
In Dresden wurde Schulz zu einem der maßgeblichen Theatermacher im deutschsprachigen Raum, anschließend wechselte er als Intendant nach Düsseldorf.
Mit Ende der zurückliegenden Spielzeit ging er in den Ruhestand. Wir erinnern uns mit ihm an die Dresdner Ära.
Nach Hannover kam Dresden
TAG24: Herr Schulz, Sie haben Ihre Karriere als Intendant beendet. Hannover, Dresden, Düsseldorf. Wenn Sie die drei Stationen je mit einem Schlagwort bezeichnen müssten - welche wären das?
Wilfried Schulz: Hannover war für mich der Ort, an dem ich ausprobieren wollte, ob ich Intendant sein kann und will. Ich bin im Kern Theaterdramaturg und habe als Intendant alle meine Häuser aus einem dramaturgischen Verständnis geführt. Hannover war mein Übungsfeld. Der Erfolg dort gab mir das Zutrauen, das Angebot aus Dresden anzunehmen. Dort hat mich neben der theatralischen vor allem die gesellschaftspolitische Herausforderung interessiert. Ich habe selbst eine Ost-West-Biografie, bin im Osten geboren und im Westen aufgewachsen. Ich hatte große Neugier, eine Antwort auf die Frage zu finden, was Kunst und Kultur in einer gesellschaftspolitischen Umbruchsituation bewirken können.
Düsseldorf befand sich dazu in größter Distanz. Das war viel alter Westen verbunden mit rheinländischer Kultur. Eine Stadt, die das Gefühl von Intaktheit vermittelt, auch im Umgang miteinander, und Großzügigkeit im Denken. Gesellschaftliche Probleme gibt es natürlich auch dort.
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Schulz will Zeit nicht missen
TAG24: Ihre Dresdner Zeit war in den letzten Jahren geprägt von Flüchtlingskrise und Pegida-Aufmärschen. Die Stadt war zum Zerreißen gespannt. Sie haben das Staatsschauspiel deutlich gegen Pegida und AfD positioniert. Wie ging es Ihrem Nervenkostüm damals, und wie blicken Sie im Abstand von zehn Jahren darauf?
Schulz: Ich gebe zu, dass diese Situation gesellschaftlicher Zerrissenheit auch nervenzerrend war, möchte diese Zeit aber auf keinen Fall missen, auch die damit verbundene Lebenszeit mit der Familie und Freunden nicht. Die Intendanz am Staatsschauspiel war gesellschaftspolitisch die interessanteste Zeit meines Berufslebens. Weder vorher noch hinterher haben wir einen Spielplan gemacht, der die Geschichte und das Leben der Menschen so direkt aufgenommen hat.
Das Staatsschauspiel zu einem Zentrum des liberalen Denkens zu machen, zu einem gemeinsamen Ort offener Menschen, war das Ziel, und den Nachweis zu führen, dass die Stadtgesellschaft nicht, wie vielfach behauptet, mehrheitlich streng rechts denkt, Demokratie infrage stellt, vergangenheitssüchtig ist. Ihr behauptet eine Mehrheit, die es nicht gibt! Das war unsere feste Überzeugung.
Zuerst ist da immer der Mensch
TAG24: Sie haben in Dresden und Düsseldorf gegensätzliche Extreme erfahren. Wut und Selbstzweifel im Osten, Abgeklärtheit und Selbstzufriedenheit im Westen - kann man’s auf diese Formel bringen?
Schulz: Nur zum Teil. Ich habe an vielen Orten Theater gemacht, außer den genannten etwa in Hamburg, Basel oder Salzburg. Ich habe gelernt, dass das Publikum, egal wo, zu 80 Prozent ähnlich gestimmt ist. Zuerst ist da immer der Mensch mit seinen Empfindungen, Erwartungen, Sehnsüchten. Es gibt da in allen Himmelsrichtungen kaum Unterschiede. Zum Minderanteil kommen Prägungen individueller, regionaler, historischer, politischer Art hinzu.
TAG24: In Dresden war das Staatsschauspiel in Ihrer Intendanz eine treibende politische Kraft. War das in Düsseldorf auch so?
Schulz: Nicht in gleicher Weise, weil die Situation dort eine andere ist.
Die Düsseldorfer sind von rheinischer Gelassenheit, manchmal ein wenig schlampig und großmäulig vielleicht, aber liberal im Grunddenken. In Dresden trägt der Konservatismus immer die Gefahr in sich, dogmatisch zu werden. Die Stärke ist nicht, den Kompromiss zu suchen und das andere gelten zu lassen.
Was bringt die Zukunft?
TAG24: Aktuell liegt die AfD bundesweit bei mehr als 25 Prozent, im Osten ist sie stärker. Der Gegensatz zwischen Ost und West hat sich nicht verringert, sondern verfestigt und verstärkt. Welche Aufgabe hat das Theater in dieser Zeit?
Schulz: Je zerrissener eine Gesellschaft ist, desto mehr kann das Theater ein gemeinsamer Ort für die Menschen sein. Nach meinem Verständnis steht das Theater in der liberalen Mitte unserer Gesellschaft, wie die Werte unseres nicht oft genug zu lobenden Grundgesetzes es ausdrücken: Menschenwürde, Toleranz, Empathie, Zugewandtheit, Vielstimmigkeit. Das Theater ist der richtige Ort, Konflikte austragen, ein Raum, wo wir lernen können, Differenz zu ertragen und sogar zu schätzen. In diesem Sinn sollte das Theater als wichtiger Ort begriffen werden, genutzt und geschützt von einer Gesellschaft, die darauf nicht verzichten kann.
Ich glaube an die Kraft und Solidität einer Haltung, die sich auf der Bühne und jeden Tag im Alltag beweist.
Ein Hoffen auf Vernunft und Zukunft
TAG24: Ohne Theater geht es nicht?
Schulz: Das Theater muss signalisieren und beweisen, dass es Berechtigung hat. Diese Berechtigung hat es nur, wenn das Publikum da ist. Eine Skulptur bleibt eine Skulptur, auch wenn niemand sie anschaut. Theater findet nur statt, wenn es von den Menschen gebraucht wird. Es muss sein Publikum finden und überzeugen, einen einladenden Gestus haben, der sagt: Wir machen es für euch! Den Schlüssel, der diese Tür öffnet, muss man als Theatermacher finden. Das ist uns, so glaube ich, überall gelungen.
TAG24: Sie waren einer der erfolgreichsten Theatermacher im Lande. Dass Sie jetzt in den Ruhestand gehen, mag man nicht so recht glauben. Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Schulz: Ich habe mehr als 50 Jahre in allen möglichen und unmöglichen Funktionen Theater gemacht. Es war ein volles, erfülltes Berufsleben, das mich alles hat tun lassen, was ich tun wollte. Man hat mir in Düsseldorf einen großen Abschied bereitet - zu dem übrigens auch viele Mitglieder des Fördervereins des Dresdner Staatsschauspiels angereist sind, was mich sehr berührt hat. Nun ist es erstmal gut, und ich schaue gelassen auf dieses weite, leere Feld, das vor mir liegt. Mir fehlt nichts. Perspektivisch gesehen möchte ich gerne wieder mehr schreiben, natürlich über Theater und Gesellschaft. Beides befindet sich im Prozess einer großen Transformation und sieht sich einer großen Bedrohung gegenüber, die von rechts kommt.
Das beschäftigt mich sehr. Ich hoffe auf Vernunft und die Zukunft.
Titelfoto: picture alliance/dpa
